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Vortrag in der VHS: Wie sich Fake News verbreiten

Vortrag in der VHS : Wie sich Fake News verbreiten

WZ-Chefredakteur Ulli Tückmantel hat in der VHS deutlich gemacht, welchen Einfluss falsche Nachrichten im Netz haben. Und er erklärt, wie Nutzer damit umgehen können.

Krefeld. Dass sich Fake News oft schneller verbreiten als Fakten und gerade in Wahlkampfzeiten eine immer größere Rolle spielen, hat WZ-Chefredakteur Ulli Tückmantel bei seinem Vortrag „Wahlkampf im Netz — Fake News, Social Bots und Co.“ in der Volkshochschule in Krefeld deutlich gemacht.

Die These des Abends: Faktenchecks reichen nicht aus, um gegen eine Verbreitung falscher Nachrichten vorzugehen. Vielmehr müsse die Nachrichtenkompetenz eines jeden gestärkt werden. Und die Vermittlung der nötigen Fähigkeiten dazu in der Schulbildung verankert werden.

Mit dem Beispiel Erika Steinbach, ehemalige Bundestagsabgeordnete der CDU, die eine „interessante Entwicklung“ gemacht hat, macht Tückmantel zu Beginn deutlich, wie schnell sich falsche Nachrichten im Internet verbreiten. Das Steinbach-System: „Ich verbreite eine Fälschung und dann poste ich ein Dementi, lasse die Fälschung aber immer noch im Netz stehen“, sagt Tückmantel und stellt einen der gravierendsten Fälle der vergangenen Wochen vor. Steinbach veröffentlichte bei Twitter eine angebliche Dienstanweisung des neuen NRW-Innenministers Herbert Reul. In dem gefälschten Behörden-Papier wurde angewiesen, Straftaten von Flüchtlingen entweder kleinzureden oder zu verschweigen. „Da erwarte ich einfach von einer Bundestagsabgeordneten, dass sie einschätzen kann, dass das natürlich vollkommen falsch ist“, sagt Tückmantel. Steinbach relativierte später ihre Aussage mit einer weiteren Nachricht bei dem Kurznachrichtendienst: „Es soll sich um eine Fälschung handeln“, schrieb sie dazu. Der Knackpunkt: „Die Fälschung verbreitet sich vollkommen unabhängig deutlich stärker und sie verbreitet sich auch nach dem Dementi weiter“, so Tückmantel.

Der Journalist betont, dass das beim Beispiel Steinbach kein „Zufall“ und kein „Versehen“ sei, sondern „Absicht“. Noch ein Beispiel: Ein Foto, das eine Frau zeigt, die scheinbar mit einem Beutel mit dem Aufdruck „Refugees welcome“ und anderen Einkaufstaschen an einem Obdachlosen vorbeigeht. Bilder wie diese sollen eine „gefühlte Wirklichkeit“ vermittelten. Ein anderer Twitter-Nutzer deckte die Fälschung auf, indem er das Originalbild als Antwort postete.

Ulli Tückmantel, Chefredakteur der WZ über ein gefälschtes Bild

Und siehe da, der Leinenbeutel mit dem Aufdruck fehlt. „Der Kontext, den Frau Steinbach hier rein gepfuscht hat, ist nicht da.“ Das Problem auch in diesem Fall: das gefälschte Bild verbreitete sich häufiger, bekam mehr Aufmerksamkeit. „Das ist blanke Hetze, sonst nichts“, sagt Tückmantel zu einem weiteren Beispiel.

Ein Foto bei dem viele Menschen mit dunkler Hautfarbe ein weißes Kind anschauen — plakativ betitelt mit „Deutschland 2030, woher kommst du denn?“ Das Bild war ursprünglich von einer australischen Familie, die bei einer Spendenübergabe in einem Kinderheim in Indien ihren Sohn fotografiert hatten. „Die waren entsetzt, als sie mitgekriegt haben, was dann mit diesem Foto passiert ist“, sagt Tückmantel. Diese „Steinbach-Masche“ sei „leider erfolgreich.“ Dazu tragen auch „Social Bots“ bei. Programme, die nützlich sein können, aber auch als „Meinungsschleudern“ automatisch dafür sorgen, dass bestimmte Meinungen und Aussagen sich bei Twitter und Facebook verbreiten. Das Problem: „Die Folge ist, dass das bei den Suchanfragen unglaublich nach oben schnellt und dadurch auch an Glaubwürdigkeit gewinnt.“

Bei dem TV-Duell zwischen Angela Merkel und Martin Schulz steckten nach der Webseite (botswatch.de), die diese Entwicklung analysiert, hinter fünf Prozent der Twitter-Profile, die an diesem Abend unter dem Stichwort „#tvduell“ Nachrichten verschickten, sogenannte Bots. „In der Netzdiskussion, die Sie heute erleben, sind Maschinen unterwegs, hinter denen keine Menschen stecken“, sagt Tückmantel. Das Publikum, das immer wieder interessierte Fragen stellt, wird merklich ruhig als er erklärt, dass sieben der zehn erfolgreichsten Artikel über Angela Merkel Fake News sind. Ulli Tückmantel isoliert bei seinem Vortrag zwei Probleme: „Es wird gelogen — als politische Waffe. Wir müssen permanent darauf gucken, was wird uns da eigentlich erzählt und entspricht das eigentlich noch der Wirklichkeit?“ Die logische Schlussfolgerung, so Tückmantel: „Wir müssen uns alle in den Stand versetzen, dass wir nicht glauben müssen, sondern es überprüfen können.“

Die Nachrichtenkompetenz eines jeden müsse gestärkt werden. „Grob fahrlässig“ sei es, diese Entwicklung als „postfaktische Zeiten“ abzutun, in denen sich die Menschen nicht mehr für Fakten interessieren, sondern alleine ihren Gefühlen folgen. Das hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel im September 2016 gesagt. Welche Bedeutung Fake News haben, zeigte Tückmantel anhand der Präsidentschaftswahl in den USA, bei der die Zahl der Interaktionen mit gefälschten Facebook-Posts zum Wahltag höher waren als die mit glaubhaften Nachrichten.

Ein weiteres Beispiel: Die „hybride Kriegsführung“ Russlands, bei der jährlich 450 Millionen Dollar ausgegeben werden, um gezielt Desinformationen zu streuen. Dass viele Zuhörer die Gelegenheit nutzten, um nach dem Vortrag mit dem Chefredakteur ins Gespräch zu kommen, zeigt wie groß das Interesse an dem Thema ist. Übrigens: Tückmantel widmet sich in seiner Kolumne „Fakten und Fälschungen“ regelmäßig dem Thema Fake News.