Zu wenig Blutspenden in Krefeld - „Das Problem wird immer größer“

WZ-Blutspendetag : Zu wenig Blutspenden in Krefeld - „Das Problem wird immer größer“

In Krefeld wird weniger Blut gespendet als benötigt. Das Deutsche Rote Kreuz macht deutlich, wie ernst die Lage ist. Auch ein Blutspendetag der WZ soll helfen. Aber was passiert mit den Konserven eigentlich?

Der Kühlraum, der für das Überleben so vieler Menschen entscheidend ist, wirkt zunächst wie ein Lager im Lebensmittelhandel. Die Klimaanlage surrt, grüne und rote Plastikkisten stapeln sich in den Metallregalen. In den Kästen liegen allerdings rot gefüllte Beutel, es sind Blutkonserven für die Regierungsbezirke Düsseldorf und Köln. An diesem Montagmorgen sind einige Lücken in den Schränken. Dort, wo das Schild für die Blutgruppe „0 positiv“ hängt, ist nichts außer der weißen Wand zu sehen.

Das Blutspendezentrum des Deutschen Roten Kreuzes in Ratingen, das auch für Krefeld zuständig ist, ist vom Mangel an Spendern genauso betroffen wie Einrichtungen im ganzen Land. „Das Problem wird immer größer, obwohl die Kliniken in den letzten Jahren weniger Transfusionen vorgenommen haben“, sagt Stephan Küpper, der sich um die Öffentlichkeitsarbeit des Zentrums kümmert. Menschen ansprechen, begeistern, für die Blutspende werben. Das ist sein Job. Zuweilen scheint das ein verzweifeltes Unterfangen zu sein. Die Aussichten sind dramatisch. Die Gesellschaft wird älter, daher wird der Bedarf weiter ansteigen. Dass genug Menschen spenden, ist existenziell. Bei Unfällen oder Operationen braucht es häufig Blutreserven – sofort.

In der Stadt gibt es
enormen Nachholbedarf

Der Krefelder Beitrag zur Lösung des Engpasses ist bislang schwach. „In der Stadt gibt es enormen Nachholbedarf“, sagt Küppers Kollegin Susanne Böttcher vom Blutspendezentrum. Im Jahr 2017 bekamen die Krefelder Krankenhäuser 7600 Konserven, im Stadtgebiet wurden aber nur 1444 Konserven gespendet. Das DRK möchte gemeinsam mit der WZ die Bilanz verbessern. Am 21. Februar findet daher im Medienhaus an der Rheinstraße 76 der WZ-Blutspendetag statt. Böttcher hofft auf 300 Spender. Das könnte den Trend der rückläufigen Spenderzahlen ein wenig auffangen. Im Jahr 2002 gaben noch 3500 Krefelder einen Teil ihres Bluts, 15 Jahre später war es nur noch die Hälfte. Das DRK kann sich den Rückgang nicht so recht erklären.

Das Blut, das in Krefeld zusammenkommt, bringt der Kühllaster nach Ratingen. Die Sammelstelle ist gleich am Breitscheider Kreuz gelegen und somit bestens angebunden. Stunden später kommen die Beutel von Ratingen zur Untersuchung in die Zentrale in Hagen. „Dort wird das Blut in seine Bestandteile verarbeitet“, sagt Küpper. Rote Blutkörperchen, Blutplättchen und Plasmapräparate werden je nach Bedarf eingesetzt. „Deshalb sagen wir, dass eine Spende drei Menschen in sieben Tagen helfen kann“, sagt Küpper.

In Hagen wird das Blut zusätzlich untersucht. Hat der Spender Geschlechtskrankheiten oder Hepatitis? Dann kommt der Beutel aus dem Kreislauf und das DRK informiert den Spender. Das alles läuft innerhalb von 24 Stunden ab, weil Blut nicht ewig haltbar ist. Innerhalb von einer Woche werden die Konserven in der Regel verbraucht. Das aufbereitete Material kommt wieder zurück zur Verteilstation in Ratingen. Die Logistik ist aufwendig und teuer. Laster brausen vom Hof des Spendenzentrums oder kommen zurück. Für eine flächendeckende Versorgung müsse man eben „jede Milchkanne“ erreichen, sagt Küpper. Das gespendete Blut bleibe dabei in der Region, aus der es kommt.

Rund um die Uhr ist der
Vertrieb an jedem Tag besetzt

Einen großen Teil verteilt das DRK gleich an die Krankenhäuser, einige Beutel sind in der Zentrale vorrätig. Rund um die Uhr ist der Vertrieb an jedem Tag besetzt. Die Gänge sehen aus wie im Krankenhaus, die Mitarbeiter arbeiten zügig und still. Volle Konzentration, damit die Versorgung nie zusammenbricht. Zwei Mitarbeiterinnen tragen die Beutel mit dem gelben Blutplasma. Gleich hinter ihnen steht ein Schrank, in dessen Kühlfächern weitere Reserven lagern. Muss eine Spende zum Patienten, kommt sie in eine Box wie beim Versandhandel. Zwei junge Fahrer stehen gerade in ihren orangenen Jacken am Tresen der Verteilstation. Rasch reicht eine Mitarbeiterin ihnen eine Box für ein Essener Krankenhaus raus, schon eilen sie zum Auto. Bald kommen die nächsten.

Neben dem DRK kümmern sich weitere teils kommerzielle Anbieter um die Blutversorgung in Deutschland. Seine Organisation sei Gewährleister des Systems, sagt Küpper. Neben der Versorgung rund um die Uhr geht es um Spezial-Reserven. Die Blutgruppe „Bombay“ stammt, wie es der Name verrät, aus Indien. In Deutschland ist der Bedarf entsprechend gering. „Dennoch haben wir passende Reserven an zwei Orten in Deutschland eingefroren“, sagt Küpper. Für private Unternehmen lohnt sich der Aufwand finanziell nicht. Das DRK kann im Notfall eingreifen. Ansonsten deckt die Organisation ohnehin mit 850000 Spenden jährlich 70 Prozent des Bedarfs in Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und dem Saarland ab.

Gibt es einen Notfall hier in der Region, muss es in der Verteilstation in Ratingen schnell gehen. Eine rote Lampe an der Wand leuchtet auf, eine Nachricht mit allen wichtigen Informationen trifft ein. Der Facharzt im Blutspendezentrum bestimmt das weitere Vorgehen. Der Job erfordert heftige Entscheidungen. Zuweilen wird eine spezielle Blutreserve gleichzeitig mehrfach benötigt, ist aber nicht oft genug vorrätig. In diesen Situationen muss der Mediziner abwägen, wer sie nun dringender braucht – und vor allem, wer nicht.

Küpper hofft, dass neue Spender solche Extremsituationen seltener machen. „Wir brauchen Leute, die regelmäßig kommen“, sagt der DRK-Mann. Das heißt: Mindestens zwei Mal im Jahr spenden. Das habe Vorteile. Klar, geht es um das gute Gefühl, zu helfen. Es gebe aber auch deutliche Hinweise darauf, dass durch regelmäßiges Spenden das Herzinfarktrisiko sinkt. Auf etlichen Wegen versucht Küpper, Neulinge zu erreichen. Spendenmobile düsen zu Betrieben oder Universitäten. Sogar in der Rheinbahn knarzten kürzlich Termine durch die Lautsprecher. „Ich akzeptiere ja viele Ausreden wie Angst vor Spritzen“, sagt Küpper. Die Argumente man habe keine Zeit gehabt oder keinen Ort zum Spenden gefunden, lasse er nicht gelten.

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