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Zu ihm strömen die Gläubigen in die Kirche

Zu ihm strömen die Gläubigen in die Kirche

Als katholischer Pfarrer im Ruhestand ist Ludwin Seiwert bekannt für seine teils unkonventionelle Sichtweise.

Erkrath. Kürzlich hatte er Jean Cocteau zu Gast. Und Albert Camus, diesen schreibenden Philosophen. Natürlich waren die berühmten Herren nicht persönlich gekommen, um über den Tod zu reden. Sie hätten wohl kaum den Weg in die Provinz gefunden und haben ohnehin längst das Zeitliche gesegnet. Genau um dieses Mysterium des Todes ging es jedoch beim Bibelkursus von Ludwin Seiwert (77). Dass ein Pfarrer sich die Gedankenwelt eines philosophierenden Literaten und eines schreibenden Filmregisseurs und Künstlers ins Gotteshaus holt, erlebt man nicht alle Tage. So wie vieles andere auch, das man für eine vom Mitgliederschwund gebeutelte Kirche getrost für ungewöhnlich halten darf.

Als Ludwin Seiwert vor beinahe drei Jahren aus Ratingen in den kirchlichen Ruhestand nach Erkrath entlassen wurde, eilte ihm bereits sein guter Ruf voraus. Ihm war auch dort schon gelungen, wovon man in Kirchenkreisen kaum zu träumen wagt: Er füllte ein Gotteshaus mit Zuhörern, wo andere vor halb leeren Kirchenbänken predigen. Obwohl auch er zu seinem Bibelkreis sagt: „Beim Gottesdienst ist mir Vergleichbares nicht gelungen.“

Es scheint also die Mischung aus intellektueller Ansprache und charismatischer Präsenz zu sein, die üblicherweise beinahe 200 Zuhörer dorthin lockt, wo auf eher unkonventionelle Weise über Gott und die Welt gesprochen wird.

Als Ludwin Seiwert einst öffentlich kundtat, dass man nicht alles glauben müsse, was in der Bibel stehe, flatterte ihm ein anonymer Brief mit harscher Kritik ins Haus. Der Pfarrer nahm’s gelassen und machte daraus kurzerhand eine Steilvorlage für den nächsten Bibelkreis. Er ist eben einer, der sich von sowas nicht erschüttern lässt. Und wenn man ihm zuhört, so spürt man gleich: Da ist jemand ein Leben lang gewachsen an den Widerständen, die sich seinem Wollen entgegengestellt haben.

„Meine Eltern waren nicht damit einverstanden, dass ich Priester werden wollte“, berichtet Ludwin Seiwert vom Kampf um das, was später seine Berufung werden sollte. Immer wieder habe er argumentiert, diskutiert und auch gestritten: Einfach nur ins Priesteramt hineingerutscht sei er jedenfalls nicht. Und was er dabei noch gelernt habe? „Es gehört dazu, sich mit Argumenten von Gegnern auseinanderzusetzen“, sagt er über seine Art, sich auch mit Widersachern an einen Tisch zu setzen.

Gleichermaßen schafft Ludwin Seiwert auch einen Raum für innere Zweifel, die ihn durchaus schon in ihren Bann gezogen haben. „Vielleicht hätte ich doch gerne Kinder gehabt“, gesteht er offen, dass es etwas gibt, dass er trotz seines Einverständnisses mit dem Zölibat in seinem Leben vermisst. Ernsthafte Krisen habe er deshalb jedoch nicht gehabt, dafür sei er zu sehr einverstanden gewesen mit dem selbst gewählten Weg.

Erlaubt ist auch die Frage nach der Gratwanderung inmitten zwischenmenschlicher Gefühle, die vor allem dort zum Problem werden können, wo die Seelsorge ins Allzunahe entgleitet. „Es ist wichtig, bei aller Nähe auch Distanz zu halten“, weiß Ludwin Seiwert.

Ihm selbst falle das Loslassen leicht. Als er in jungen Jahren als Kaplan aus Düsseldorf versetzt wurde, habe er weinen müssen. Später sei ihm das nicht mehr passiert und auch heute noch gebe es nicht viel, woran er wirklich hänge. Schaut man sich in seiner Pfarrwohnung um, so herrscht dort eine nahezu klösterliche Leere: kein Radio, kein Fernseher und nur wenig von dem, womit sich andere ihr Leben zustellen. Derweil lädt Ludwin Seiwert in Geisteswelten ein, die sich nicht mal eben im Vorbeigehen durchdringen lassen. Vom Wesen her sei er kein Rheinländer, wie er selbst sagt. Zum Karneval die rote Pappnase aufsetzen? Das können andere besser.

Menschliche Schicksalsschläge treiben ihn hingegen um. Ein Kind zu beerdigen, das nur einen Tag gelebt habe oder der Selbstmord eines 17-jährigen Mädchens, das er gut gekannt habe: Da gerate man an Grenzen des Erträglichen und des Erklärbaren. Glauben heiße auch nicht, dass jetzt alles klar sei. „Der liebe Gott ist nicht so lieb, wie wir ihn gerne hätten“, er. Schon wieder so ein Satz, der Widerspruch hervorrufen könnte. Sollte das so sein, werden wir wohl bald schon im Bibelkreis davon hören.