Krefeld: Outokumpu Nirosta: "Den Mief der Stahlindustrie loswerden"

Krefeld : Outokumpu Nirosta: "Den Mief der Stahlindustrie loswerden"

Der Krefelder Edelstahlspezialist Outokumpu Nirosta verlagert bis zum Jahresende die Ferritherstellung von Düsseldorf nach Krefeld.

Krefeld. Der Unternehmenswechsel des Edelstahlspezialisten ThyssenKrupp Nirosta zum finnischen Konzern Outokumpu hatte in Krefeld bei den Mitarbeitern Ängste um den Erhalt ihres Arbeitsplatzes ausgelöst, zumal das alte Stahlwerk geschlossen wurde. Im Rückblick darauf sagt der heutige Vorstandsvorsitzende des Nachfolgeunternehmens Outokumpu Nirosta, Oliver Picht, der 2015 das Ruder übernommen hat: „Der Standort Krefeld stand meines Wissens nie zur Disposition und steht es auch heute nicht.“

Allerdings unterzieht der Konzern derzeit seine Deutschlandzentrale einigen „Eingriffen“. „Die Umsetzung gleicht einer Operation am offenen Herzen“, sagt Picht. 108 Millionen Euro investiert das Unternehmen in den Umbau — die größte aktuell laufende Investition in Europa. Nach und nach wechseln Produktion sowie 320 Mitarbeiter der bisherigen Ferritherstellung aus Düsseldorf-Benrath nach Krefeld. Das letzte Metallband wird im September in Benrath produziert, zum Jahresende wird das Werk geschlossen.

Im Gegenzug wurde in Krefeld im April als sichtbares Zeichen des Umbaus die neue Haubenglühanlage in Betrieb genommen. „Hier entsteht ein hochmodernes Kaltwalzwerk mit Glüh- und Beizlinie für die Kaltbandfertigung“, erzählt Picht, was einer Produktspezialisierung auf austenitische und ferritische Edelstähle entspricht. Die Warmbandfertigung erfolge ausschließlich in Finnland und Schweden.

Auch Forschung und Entwicklung werden in einem Zentrum in Krefeld vereint mit dem Fokus auf Produktions- und Kundennähe. Dazu wird derzeit das alte Ringfedergebäude umgebaut. Picht dankt allen Beteiligten „für die außergewöhnliche Leistung, den ausgeklügelten Umbauplan in weniger als zwei Jahren bei laufender Produktion“ umgesetzt zu haben.

Outokumpu habe sich völlig neu aufgestellt. Der Umbruch sei nötig gewesen, um „den Mief der Stahlindustrie loszuwerden“, stellt er fest. Viel zu lange habe die deutsche Stahlindustrie mit Anpassungen an die Weltmärkte gewartet. „Guten Stahl produzieren können die Chinesen auch“, sagt Picht. „Unsere Vorteile liegen in Know-how und Kundenservice“, stellt er fest, und nennt als Ziele kleinere Losgrößen und schnellere Lieferungen anstatt großer Mengen auf Halde. „Die Kunden wollen heute nicht nur ihre Waschmaschine online bestellen, sondern auch unsere Produkte.“

Man müsse dafür schlaue Lösungen finden, die nicht zu Lasten der Mitarbeiter gehen sollen, aber auch neue Tarifvereinbarungen mit flexiblen Arbeitszeitmodellen erfordern.

Picht setzt auf Kooperation mit den Arbeitnehmervertretungen und auf Mitverantwortung. Betriebliche Lösungen sollen nicht von oben diktiert, sondern von den Mitarbeitern in Gruppen selbst erarbeitet werden.

Die strukturelle und technische Neuorientierung des Unternehmens soll Arbeitsplätze sichern und dem Unternehmen künftig wieder die dafür nötigen Gewinne sichern. „In weniger als drei Jahren wollen wir schwarze Zahlen schreiben“, sagt Picht. Von den 2300 Beschäftigten in Deutschland arbeiten derzeit rund 1300 in Krefeld. Dankbar ist er dafür, dass sich Thyssen Krupp beim Firmenwechsel großzügig gezeigt hat und 600 Ersatzarbeitsplätze für an anderer Stelle abgebautes Personal zur Verfügung stellt. „Mehr als 500 dieser Plätze haben wir bereits in Anspruch genommen, den Rest werden wir noch ausschöpfen“, sagt Picht.

Dies sei ein wichtiger Teil der Restrukturierung und ein Ausgleich dafür, dass es laut Tarifvertrag bis 2020 keine betriebsbedingten Kündigungen geben darf. Ein Projekt dieser Größenordnung ohne die Kündigung von Arbeitsplätzen sei in der Industrielandschaft sicher ungewöhnlich.

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