Generation Ü55 am Arbeitsmarkt verstärkt gesucht - auch in Krefeld

Wirtschaft : Arbeit: Neue Chancen für Ältere

Auf der Suche nach Fachkräften werden Firmen verstärkt bei über 55-Jährigen fündig – oder „pflegen“ ihre Alten.

Immer mehr Unternehmen schicken ihre älteren Mitarbeiter nicht mehr in Frührente, sondern suchen nach erfahrenen Kräften. Diese Behauptung hat jüngst die Deutsche Rentenversicherung in ihrem Magazin „Zukunft jetzt“ veröffentlicht. Michael Becker von der Agentur für Arbeit in Krefeld kann diese Tendenz zum Teil bestätigen.

„Das Alter bei Einstellungen ist nicht mehr der ausschlaggebende Faktor. Wichtig sind den Arbeitgebern Motivation und Qualifikation“, sagt Becker. Gerade unter der Gruppe der arbeitslos gemeldeten älteren Menschen sei das Qualifikationsniveau hoch, denn es liege viel Berufserfahrung und Know-how vor. „Es handelt sich also um eine sehr wichtige Personengruppe, um dem Fachkräftebedarf zu begegnen.“

An den offiziellen Zahlen lässt sich dieser Trend freilich nicht ablesen. Zwar ist die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung von über 55-Jährigen in Krefeld in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen (siehe Kasten). Im gleichen Zeitraum ist aber auch die Gesamtbeschäftigung nach oben gegangen. „Somit ist keine überproportionale Steigerung bei den Älteren zu erkennen“, schlussfolgert Becker.

Qualifikation spielt 
entscheidende Rolle

Bei der Arbeitslosigkeit der über 55-Jährigen in Krefeld ist ebenfalls eine Reduzierung erkennbar (Januar 2019: um 0,7 Prozent weniger im Vorjahr) – jedoch nicht so stark wie bei allen Arbeitslosen gesamt (minus 2,8 Prozent).

Dennoch ist auch aus Sicht von Petra Pigerl-Radtke, Geschäftsführerin des IHK-Bereichs Aus- und Weiterbildung, nicht das Alter das entscheidende Kriterium: „Die Qualifikation spielt die entscheidende Rolle.“ Umso wichtiger sei das Thema Weiterbildung. Die Offenheit, etwas Neues zu lernen, sei bei älteren Arbeitnehmern vorhanden. Zusätzlich könnten sie ihre Erfahrung einbringen. Auch bei den Firmen seien die Zeiten längst vorbei, in denen man ältere Arbeitnehmer über Vorruhestandsregelungen los werden wollte. Um den Fachkräftemangel zu beseitigen, sei aber nicht nur die Generation Ü55 eine wichtige Zielgruppe, sondern auch Frauen in Elternzeit, gehandicapte Menschen und Geflüchtete.

„Es ist in der Tat so, dass unsere Betriebe – und zwar gewerksunabhängig – stets auf der Suche nach Fachkräften sind. Dabei spielt das Alter des Bewerbers grundsätzlich keine Rolle. Entscheidend ist, dass es sich um eine Fachkraft handelt, da die Kunden qualitativ gute Arbeit von unseren Betrieben erwarten und auch erwarten dürfen“, sagt auch Marc Peters, Hauptgeschäftsführer der Kreishandwerkerschaft. Insoweit sei im Handwerk die Bereitschaft, auf ältere Arbeitnehmer zu setzen, gegeben. „Mit Blick auf den Fachkräftemangel können und wollen es sich die Betriebe nicht leisten, auf erfahrene Mitarbeiter zu verzichten“, betont Peters.

Große Konzerne haben ältere Arbeitnehmer schon lange für sich entdeckt. Bereits 1999 startete bei Bosch eine eigene Gesellschaft für Senior-Experten. In ihr sind weltweit 1700 Senioren registriert, die zeitlich befristet arbeiten. Ziel ist es, das Bosch-Wissen zu erhalten.

Weniger die Suche nach neuen „alten“ Arbeitnehmern als der Erhalt der Arbeitskraft erfahrener Kollegen steht bei der Firma Currenta, unter anderem Betreiber des Chemieparks in Uerdingen, im Fokus. Das Durchschnittsalter dort liegt bei 48 Jahren. 1300 Mitarbeiter sind mehr als 55 Jahre alt, das entspricht 40,3 Prozent der Gesamtbelegschaft.

Wie Pressesprecherin Karoline Gellrich berichtet, gebe es bei Currenta „konkrete Angebote, um Arbeitskraft schonend einzusetzen und zu erhalten“. So haben unter anderem leitende Angestellte ab dem 57. Lebensjahr durch Reduzierung ihrer Arbeitszeit und anteiligem Entgeltverzicht die Möglichkeit, bis zu 39 zusätzliche arbeitsfreie Tage zu erhalten. Den Anspruch auf Belastungsreduzierungen gebe es auch ab 55 und nochmals ab 60 Jahren.

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