Raumausstattung Grüttner ist 125 Jahre alt geworden

Lokale Wirtschaft: Von Samt und Seide bis zu den Notbetten

Raumausstattung Grüttner ist ein Krefelder Traditionsunternehmen: Seit 125 Jahren gibt es den Betrieb am Dampfmühlenweg.

Im Jahr 1893 veröffentlicht ein gewisser Karl May den ersten Band einer Buchreihe um den Apachen-Häuptling Winnetou. Rudolf Diesel erhält ein Patent auf den Motor, der bis heute seinen Namen trägt. Und es wird die einheitliche Mitteleuropäische Zeit in Deutschland eingeführt. Im gleichen Jahr eröffnet Robert Grüttner am Dampfmühlenweg 9 in Krefeld ein Fachgeschäft für Gardinen, Dekorationen und Polstermöbel. 125 Jahre später befindet es sich dort in vierter Generation immer noch in Familienbesitz: Raumausstatter Grüttner hat Jubiläum.

Den Betrieb hat er 2013 von seinem Großonkel übernommen

Unternehmenschef ist seit 2013 André Grüttner, der den Betrieb von seinem Großonkel Ferdinand übernommen hat. „Ich spüre schon die Verantwortung, die mit so einer langen Firmengeschichte verbunden ist“, bekennt der 32-Jährige. Doch die Freude an der Arbeit kann ihm das nicht nehmen: „Der Beruf macht Spaß. Er verbindet klassisches Handwerk mit Kreativität.“

In den 125 Jahren seines Bestehens hat Raumausstattung Grüttner Höhen und Tiefen erlebt. Nach der erfolgreichen Gründungsphase in der reichen Samt- und Seidenstadt folgen die schwierigen Jahre des Ersten Weltkriegs. Im Zweiten Weltkrieg wird das Unternehmen verpflichtet, Verdunklungsvorhänge und Notbetten herzustellen. Ein Bombenangriff vernichtet 1943 das Gebäude am Dampfmühlenweg.

In der Zeit des Wirtschaftswunders „brummt“ das Geschäft mit kunstvollen Dekorationen und samtenen Volants. Ferdinand Grüttner übernimmt 1974 das Unternehmen und muss das Angebot schon bald umbauen: Technischer Sonnenschutz, Raffrollos und Markisen werden gefragt.

Zudem stattet Grüttner mehr als 100 Kinos am gesamten Niederrhein und im Ruhrgebiet mit Bühnenvorhängen aus. Auch die Wandbespannungen im 1997 eröffneten Krefelder Cinemaxx kommen vom Dampfmühlenweg. 9000 Quadratmeter Stoff werden dazu verarbeitet.

Auch heute ist Grüttner gelegentlich im Krefelder Kino, um Ausbesserungen vorzunehmen. Die Stadt Krefeld zählt ebenso zu den treuen Kunden – etwa bei der Ausstattung von Kindergärten. „Sehr viel arbeiten wir mit Architekten zusammen“, berichtet der Unternehmenschef. Und auch in vielen Privathaushalten ist das Traditionsunternehmen tätig. „Man kennt halt viele Leute. Das ist ein Vorteil“, so der 32-Jährige.

Zehn Angestellte beschäftigt das Unternehmen – darunter sind zwei Auszubildende. Einer davon stammt aus Afghanistan. „Er kam als Praktikant zu uns und hat im August seine Ausbildung begonnen“, erzählt André Grüttner.

Der Beruf des Raumausstatters sei zwar relativ unbekannt, doch das Berufsbild vielfältig und man komme viel herum. Auch André Grüttner selbst hat im Familienbetrieb seine Ausbildung gemacht, die er dann 2010 mit der Meisterprüfung abschloss.

Manche Mitarbeiter sind schon mehr als 30 Jahre im Team

Einige seiner Mitarbeiter sind bereits mehr als 30 Jahre im Geschäft. In der hauseigenen Polsterei an der Rheinstraße werden zum Beispiel alte Sitzmöbel aufgearbeitet. „Es ist schon ein tolles Gefühl, wenn so ein Sessel oder Stuhl, der vielleicht Jahrzehnte unbeachtet im Keller stand, wie neu von uns ausgeliefert wird“, schwärmt Grüttner. Doch auch Bodenbeläge, Sicht- und Sonnenschutz (nach Wunsch über eine App gesteuert) und natürlich Gardinen und Deko-Stoffe gehören zum Angebot des Unternehmens.

André Grüttner beschreibt seinen Berufszweig als „Luxushandwerk“: „Man leistet sich uns.“ Preiswerte Rollos gebe es auch im Baumarkt – doch solche, die auf Maß gefertigt seien und aus hochwertigen Materialien bestünden, könne nur der Fachmann liefern.

Auch für die Zukunft glaubt der 32-Jährige daran, dass Qualität und Individualität in der Raumausstattung gefragt bleiben. Man müsse sich aber immer wieder aktuellen Trends anpassen und mit einer Mischung aus Erfahrung und neuen Ideen die Selbstständigkeit im Handwerk sichern. Das bleibe „ein täglicher Kampf“ – doch André Grüttner ist sich sicher, ihn gewinnen zu können.

Mehr von Westdeutsche Zeitung