Bei Siemens kümmert sich dreiköpfiges Team um die Schwerbehinderten

Schwerbehinderung : Behinderte: Mittendrin statt außen vor

Eine dreiköpfige Schwerbehinderten-Vertretung kümmert sich im Siemens-Werk um die Rechte von Menschen mit Einschränkungen.

Wer mit André Jansen über das Gelände des Krefelder Siemens-Werks geht, der merkt schnell: den Mann kennen hier viele. Mal grüßt ihn jemand im Vorbeigehen, mal hält ein Stapler-Fahrer für einen kurzen Plausch an, mal winkt ein Mann in einer Produktionshalle aus der Ferne. Dass Jansen so bekannt ist, hat einen guten Grund: 2006 wurde er von den Mitarbeitern der ehemaligen Duewag-Waggonfabrik in Uerdingen erstmals in den Betriebsrat gewählt, seit 2014 ist der gelernte Mechatroniker als gewählte Schwerbehinderten-Vertrauensperson freigestellt.

2170 Beschäftigte arbeiten bei Siemens Mobility an der Duisburger Straße – 180 davon sind Schwerbehindert, darunter fünf Auszubildende. Um ihre Belange kümmert sich Jansen mit seinen beiden Stellvertretern Eva Stosiek und Jürgen Barthelt. Gemeinsam bilden sie die Schwerbehinderten-Vertretung (SBV). Ihr Motto lautet: „Mittendrin statt außen vor.“ Was sie für Rechte und Pflichten haben, wird vom Neunten Sozialgesetzbuch (SGB IX) definiert. „Kernaufgabe der Vertrauensperson ist es, die Teilhabe schwerbehinderter Menschen am Arbeitsleben im Betrieb zu fördern sowie dem schwerbehinderten Menschen helfend und beratend zur Seite zu stehen“, heißt es darin.

Siebenseitige Antragsformulare und viele praktische Hilfen

Was das genau in der Praxis bedeutet, macht Jansen an einem Beispiel klar. Erst- und Änderungsanträge für eine Schwerbehinderung sind für ihn, Stosiek und Barthelt ein wichtiger Teil der Arbeit. Die Kollegen kommen mit diesen Anträgen, die bei der Fürsorgestelle am Wohnort eingereicht werden müssen, zu ihnen, denn das siebenseitige Formulare mit sehr viel Kleingedrucktem ist für Laien nicht leicht zu durchblicken: „Dabei unterstützen wir.“

Der Job sei nicht immer ganz einfach, denn man habe viel mit Krankheits- und Leidensgeschichten zu tun. Mal ist es eine chronische Erkrankung im Nackenbereich, die einem Stapler-Fahrer zu schaffen macht. Mal ist es Rheuma, das die Bedienung der Computer-Maus erschwert. Mal machen chronische Schmerzen die Überkopfarbeit nicht länger möglich. Die Schwerbehindertenvertretung bemüht sich in solchen Fällen um Lösungen. Das kann der drehbare Spezialsitz im Gabelstapler sein, aber auch einen kompletten Wechsel zu einem leidensgerechten Arbeitsplatz – etwa im Bereich des Lagers – bedeuten.

Das Verständnis bei den Vorgesetzten und Kollegen dafür sei nicht immer da, berichtet Jansen. Oft bekommen die Betroffenen das Gefühl vermittelt, nicht mehr erwünscht zu sein und auch nicht mehr gebraucht zu werden. Wenn man dann nach Lösungen suche, müsse man „teilweise dicke Bretter bohren“, so Jansen.

Erst im vergangenen Jahr wurde eine neue Inklusionsvereinbarung im Betrieb vereinbart, die auch Schulungen für Führungskräfte vorsieht. Die Teilnehmerzahl in der ersten Runde sei noch „recht überschaubar“ gewesen, berichtete André Jansen in der Zeitung der Interessensvertretung der Siemens-Beschäftigten. Es habe noch viele Bedenkenträger gegeben. Bei der zweiten Runde sei die Bude aber voll gewesen – wohl auch dank der Unterstützung der Betriebsleitung und des Personalchefs.

Gestärkt wurde die Position der Schwerbehinderten-Vertrauensperson ebenfalls 2018 durch das Bundesteilhabegesetz. Es regelt unter anderem, dass Vertrauenspersonen ab einer Zahl von 100 Schwerbehinderten im Betrieb vollständig von ihren beruflichen Tätigkeiten freigestellt werden. Zuvor lag diese Zahl bei 200. „Die Ansprüche an die SBV sind gewachsen, die Arbeit ist individueller geworden“, sagt André Jansen dazu.

Er und seine beiden Stellvertreter sind ein eingespieltes Team: 2014 waren sie gemeinsam gewählt und 2018 in ihren Ämtern bestätigt worden. Demnächst wollen sie die Gebäude mit einer Checkliste zur Barrierefreiheit abgehen. Denn selbst im erst 2005 erbauten Verwaltungsgebäude, in dem auch der Betriebsrat seinen Sitz hat, gibt es zwar Aufzüge, aber keine Drücker an den Türen.

„Für so etwas müssen wir praktikable Lösungen finden“, sagt Jansen. Denn auch er weiß, dass sich die Türen vielfach nicht nachrüsten lassen. Derzeit ist der Druck aber nicht ganz so groß, da es keine Rollstuhlfahrer unter den Beschäftigten gibt.

Das SBV-Team setzt auf Verständigung mit den Führungskräften, freut sich darüber, dass es zum Beispiel kein Problem war, vom Gebäudemanagement ausreichend Behindertenparkplätze zur Verfügung gestellt zu bekommen. Wenn es sein muss, geht man aber auch in die Konfrontation. Gibt es etwa bei Bewerbungen zwei Kandidaten mit der gleichen Qualifikation, einer davon ist aber schwerbehindert, dann müsse ganz klar der Kandidat mit Behinderung eingestellt werden, sagt Barthelt. „Manchmal haben die Vorgesetzten aber schon jemand anderen im Hinterkopf.“ In solchen Fällen zeigt die SBV „klare Kante“ und sorgt mit mehr oder weniger sanftem Druck dafür, dass die gesetzlichen Bestimmungen eingehalten werden.

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