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Wie das Krefelder Handwerk Corona meistert

Gespräch : „Staatshilfen sind keine Geschenke“

Marc Peters, Hauptgeschäftsführer der Kreishandwerkerschaft, über Auftragslage, Ausbildung, die neue Zentrale in Fichtenhain und die Folgen von Corona.

Das Handwerk kannte seit Jahren nur einen Trend – aufwärts. Jahr für Jahr wurden Umsatzrekorde erzielt, Kunden mussten oft Wochen auf einen Handwerker warten, weil die Auftragslage so gut war. Corona hat nun bei vielen Handwerkern für Einbrüche gesorgt. Zeit für ein Gespräch mit Marc Peters, Hauptgeschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Niederrhein, Krefeld, Viersen, Neuss, über…

…die aktuelle Lage im Krefelder Handwerk

Die Lage ist mit Blick auf Corona sehr unterschiedlich. Das Handwerk hat in bestimmten Bereichen sehr stark gelitten. Ich denke an Friseure, die sechs Wochen zu hatten und nicht arbeiten konnten. Die haben nach der Öffnung zwar Sonderschichten eingelegt, um die Anfragen bedienen zu können. Aber die sechs Wochen fehlen. Haare kann man nur einmal abschneiden, ob nun einen oder zwei Zentimeter. Was nicht so auf den ersten Blick ersichtlich ist, sind Probleme bei Bäckern und Fleischern. Die konnten zwar weiterarbeiten, aber viele machen auch Catering im Eventbereich – und das ist weggefallen. Ein Fleischer hat mir gesagt, er habe jetzt schon Anfragen für das nächste Jahr, aber mehr als drei Buffets pro Tag am Wochenende könne er gar nicht bewältigen. Da nutze es nichts, wenn es Anfragen für zwölf gebe. Da ist Umsatz weg, der nicht mehr aufgeholt werden kann. Andere Gewerke haben durcharbeiten können, insbesondere die Bau- und Ausbau-Gewerke. Die sind bis jetzt ganz gut durch die Krise gekommen. Bei anderen wissen wir es noch nicht so richtig, etwa im Kfz-Handel. Es gibt dort schwere Einbußen, langsam nimmt die Sache aber wieder Fahrt auf.  Insgesamt kann man sagen: Bisher waren die Auftragsreichweiten sehr groß, durch Corona haben sie abgenommen. Es ist aber noch immer nicht so, dass man sagen kann: Morgen kommt direkt der Handwerker. Mit einer Wartezeit muss man nach wie vor rechnen.

…die Folgen von Corona

Wirtschaftskrisen treffen das Handwerk ja immer mit einer gewissen Verzögerung. Das war z.B. auch in der Finanzkrise 200/2009 so. Die Delle kommt mit Verzögerung, dafür kommt das Handwerk aber auch später aus der Krise heraus. Wir wissen noch nicht, wie hoch die Zahl der Firmenpleiten gesamtwirtschaftlich sein wird – die Anzeigepflicht ist ja bis Ende September ausgesetzt – und wie sich das auf das Handwerk auswirken wird. Und Schwierigkeiten können aus Richtungen kommen, die wir noch gar nicht absehen. Beispiel Baugewerbe: Die sind bisher gut durch die Krise gekommen. Wenn es aber etwa bei den Verwaltungen zu Engpässen bei der Bearbeitung von Baugenehmigungen kommen würde, bleibt das nicht folgenlos. Auch  Privatleute sind wichtige Auftraggeber. Da müssen wir sehen, wie sie mit Corona auf Sicht umgehen. Wir haben die Hoffnung, dass wir am Ende des Jahres mit einem blauen Auge davonkommen.

…die neuen Arbeitsbedingungen

Das Handwerk hat sich darauf einstellen müssen. Wie halten wir Abstände ein? Wie viele Leute dürfen eta in einem Fahrzeug gemeinsam auf dem Weg zur Baustelle, zum Kunden sitzen? Welche Hygienevorkehrungen müssen getroffen werden? Solche Fragen mussten beantwortet werden. Mein Eindruck ist, dass bei den Kunden die Angst etwas nachlässt und sie auch wieder Handwerker in ihr Haus oder ihre Wohnung lassen. Aktuell habe ich nicht mehr von Fällen gehört, wo Handwerker nicht eingelassen wurden. Das hat es am Anfang gegeben.

…die Hilfen von Bund und Land

Ich bin zwiegespalten. Es war gut und richtig, dass es die Maßnahmen schnell gegeben hat. Ich habe aber die Sorge, dass einige Betriebe nicht genau gelesen haben, dass die Gelder an Bedingungen geknüpft sind. Dass es keine Geschenke waren. Ich glaube, bei einigen wird das böse Erwachen kommen, wenn sie feststellen, dass Voraussetzungen nicht vorliegen – und das Geld zurückgezahlt werden muss. Ähnlich ist es beim Thema Ausbildungsprämien. Auch da gibt es Voraussetzungen. Das Telefon steht bei uns derzeit nicht still, weil Betriebe wissen wollen, wo es das Geld gibt. Da müssen wir aufklären, welche Bedingungen erfüllt sein müssen. Aber unabhängig davon: Ausbilden macht keiner für 2000 Euro Prämie, sondern weil er davon überzeugt ist, dass wir Fachkräfte brauchen.

…über die Ausbildungssituation

Bei der Ausbildung haben wir zum Stichtag 31.7.2020 Corona-bedingt 17,2 Prozent weniger Ausbildungsverträge geschlossen. Auch da ist das Bild sehr uneinheitlich. Bei den Dachdeckern haben wir einen Zuwachs von 44 Prozent auf 49 eingetragene Verträge. Auch bei den Straßenbauern haben wir 60 Prozent mehr Verträge abgeschlossen. Überraschend. Dafür haben wir in anderen Bereichen, etwa bei den Friseuren, 20 Prozent Rückgang, bei Elektrikern 17,5 Prozent, im Metallbau 16,3 Prozent. Unser Problem ist das fehlende Matching. Durch die Schulschließungen sind viele Veranstaltungen, die Betriebe und Jugendliche zusammenbringen, ausgefallen. Manche Jugendliche, die unsicher hinsichtlich ihrer beruflichen Zukunft sind, gehen lieber ein Jahr länger zur Schule. Offen ist auch, wie viele Insolvenzen auf uns zukommen. Wenn ich als Jugendlicher nicht weiß, ob der Betrieb, der mich ausbilden soll, überlebt, so trägt das auch zur Zurückhaltung bei. Eins ist aber auch klar: Corona darf nicht dazu führen, dass uns dieser Jahrgang verlorengeht. Denn der Fachkräftemangel ist durch Corona nicht plötzlich verschwunden. Grundsätzlich gilt: Die Handwerksbetriebe sind ausbildungswillig. Der Zug ist für die Auszubildenden noch nicht abgefahren. Wir hoffen, dass noch ein Schub auf dem Ausbildungsmarkt kommt und wir am Ende an die Zahlen des Vorjahres kommen.

…die Wirkungen der Mehrwertsteuersenkung

Da haben wir besonders den Kfz-Handel im Fokus. Wir sind gerade dabei, gemeinsam mit der IHK eine Initiative zu starten, dass die Betriebe Ende des Jahres die Autos auch noch zugelassen bekommen, damit die Kunden von der Mehrwertsteuersenkung profitieren. Es nutzt ja nichts, wenn die Autos am 3. Januar zugelassen werden. Da geht es auch um Öffnungszeiten bei Straßenverkehrsämtern.

…die Planungen für die neue Zentrale in Fichtenhain

Wir sind auf einem guten Weg. Wir haben den Notarvertrag für das Grundstück in Fichtenhain in tiefsten Corona-Zeiten Anfang April geschlossen. Der Kaufpreis ist bezahlt. Jetzt sind wir dabei, einen Architekten zu suchen, weil wir ein besonderes Gebäude errichten wollen. Besonders in der Form, dass wir nachhaltig, kreislaufwirtschaftsbezogen und gesund bauen möchten. Es soll nicht der übliche Schachtelbau werden, also nicht eins von vielen beliebigen Gebäuden in Gewerbegebieten. Und das Gebäude soll das Handwerk widerspiegeln, auch, was das Handwerk leisten kann. Wir werden in dem neuen Gebäude, das zwischen 800 und 1000 Quadratmeter groß werden soll, auch  Platz haben, um auch Veranstaltungen und Tagungen im eigenen Haus durchführen zu können, was bisher aufgrund unserer räumlichen Situation weder in Krefeld, noch am Standort in Neuss möglich ist. Da wurde es bei Veranstaltungen schnell kuschelig bei uns. Wir hoffen, dass wir Mitte 2022 umziehen können.