Wie die Krefelder Innenstadt attraktiver werden könnte

Interview mit Christoph Borgmann : Wie die Krefelder Innenstadt attraktiver werden könnte

Obwohl es in den vergangenen Jahren für die Krefelder Innenstadt immer wieder Rückschläge gab, sieht Einzelhändler Christoph Borgmann großes Potenzial. Ein Interview über Probleme und mögliche Lösungen.

Stirbt der Handel, stirbt die Stadt: Auf diese knackige These kommt ein Artikel über den „Standort City“ in der jüngsten Ausgabe des Wirtschaftsmagazins „Handelsjournal“, das Christoph Borgmann in den vergangenen Tagen besonders intensiv studiert hat. „Ich kann 99 Prozent dessen, was hier steht, unterschreiben“, betont der Einzelhändler und Vorsitzender der Werbegemeinschaft. Im Blick hat er dabei gleichzeitig die derzeit erfassten 77 Leerstände in der Innenstadt – und das nur an den Hauptstraßen.

Über dieses Problem und die Zukunft der Krefelder City insgesamt sprach die WZ mit ihm.

Bereiten die Leerstände Ihnen und Ihren Kollegen Sorgen?

Christoph Borgmann: Jeder Leerstand ärgert. Es gibt aber keine Zeiten ganz ohne. Ich kann mich daran erinnern, dass dieses Problem schon vor 30 Jahren thematisiert wurde. Krefeld war damals eine der ersten Städte, in denen deshalb ein Zentrenkonzept entwickelt wurde. Dadurch ist die Innenstadt in ihrer Grundstruktur – anders als in anderen Kommunen – noch gut erhalten worden. Anderenfalls sähe es heute deutlich schlimmer aus.

Krefeld hat in den vergangenen Jahren viel an Attraktivität verloren. Hat die Stadt etwas in der Vergangenheit falsch gemacht?

Borgmann: In den letzten fünf Jahren hat es – zugegeben vieles bedingt durch den Nothaushalt – enorm viele Hiobsbotschaften in der Innenstadt gegeben: Wegfall der Straßenmodenschau, Schließung des Modehauses Greve an der Hochstraße, die Absage von P & C, Baumängel an der Haltestelle Ostwall und mehr. Ende 2018 wurden dann endlich wichtige Entscheidungen gefällt, etwa zum Thema Seidenweberhaus. Bis alles umgesetzt ist, werden jedoch Jahre vergehen. In vielen Bereichen kann und muss es aber schneller gehen. Wenn dies beispielsweise nicht beim Thema Lichtkonzept, zu der auch die Weihnachtsbeleuchtung gehört, für die Innenstadt gelingt, dann sind möglicherweise weitere Lichter in einigen Jahren sprichwörtlich aus.

Was könnte, was müsste schnell umgesetzt werden?

Borgmann: Bleiben wir beim Lichtkonzept. Die Stadt ist gerade in den Wintermonaten tendenziell zu dunkel. Bisher finanzieren die Händler der einzelnen Straßenzüge die Beleuchtung, das wird aber immer schwieriger. Es darf nicht sein, dass Krefelds wichtigste Einkaufsstraße, also die Hochstraße, keine bzw. nur eine unzureichende Weihnachtsbeleuchtung hat. In der Vergangenheit sind die Prioritäten falsch gesetzt worden. Die Innenstadt hatte nicht immer die höchste Priorität, das muss sich ändern.

Können Sie dazu Beispiele nennen?

Borgmann: Die geplante Kulturmeile wurde total vernachlässigt. Wir haben eine wunderschöne Mediothek, die aber an ihrem Standort völlig untergeht. Wahrzeichen wie die Dionysiuskirche müssen sichtbarer gemacht werden. Auch braucht es in der Innenstadt unbedingt hochwertigeren Wohnraum. Das Wohnen in ehemaligen Ladenlokalen muss dabei an manchen Stellen möglich gemacht werden. Ich nenne hier als Beispiel die Breite Straße, die kein klassischer Handelsstandort mehr ist. Bei der Umsetzung ist in letzter Instanz das Baudezernat zuständig, welches in meinen Augen personell dramatisch unterbesetzt ist. Andererseits möchte ich betonen, dass auch vieles in der Pipeline ist. Nicht nur das Thema Seidenweberhaus, sondern zum Beispiel auch die Entscheidung zum Stadthaus. Ich halte es unbedingt für richtig, die Verwaltung von dort in die Innenstadt zu holen. Das wird zu einer weiteren Belebung sorgen. Auch das Mobilitätskonzept soll bald fertiggestellt sein, welches dann hoffentlich schnelle Veränderungen der Verkehrsinfrastruktur nach sich zieht.

Welche weiteren Maßnahmen wären notwendig?

Borgmann: Leider ist die Werkkunstschule raus aus der Innenstadt. Aber man könnte doch zum Beispiel einen neuen Versuch starten, die Hochschule Niederrhein wieder an die Innenstadt zu binden. Die Nutzung des alten Stadtbades als Bildungszentrum ist schon als Idee genannt worden, die ich persönlich großartig finde. Ich plädiere gleichzeitig dafür, preiswerten und attraktiven Wohnraum für Studenten in der Innenstadt zu schaffen. Und es kann nicht sein, dass es uns immer noch nicht gelungen ist, ein flächendeckendes Wlan-Netz in der Innenstadt zu schaffen.

Das größte Problem für den örtlichen Einzelhändler ist der immer stärker werdende Online-Handel. Können Sie dagegen überhaupt konkurrieren?

Borgmann: Ich betrachte dies mit Sorge, sehe darin aber auch wahnsinnig große Chancen. Der Online-Vorteil ist die gigantische Auswahl, damit können wir tatsächlich nicht konkurrieren. Aber schon beim Preis sehe ich das mittlerweile ganz anders. Und wir Händler sollten uns darum kümmern, was wir besser können als der Online-Handel: Interaktion, Persönlichkeit, Schnelligkeit, Service, Begeisterung und vor allem tolles Personal. Heute sind die Anforderungen an einen Ladeninhaber eben viel größer als früher, weil die Ansprüche der Kunden deutlich gestiegen sind. Wofür steht ein Geschäft? Welche Zielgruppe hat es? Wie kann diese erreicht werden? Solche Fragen treiben mich um.

Haben Sie darauf Antworten, was zur Belebung der Innenstadt beitragen kann?

Borgmann: Der Stellenwert des klassischen Bekleidungshandels nimmt ab. Darauf muss man reagieren. Schauen Sie zum Beispiel nach Holland, wo permanent neuartige Handelsformate entwickelt werden: Der Baumarkt auf kleiner Fläche. Oder der Autohändler, der nur einen Wagen präsentiert, aber die Möglichkeit schafft, sein Wunschauto am Computer zu entwerfen. Oder der Fahrradladen mit angeschlossener Rad-Garage für Kunden. Oder das Pop-up-Geschäft, in dem zwei Monate im Jahr Weihnachtsschmuck verkauft wird, anschließend Skier und im Frühjahr Blumenschmuck. Mit solchen Ideen hängen wir hier noch hinterher. Es braucht Mut und Menschen, die so etwas umsetzen. Wir haben hier mit Markus Ottersbach und seinem Team vom Einzelhandelsverband sowie der IHK genügend Experten vor Ort, die junge Existenzgründer kompetent und ausführlich beraten können. Und bei der Finanzierung solcher Projekte sollte es wohlwollende Unterstützung durch Sparkasse und Volksbanken geben. Es ist doch klar, dass ein junger Unternehmer keine hundertprozentigen Sicherheiten vorlegen kann.

An welcher Stelle hakt es noch?

Borgmann: Schauen wir nochmal auf die Leerstände. Der Zustand an der Königstraße ist derzeit nicht schön. Deren Umgestaltung vor 20 Jahren hat einen großen Schub gebracht, bei Vermietern und Händlern ist dadurch der Gedanke entstanden, eine 1a-Lage zu haben. Doch die ist in Krefeld nun mal an der Hochstraße. Deshalb müssen an der Königstraße als qualitätsvolle 1b-Lage die Mieten andere sein. Möglich wäre es doch, Mieten zu vereinbaren, die sich am Umsatz orientieren. Gespräche dazu hat es schon gegeben, die Bereitschaft dazu ist da – wenn auch nicht bei allen. Die Straße hat nach wie vor ein unglaublich großes Potential.

Wo sehen Sie erkennbare Fortschritte?

Borgmann: Bei den Klassikern wie Sicherheit und Sauberkeit ist zuletzt einiges auf die Reise gebracht worden. Da müssen wir weiter machen. Denn die Innenstadt ist die Visitenkarte von Krefeld. Auch der Perspektivwechsel des Stadtmarketings ist ein Schritt in die richtige Richtung. Unsere Vision sollte es sein, Krefeld als sympathischeren, pfiffigeren, schnelleren und bodenständigeren Nachbarn der Landeshauptstadt Düsseldorf mit einer enormen Wohnqualität zu entwickeln. Das Potenzial dazu ist riesig. Dazu brauchen wir eine nach außen sichtbare positive Aufbruch-
stimmung.

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