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„Wir brauchen ein Konjunkturprogramm“

Unternehmen : „Wir brauchen ein Konjunkturprogramm“

Herr Steinmetz, wie ist die Stimmung in den Krefelder Unternehmen? Nach Ihrer Blitzumfrage fürchten 21 Prozent der Firmen, dass ihnen die Insolvenz droht.

Jürgen Steinmetz: 79 Prozent der von uns befragten Unternehmen geben an, dass sie Umsatzrückgänge verzeichnen. Der stationäre Einzelhandel, die Gastronomie, die Reise- und Freizeitwirtschaft sowie der Veranstaltungsbereich sind besonders betroffen. Das drückt sich auch in Zahlen aus: Seit Mitte März gingen bei unserer neu geschaffenen Corona-Hotline 9000 Anrufe ein, 7000 Krefelder Unternehmen haben inzwischen Soforthilfe beantragt, und im Zeitraum März/April sind in Krefeld mehr als 1900 Anträge auf Kurzarbeitergeld für rund 26 000 Beschäftigte gestellt worden. Das zeigt, wie gravierend der wirtschaftliche Einbruch ist.

Was sind die größten Sorgen? Worauf gründen sich Hoffnungen?

Steinmetz: Es ist kaum absehbar, wie lange wir noch mit den Einschränkungen leben müssen. Das sorgt für große Unsicherheit. Man sieht, wenn man in die Innenstadt geht, dass das Einkaufsverhalten ein ganz anderes ist als vor der Corona-Pandemie, obwohl der stationäre Einzelhandel wieder geöffnet hat. Man muss zudem befürchten, dass die Menschen angesichts von Kurzarbeit und Arbeitslosigkeit vorerst zurückhaltender konsumieren. Auch die Unternehmen sind vorsichtiger mit ihren Investitionen. Viele für dieses Jahr geplante Projekte werden verschoben. Gerade die Krefelder Unternehmen sind sehr exportorientiert, und auch viele Absatzmärkte dieser Firmen schwächeln aufgrund der weltweiten Pandemie. Was Hoffnung macht, ist, dass die Wirtschaft hier in Krefeld und am Niederrhein insgesamt sehr diversifiziert ist. Die Unternehmen haben auch in der Krise 2008/2009 gezeigt, dass sie gut mit Herausforderungen umgehen können. Das haben sie jetzt auch wieder bewiesen: Liefer- und Onlinedienste sowie viel Solidarität untereinander – da ist viel entstanden.

Wie wird Corona die Krefelder Wirtschaft verändern? Wie die Krefelder Innenstadt bzw. den Einzelhandel?

Steinmetz: Das ist eine schwierige Frage. Ich denke, es wird Veränderungen geben. Wir werden mit mehr Leerstand zu tun haben in der Krefelder Innenstadt. Man wird gut überlegen müssen, ob man die Struktur der Innenstadt verändert; sie kompakter und auf kleinerem Raum organisiert. Ich habe jüngst mit Oberbürgermeister Frank Meyer darüber gesprochen, wie wir die Aktivitäten aus dem Aktionsplan Wirtschaft für Krefeld umsetzen. Projekte zur Stärkung des stationären Einzelhandels oder zur Belebung der vier Wälle nehmen wir auf und bringen sie voran.

Wirkt sich die Krise auch auf Krefeld als Immobilienstandort aus? Es gibt Ansätze zu sagen, die Stadt sollte leerstehende Immobilien in der Innenstadt aufkaufen und für sozialen Wohnraum zur Verfügung stellen.

Steinmetz: Alles, was zur Belebung der Innenstädte führt und ihre Attraktivität steigert, befürworten und unterstützen wir.

Krefelder Unternehmen sind sehr exportorientiert. Überdenken die Firmen ihre internationalen Lieferketten? Wird stärker auf regionale Lieferanten gesetzt?

Steinmetz: In einzelnen Teilen ja, aber nicht generell. Eine Stärke liegt ja gerade im Export und in einer Zusammenarbeit mit Unternehmen in anderen Ländern. Die wird es auch nach der Pandemie geben. Die Krise hat aber auch gezeigt, dass es sinnvoll ist, einen schnellen Zugriff etwa auf Schutzmasken und Hygieneartikel zu haben. Aber: Unsere Perspektive liegt nicht in Abschottung und Protektionismus. Die Wirtschaft braucht jetzt mehr denn je offene Grenzen, um Kunden zu erreichen und Lieferketten zu schließen.

Man hat den Eindruck, dass die Krefelder eng zusammenstehen – und dass die Krise auch viel Kreativität freisetzt. Teilen Sie diesen Eindruck?

Steinmetz: Ja, unbedingt. Das ist auch das, was mir Hoffnung macht. Da hat es viel Kreativität und Innovation gegeben. Da hat die Krefelder Wirtschaft gezeigt, was sie in der Krise leisten kann.

Wird die Digitalisierung einen neuen Schub erfahren? Werden sich Homeoffice-Lösungen und Videokonferenzen auch auf Dauer durchsetzen?

Steinmetz: Der Trend zu Homeoffice und Digitalisierung wird dauerhaft sein. Auch ich habe jetzt ein Videokonferenzsystem im Büro, das ich vor Corona nicht hatte. Wir haben alle eine starke Zunahme an Video- und Telefonkonferenzen erlebt. Dennoch ist auch der persönliche Austausch unverzichtbar. Es wird einen gesunden Mix geben.

Wie arbeitet die IHK in Corona-Zeiten? Wie laufen Schulungen bzw. Veranstaltungen?

Steinmetz: Man könnte fast sagen, wir haben unser Geschäftsmodell verändert. Wir hatten zeitweise 40 Kollegen an unserer neu geschaffenen Corona-Hotline, die 9000 Beratungen durchgeführt haben. Viele rechtliche Fragen waren dabei, aber auch Finanzierungsfragen, Fragen nach Soforthilfen, Hygienekonzepten, Öffnungsvorgaben. Wir haben viele Schulungen als Webinare veranstaltet. Nun starten wir mit einem umfassenden Hygienekonzept wieder vor Ort. Der Juni ist auch für uns ein Stresstest, weil wir 3500 Prüfungen durchführen werden.

Wird es in diesem Ausbildungsjahr ein ausreichendes Angebot an Lehrstellen geben?

Steinmetz: Derzeit gibt es laut unserer Lehrstellenbörse mehr als 900 gemeldete offene Ausbildungsplätze am Niederrhein. Unser Ziel ist es, dass wir auch in diesem Jahr wieder 4500 Ausbildungsverträge erreichen. Ich kann verstehen, wenn Firmen der Eventbranche oder der Gastronomie überlegen, ob sie in diesem Jahr ausbilden. Es gibt aber ausreichend Unternehmen, die Lehrlinge einstellen können. Beim Start ins Ausbildungsjahr sind wir flexibel. Offiziell ist es der 1. August. Doch wenn jemand später einsteigen will, wird das möglich sein. Die Ausbildung junger Menschen ist für die Zukunft unserer Unternehmen und unserer Region von entscheidender Bedeutung. Der Fachkräftemangel ist ja durch die Krise nicht einfach verschwunden. Wir appellieren daher an die Unternehmen, auch in diesen schwierigen wirtschaftlichen Zeiten an ihrer betrieblichen Ausbildung festzuhalten und – falls dies möglich ist – sogar ihre Kapazitäten auszubauen. Gleichzeitig raten wir auch den jungen Menschen, sich jetzt um ihre Ausbildung zu kümmern, damit der Einstieg in die berufliche Karriere gelingt.

Was erwarten die Krefelder Unternehmer vom Staat, aber auch von der Kommune, nachdem die ersten Soforthilfen ausgezahlt worden sind?

Steinmetz: Wir brauchen ein Konjunkturprogramm, um zu alter Stärke zu gelangen. Ich stelle mir drei Säulen vor: ein Investitionsprogramm, das auf Digitalisierung und Bildung setzt, eine grundlegende Modernisierung unseres Unternehmenssteuerrechts und ein umfassender Bürokratieabbau. Was wir nicht brauchen, sind weitere Belastungen. Dabei ist aber auch klar, dass der staatliche Handlungsspielraum seine Grenzen hat. Der Staat kann nicht jede Lücke füllen.

In vielen Kommunen werden durch die Corona-Pandemie finanzielle Spielräume enger. NRW-Handwerkspräsident Andreas Ehlert fürchtet um die Investitionsfähigkeit der Kommunen und schlägt vor, das Land sollte deshalb konsequent bei all seinen Förderprogrammen seinen Förderanteil so heraufsetzen, dass bei den Kommunen nur noch ein Eigenanteil von fünf Prozent verbleibt – befristet bis Ende 2021. Was halten Sie von diesem Vorschlag?

Steinmetz: Ich würde es sogar noch weiter fassen: Was wir brauchen, ist ein kommunaler Rettungsschirm, um die Einnahmeausfälle auf kommunaler Ebene auszugleichen.

In Krefeld klingt bei den Parteien durch, dass Wahlprogramme noch mal angeschaut werden im Hinblick darauf, was in Corona-Zeiten noch leistbar ist. Wie stehen Sie zu möglichen Einsparungen?

Steinmetz: Was wir generell brauchen und was wir immer angemahnt haben, ist eine große Ausgabendisziplin. Insofern bietet die Corona-Krise die Chance, lieb gewonnene Gewohnheiten infrage zu stellen und alles auf den Prüfstand zu stellen. Wir als IHK haben uns beispielsweise auch ein Sparpaket verordnet und ein Stellenmoratorium ausgesprochen. Wir überlegen, welche Aufgabe ist in diesen Zeiten dringend notwendig. Und das erwarte ich auch von den Städten und Gemeinden. Auch auf kommunaler Ebene gilt: keine zusätzlichen Belastungen. Steuererhöhungen sind Gift für die Wirtschaft. Die Gemeinde Brüggen im Kreis Viersen zeigt, dass es auch anders gehen kann. Dort denkt die Politik über eine Senkung der Gewerbesteuer nach. Das finde ich vorbildlich.