Läden wollen Plastikmüll vermeiden

Tütenchaos : Obst kommt nicht mehr in die Tüte — sondern ins Netz

Supermärkte und Bioläden wollen Plastik vermeiden. Allerdings stellt sich die Frage, ob neue Verpackungen an der Gemüsetheke reichen.

Die Beliebtheitswerte der Plastiktüte sind in den vergangenen Jahren rapide gesunken. Sie ist zum Symbol für Umweltverschmutzung geworden. In Anbetracht von vermüllten Ozeanen und Stränden gehört es im Handel beinahe zum guten Ton, an der Kasse auf Stoff- und Papiertüten zu setzen. Dabei soll es aber nicht bleiben. Mittlerweile widmen sich Super- und Biomärkte weiteren Bereichen ihrer Geschäfte, um Plastik zu vermeiden. Auch in Krefeld überbieten sich die Ladenbetreiber.

Obstnetze sollen Arbeit
für Kassierer vereinfachen

Real wirbt dieser Tage mit einer Neuerung in der Obst- und Gemüseabteilung. Die Plastik-Knotenbeutel sollen ersetzt werden. Mehrwegnetze aus Polyester sind die Alternative. So könnten jährlich 140 Tonnen Kunststoff gespart werden, teilt das Unternehmen mit. In der Krefelder Markthalle gebe es jetzt schon ausschließlich Papiertüten und Netze für Obst und Gemüse.

Auch Edeka-Kempken hat in den sechs Krefelder Märkten auf Netze umgestellt. Der Marktbetreiber listet Vorteile auf. Die Netze seien wiederverwendbar und könnten gewaschen werden. Zudem sei der Kassierer an der Kasse schneller. Anders als bei der Papiertüte muss er nicht die Verpackung öffnen, um den Inhalt zu sehen.

Bioläden wollen
mehr tun als Supermärkte

Mancher Biomarktbetreiber sieht das grüne Werben der Supermärkte kritisch. In entscheidenden Teilen der Lieferkette gibt es noch Plastik. So lassen sich die Vorwürfe zusammenfassen: Bei Supermärkten und Discountern würden Plastiktüten zwar von der Gemüsetheke verschwinden, sagt Petra Steffens, Geschäftsführerin des Biomarktes Sonnentau. Doch etliche Produkte im Regal seien in Plastikfolie eingeschweißt. „Wir verkaufen das meiste lose“, sagt Steffens. „Dann braucht der Kunde es erst gar nicht mehr in Plastik oder Papier einpacken.“

Schließlich ist auch Papier keine per se umweltfreundliche Lösung. Für die Herstellung der Papieralternative benötigt man viele Ressourcen: Zellstoff, Wasser, Energie, vor allem aber Chemikalien. Zudem sind die Tüten oft nicht so haltbar wie ihre ungeliebten Vorgänger.

Unverpackte Lebensmittel bringen neue Herausforderungen

Jochen Melles, Inhaber des Bioladens Vierspitz, will Plastik schon bei der Lieferung vermeiden. In der Regel seien Rollwagen mit Obst und Gemüse wie Koffer am Flughafen in Plastik eingewickelt. „Wir lassen die Ware mittlerweile fast ausschließlich in Klappkisten liefern“, sagt Melles. So spare alleine sein Geschäft etliche Kubikmeter Folie und 4300 Kilo Kartonage pro Jahr ein.

Beim Verkauf bedeutete der Verzicht auf Plastik, dass neue Probleme entstehen. Beispielsweise sei es für Verbraucher schwieriger, lose Produkte zurückzuverfolgen. Auch die Haltbarkeit wird zur Herausforderung. Abgepackte Linsen seien ein Jahr haltbar, sagt Melles. Würden diese unverpackt gelagert, sodass jeder Kunde selber aus einer Schütte abfüllen kann, liege die Haltbarkeit bei einem halben Jahr. Wichtig sei zudem, dass beim Verpackungsverzicht weiterhin die Hygienestandards eingehalten werden, sagt Melles.

Den Vorwurf, es bei den Tüten zu belassen, wollen Supermarktbetreiber nicht akzeptieren. Real verweist etwa auf mehrere Projekte. Verschiedene Verpackungsalternativen würden auf ihre Tauglichkeit in der Praxis getestet. Bio-Limetten und Bio-Strauchtomaten liegen beispielsweise in Graspapierschalen. Andere Produkte bekommen ein Laserlabel eingraviert. Und sogar einer der größten Aufreger der Plastikdebatte soll verschwinden: Die in Plastik eingepackte Bio-Gurke. Neue Transportlösungen sollen es möglich machen, auf den Kunststoffmantel zu verzichten.

Ob diese Projekte mehr als gut gemeinte Symbolik, ist bei den kleineren Anbietern freilich umstritten. Zumindest ist für die Kunden klar, dass der Konkurrenzkampf beim Umweltschutz offenbar gerade erst begonnen hat.

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