Wirtschaft: Eine vielfältige Belegschaft lohnt sich

Wirtschaft : Eine vielfältige Belegschaft lohnt sich

Wenn sich Alter, Geschlecht und Herkunft bei Mitarbeitern unterscheiden, läuft die Arbeit besser. Die Industrie lobt die Vielfalt.

Ein einzelner Buchstabe ist der Bote der Veränderung in etlichen Betrieben. Das „d“ als Abkürzung für das Geschlecht „divers“ findet sich vermehrt in Stellenanzeigen. Die Verwaltung der Stadt, die Alexianer Klinik und Industriebetriebe wie Schmolz+Bickenbach Guss suchen Mitarbeiter unter dem Kürzel m/w/d, männlich/weiblich/divers. Das dritte Geschlecht, das seit Anfang des Jahres offiziell im Geburtenregister eingetragen werden kann, ist Teil eines Wandels. „Diversity Management“ heißt der Trend. Unternehmen bemühen sich, alle Geschlechter, verschiedene Altersgruppen und Menschen mit unterschiedlicher Herkunft zu gewinnen. Was erhoffen sie sich davon? Und wie verändert das die Arbeit? Arbeitgeber und Wirtschaftsvertreter berichten.

Warum setzen Unternehmen auf eine vielfältige Belegschaft?

Petra Pigerl-Radtke, Geschäftsführerin der Industrie- und Handelskammer Mittlerer Niederrhein, nennt den Fachkräftemangel als Grund. Mittlerweile müssen Arbeitgeber auf Bewerber zugehen, berichtet Pigerl-Radtke. Zeiten, in denen junge Männer beispielsweise bei Handwerks- oder Industriebetrieben nach der Schule Schlange standen, sind vorbei. Daher bemühen sich viele Firmen, einen weiteren Bewerberkreis anzusprechen. „Wir haben beispielsweise Inklusionsberater und Willkommenslotsen“, sagt Pigerl-Radtke. Sie helfen den Mitgliedsbetrieben, Menschen mit Behinderung beziehungsweise Geflüchtete für die Arbeit zu gewinnen und zu integrieren.

Diese notwendige Veränderung hat einen erfreulichen Nebeneffekt. „Das Betriebsklima verbessert sich“, sagt Pigerl-Radtke. Die Angestellten eines vielfältig aufgestellten Unternehmens sind motivierter und effektiver, bestätigt etwa eine von der Europäischen Komission veröffentlichte Studie. Die Kollegen ergänzen sich besser und lernen voneinander.

Wie verändert der Trend
die Betriebe?

Wer auf Vielfalt im Kollegenkreis achtet, muss für diverse Bedürfnisse sorgen. Das bedeutet, dass es zum Beispiel flexible Arbeitszeitmodelle und Wiedereinstiegsprogramme nach der Elternzeit gibt, so Sabine Haberland-Hoffmann, Gleichstellungsbeauftragte der Sparkasse Krefeld. Auch die Sprache in Unternehmen wandelt sich. „In der gesamten internen und externen Kommunikation wird der Gebrauch gendersensibler Sprache praktiziert“, sagt Haberland-Hoffmann. In Schreiben werden explizit alle Geschlechter angesprochen.

Ohne Anpassung, so scheint es, wird es für Unternehmen schwierig, qualifiziertes Personal zu finden. Employer Branding, also der Versuch, sich im Arbeitsmarkt positiv von Konkurrenten abzuheben, wird gerade für kleine und mittlere Betriebe immer wichtiger, sagt Pigerl-Radtke. Gerade diese können selten mit ihrem berühmten Namen punkten. Sie müssen also mehr als einen Job bieten, um bei potenziellen Bewerbern aufzufallen.

Was bedeutet die Entwicklung
für Berufseinsteiger?

Für junge Leute ist die Entwicklung zur Vielfalt eine Chance. Die IHK, so berichtet Geschäftsführerin Pigerl-Radtke, organisiert Schulkooperationen. Dabei besuchen potenzielle Arbeitgeber die Klassen und stellen sich vor. Dabei kämen junge Leute häufig auf Branchen und Firmen, an die sie zuvor nicht gedacht hätten, sagt Pigerl-Radtke. Früher habe es so einen Austausch nicht gegeben. Ausbilder sprachen nur ein bestimmtes Klientel an.

Die Sparkasse versucht bereits, Vielfalt bei Auszubildenden herzustellen. „Uns ist ein junger Mensch mit einem mittleren Schulabschluss im Alter von 16 Jahren ebenso willkommen, wie Studierende, die das Studium abbrechen und eine neue Orientierung suchen“, sagt Haberland-Hoffmann. Das Beispiel zeigt die Möglichkeit ordentlich qualifizierter junger Leute. Vielerorts wird Nachwuchs dringend benötigt, sodass sich Jugendliche ein attraktives Angebot aussuchen können.

Wie verändert sich die Außenwirkung durch Vielfalt?

Gerade bei Teams, die mit einer vielfältigen Kundengruppe in Kontakt kommen, scheint sich „Diversity Management“ zu lohnen. Die Sparkasse etwa berichtet von Anerkennung der Kunden.

Die Alexianer bezeichnen die Vielfalt in der Personalstruktur als „sehr lohnend“ für Patienten im Krankenhaus und Bewohner der Pflegeeinrichtungen. Schließlich seien auch die Menschen, die sich behandeln lassen, unterschiedlich. Kommunikation und Verständigung seien einfacher, wenn sich Alter und Kulturen der Patienten in der Arbeitnehmerschaft widerspiegeln.

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