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Wie kommen in Krefeld Schwerbehinderte an den Euroschlüssel

Öffentliche Toiletten : Wie Schwerbehinderte Zugang zu öffentlichen Toiletten bekommen

Helmut Tedden hat sich schlau gemacht, den Euroschlüssel für öffentliche Toiletten beantragt. Viele wissen jedoch nicht, was sie machen müssen.

Helmut Tedden kennt das leidige Problem: man muss mal schnell zur Toilette, findet aber kein WC. Denn der Schwerbehinderte ist mit dem Rollator unterwegs, muss einen Handicap-gerechtes WC aufsuchen.

Das macht die Aufgabe schwieriger. Man muss schon vorher wissen, wo man hin muss. Das schränkt das Freizeitverhalten ein. Der 66-Jährige, der Jura studiert hat, ist engagiert, sucht nach Lösungen, ist aber verärgert. Er hat nach eigener Auskunft Beschwerdebriefe an Oberbürgermeister Frank Meyer und SPD-Arbeits- und Sozialminister Hubertus Heil geschrieben. Das Problem: Für die öffentlichen Behindertentoiletten braucht es einen sogenannten Euroschlüssel, den man beim Darmstädter „Club Behinderter und ihrer Freunde“ seit 1986 erhält, wenn man den Verein anschreibt. Das hat Helmut Tedden getan. Eine Kopie seines Behindertenausweises musste er einsenden.

„Ich habe das Geld. Aber das kann sich nicht jeder Rentner leisten“

Helmut Tedden hat sich bereits einen Schlüssel für die öffentlichen Behindertentoiletten der Stadt besorgt (im Bild der vordere Schlüssel).
Helmut Tedden hat sich bereits einen Schlüssel für die öffentlichen Behindertentoiletten der Stadt besorgt (im Bild der vordere Schlüssel). Foto: Bischof, Andreas (abi)

Drei Tage später erhielt er seinen Schlüssel – für sage und schreibe 23 Euro. „Ich habe das Geld. Aber das kann sich nicht jeder Rentner oder Hartz-4-Empfänger leisten“, sagt der Krefelder. Immerhin: der Euroschlüssel ist mittlerweile ein europaweites Schließsystem, wie die Stadt Krefeld auf Nachfrage mitteilt. „Ein Schwerbehinderter ist ja nicht nur zu Hause, sondern kann auch reisen“, sagt Tedden, der die Informationspolitik der Stadt und städtischen Töchter kritisiert. Wo bekommt man die Schlüssel her, wo findet man die Gelben Säcke? “Ich habe mich schlau gemacht, aber den Anderen fehlen die Infos. Im Internet ist das alles schwer zu finden. Niemand fühlt sich verantwortlich, den Behinderten die Informationen zu geben.“

Und dann sind da noch die Kosten für den Schlüssel. Tedden, ein überzeugter Uerdinger, der nun an der Talstraße in Innenstadtnähe im Erdgeschoss wohnt, spricht viel mit Gleichgesinnten, sagt: „Es kann sechs Monate dauern mit einem Antrag, bis das Sozialamt die Kosten übernimmt. Es dauert alles sehr lange.“ Gelbe Säcke müsse er sich mittlerweile in Linn holen, nicht mehr am Rathaus wie früher. Das koste ihm zwei Stunden Zeit. Aber auch um die Ausgabestelle herauszufinden, habe er viel telefoniert. Die Zahl der öffentlichen Behindertentoiletten in Krefeld ist nicht bekannt, teilt die Stadt auf Anfrage mit. Weiter heißt es: „Für die letzte Auflage des Ratgebers ‚Barrierefrei’ - Auflage 2015 - wurde versucht, die Anzahl der Behindertentoiletten zu ermitteln. Zum Zeitpunkt gab es 34 Behindertentoiletten. Dabei handelt es sich nicht um öffentliche Toiletten, sondern um WC, die in öffentlichen Einrichtungen und Kaufhäusern sind.“

Schlüssel erleichtert Tedden Reisen nach Österreich und Schweiz

Der Euroschlüssel sei dort zum Eintritt nicht notwendig. Der Verein und Hersteller CBF Darmstadt habe extra eine Broschüre ‚Der Locus’ herausgegeben. Darin sollen alle bekannten Behindertentoiletten genannt sein, damit die körperlich Eingeschränkten für ihre Notdurft schnell Abhilfe finden. Auch Krefeld hat in 2015 ein Heft publiziert - „Ratgeber Krefeld barrierefrei“. Hinweise, Tipps und wichtige Adressen auf 70 Seiten. Das Abfallthema Gelbe Säcke werde derweil in der Broschüre Entsorgungsmagazin 2018 thematisiert. Helmut Tedden ist glücklich über den Schlüssel, der ihm das Leben auch auf seinen Reisen nach Österreich oderSchweiz erleichtert.

Der Verein Lebenshilfe Krefeld greift vielen Behinderten unter die Arme. Ewa 140 Menschen werden regelmäßig in Wohnhäusern betreut. Der Fachdienst „Ambulant Unterstütztes Wohnen“ hat etwa 120 Klienten. „Wir informieren, zum Beispiel: wie kommt man an den Schlüssel. Wir sagen, was sie machen sollen. Wir geben Hilfestellung. Die Selbstbestimmung der Klienten steht aber im Vordergrund“, sagt Sprecherin Christina Schulte. Das heißt: die Anträge müssen die Behinderten eigenständig ausfüllen und stellen. Wie es geht, sagen ihnen die Betreuer. Ein Schlüssel wird in den Einrichtungen nicht benötigt. Bei einem Ausflug aber wird dies dann dringend notwendig sein. Das weiß nicht nur Helmut Tedden.