Theater am Marienplatz: „Wir spielen, bis der Tod uns holt“

Theater am Marienplatz : „Wir spielen, bis der Tod uns holt“

Das Theater am Marienplatz startet am 7. September in die neue Spielzeit. Den Anfang macht die Klangcollage „Bauhaus“.

Krefeld. Wollen sich Pit Therre und das Ensemble des Fischelner Theaters am Marienplatz (Tam) nun etwa unverhofft einem breiteren Publikum andienen? Beim jetzt veröffentlichten Spielzeitprogramm der Experimentalbühne zur Spielzeit 2018/19 fällt jedenfalls sofort ins Auge, dass jedes der zehn Monatsprogramme mit einem Satz überschrieben ist, der mit „Auch wir ...“ beginnt.

So startet die Spielzeit am Freitag, 7. September, mit der Klangcollage „Bauhaus“, das Motto dazu lautet: „Auch wir wappnen uns für das Bauhausjubiläum.“

Man muss nicht lange darüber nachdenken, dass Therre und sein Ensemble es ironisch meinen. Auch im 42. Jahr seines Bestehens wird das Tam es anders machen als alle anderen Theater und seiner Eigenart treu bleiben, sich überwiegend avantgardistischer Literatur aus Musik und Theater anzunehmen und experimentelle Zugriffsweisen auf Stoffe zu pflegen.

Der Vorgriff aufs Bauhaus-Jubiläumsjahr 2019, mit dem das Tam im September startet, wirkt da auf dem Papier noch etwas gewollt komisch. Jeder der vier Spieler wird aus Dingen Geräusche herauskitzeln, die im Bauhaus, also dem bekannten Baumarkt erstanden wurden. Zum Einsatz kommen ein Akkuschrauber, eine Gewebeplane, Maurerkellen, eine Rohrreinigungsspirale, Unterlegscheiben, Ventilatoren und etliche weitere Werkzeuge und Gebrauchsgegenstände. Und damit kann man Musik machen?

Die Erweiterung des Klangbegriffs um das Geräusch, das obendrein noch nicht einmal mit einem herkömmlichen Musikinstrument hergestellt werden muss, ist für Kenner der Avantgarde nicht neu, und die Erfahrung, die speziell das Tam mit Geräusch-Musik hat, erlaubt die berechtigte Hoffnung, dass da ein spannender Abend entsteht. Dass das mit dem Bauhaus-Jubiläum erst mal nichts zu tun hat — geschenkt.

„Auch wir gedenken des hundertjährigen Bauhausjubiläums“, heißt es dann aber im März. Dann wird Pit Therre den Versuch unternehmen, eine grafische Partitur („Sketch for a score“) des Bauhaus-Lehrers László Moholy-Nagy (1895-1946) umzusetzen.

Im Oktober lautet das Motto: „Auch wir pflegen musikalische Rituale.“ Der eigentliche Titel des Abends lautet auf Italienisch „in quella direzione“ („in diese Richtung“). Drei Akteure werden hier als Dirigenten auftreten, nur dass keine Musik zu hören sein wird. Ob das Publikum wohl erahnen kann, welche Stücke ihm als nur sichtbare Musik geboten werden?

Im November wird Karsten Lehl das expressionistische Antikriegsgedicht „Zuginsfeld“ von Otto Nebel (1892-1973) präsentieren, das Motto dazu lautet „Auch wir gedenken des Endes des 1. Weltkrieges.“ Unter dem Motto „Auch wir machen einen Leseabend“ will Pit Therre im Dezember „Sprachmusik“ darbieten. Dazu hat er Musikkritiken aus Krefelder Tageszeitungen gesammelt, aus denen er zitieren wird. Ob dabei mehr herauskommt als eine Stilblütensammlung? Das kann man an dieser Stelle nur hoffen.

Im Januar gibt es dann zum ersten Mal ein Stück, das zum Repertoire des Tam gehört. Pit Therre wird „Tierkreis — 12 Melodien der Sternzeichen“ von Karl-Heinz Stockhausen auf dem Bandoneon spielen, Motto des Abends: „Auch wir pflegen die musikalische Tradition.“ Die Spielzeit des Tam erstreckt sich im kommenden Jahr bis Juni. Hinweisen sollte man schon einmal auf zwei Geburtstagsprogramme.

Der Schweizer Komponist Urs Peter Schneider, dessen Werke oft im Tam zur Aufführung kommen, nicht selten von ihm selbst aufgeführt, wird im Februar 80 Jahre alt. Aus diesem Anlass wird eine Auswahl aus seinem Werk präsentiert. Und im Mai wird auch Tam-Hausherr Pit Therre 80 Jahre alt. Unter dem Motto „Auch wir gratulieren Herrn Therre zum 80.“ steht der Abend „80 Sächelchen“ auf dem Programm. Näheres ist der Übersicht nicht zu entnehmen, außer dass „80 Sachen“ eine Rolle spielen werden. Auch hier darf man wieder gespannt sein.

„Auch wir spielen, bis der Tod uns abholt“, lautet übrigens das Motto der ganzen Spielzeit. Das ist — bis auf das vorangestellte „auch“ - ein Zitat des Dadaisten Kurt Schwitters. Wer solch einen Sinnspruch auswählt, dem kann man Gelassenheit unterstellen. Pit Therre besitzt sie offenbar. Man darf ihm wünschen, dass er mindestens seinen 80. Geburtstag spielend erreicht.