Ausstellung: Für jede Zeit das richtige Kleid

Ausstellung: Für jede Zeit das richtige Kleid

Das Ratinger Industriemuseum zeigt die Ausstellung „Kleider und Körper seit 1850“.

Ratingen. Schamhaft verhüllt, zugeknöpft und hochgeschlossen oder aufreizend freizügig, entblößt und anstößig? Um Reiz und Scham geht es bei der aktuellen Ausstellung "Kleider und Körper seit 1850", mit dem das Industriemuseum Cromford ab Freitag wieder einmal hervorragend aufgearbeitete Kulturgeschichte präsentiert. Nach den erfolgreichen Ausstellungen über Dessous und Handtaschen lädt das Industriemuseum zu einer weiteren Reise durch die Geschichte der Mode und des erotischen Reizes, aber auch der Sittlichkeits- und Tugendvorstellungen sowie der Tabubrüche der vergangenen 150Jahre ein.

Wie mit Kleidung der Körper in den Blick gerückt wurde, das wird anhand von mehr als 200Originalexponaten gezeigt: große Ballroben, Gesellschaftskleider, aber auch Sport- und Badeanzüge der jeweiligen Epochen - ergänzt durch historische Accessoires, Fotografien, Zeitschriften. Was und wie viel an nackter Haut durfte gezeigt werden, welche gesellschaftlichen Regeln und Tabus beherrschten die Mode und ihre Trägerinnen, was galt als reizvoll, was als anstößig?

"Die meisten Stücke stammen aus der Sammlung des Landschaftsverbandes, dazu kommen einige private Leihgaben", erklärt Claudia Gottfried, Leiterin des Ratinger Industriemuseums. Zu den besonderen Schätzen zählen die Tageskleider aus der Biedermeierzeit: Massen von edlen Stoffen verhüllten die Frau von Kopf bis Fuß, Schnürkorsetts sorgten für die Betonung von Busen, Taille, der Po wurde mit dem "Cul de paris" hervorgehoben.

"Nackte Haut war verpönt, schon das leichte Lüpfen des Unterrocks setzte alle erotischen Phantasien in Gang", ordnet Martin Schmidt, wissenschaftlicher Mitarbeiter, den Zeitgeist ein. Bei der Abendrobe galten andere Regeln: Entblößte Schultern, nackte Arme und ein tiefes Dekolleté waren nicht nur erwünscht, sondern per kaiserlichem Erlass sogar vorgeschrieben. Schließlich galten vor allem die Debütantinnen-Bälle als Markt für Heiratswillige. Gebadet wurde damals übrigens in voller Montur: Nur mit knöchellangem Badeanzug, Badeschuhen, Hut und Mantel durfte Frau in der Öffentlichkeit ins Wasser.

Um 1900 fiel mit dem Korsett auch alles Einschnürende der Kleidung. Nach dem Untergang des Kaiserreiches wurden auch in der Mode alte Zöpfe abgeschnitten. In den 1920er-Jahren wurde mit den Charlestonkleidern viel Bein gezeigt, nackte Arme waren üblich, tiefe Rückenausschnitte zeigten, was bis dahin tabu war. Die Bademode erlaubt endlich sportliche Betätigung, die Trikots waren wie eine zweite Haut.

In der Nazizeit waren Mode und Moral völlig unentschieden. Die einen hielten den "Gretchentyp" für überwunden, die anderen propagierten Dirndl, Tracht, Haarkranz und -knoten. Moralisch ging’s ebenfalls drunter und drüber. Martin Schmidt: "Einerseits galt Ehebruch als Dienstvergehen, andererseits hatte es noch nie so viele Kondomautomaten gegeben wie damals."

Als Reaktion auf den Sittenverfall im Krieg übernahmen die 1950er-Jahre die Aufgabe, die Frau über die Kleidung zu formen. Die Silhouette war ebenso wichtig wie die strengen Benimmregeln. Im Privaten durfte es aber frivol zugehen. Kataloge mit sündhaft teuren "Baby Dolls" wurden im anonymen Umschlag verschickt. In den 1970er-Jahren herrschten zwei Modeströmungen: zurück zur Natur und gemütlich leben in Kunststoff. Mini-Röcke und "Brigitte"-Diät, Polyesterkleider und Plateauschuhe standen selbst gestrickten Wollsachen, Latzhosen und Schlabbersachen der Hippie-Bewegung gegenüber.

Breite Schultern, sichtbare Unterwäsche, figurbetonter Schnitt und die dafür erforderliche Fitnesswelle waren zehn Jahre später prägend für die 1980er-Jahre.

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