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Warum manche Gebäude im Krefelder Hafen schön wie Kathedralen sind

Rundganz zu Industriedenkmälern : Von Gebäuden im Rheinhafen, die so schön wie Kathedralen sind

Der zweite Teil unserer Serie führt unter anderem an der Historischen Drehbrücke vorbei und lüftet das Geheimnis der vielen Backsteinbauten und Mühlen.

Wenn Christoph Becker durch den Krefelder Hafen fährt, ist er von den schönen Gebäuden, die im frühen vergangenen Jahrhundert entstanden sind, begeistert. Viel weniger angetan ist er von der Entwicklung, die diese Gegend nimmt. Er hätte da durchaus Ideen, wie der Bereich, der für ihn Schmuddel-Charakter hat, auch für Besucher attraktiv werden kann, so wie er es früher einmal war. Der zweite Rundgang führt zu weiteren interessanten Industriedenkmälern in der Stadt – diesmal nach Linn.

„Sehenswert ist die gesamte Mühlenlandschaft an der Drehbrücke und dem gesamten Hafen.“ Manche Gebäude sind schön wie Kathedralen. „Der Neubau der Castellmühle von Goodmills passt sich gut ein“, sagt Becker. „Die Jugendstilbrücke selbst ist die schönste ihrer Art in Deutschland und das wertvollste Teil überhaupt.“

Der Rundgang beginnt von Linn aus gesehen noch rechts vor der Brücke und ist ein Plädoyer für den Erhalt herausragender historischer Gebäude. „Der Gelsenkirchener Mühlenbesitzer Reinhold Becker gründete 1907 die Roggen- und Gerstenmühle, parallel zum Hafenbecken, unmittelbar an der Drehbrücke. Der große Backsteinbau hat eine reiche Gliederung aus Stockwerkgesimsen. Besonders schön sind die zurückliegenden Wandfelder, die durch Rundbogenfriese nach oben abgeschlossen werden.“

1916 folgte der turmartige große Anbau des mächtigen Getreide-Silospeichers. Sein mächtiger Backsteinbau wird von einem hohen Walmdach mit einem massig und schwer in Backstein ausgeführten Dachreiter abgeschlossen. Während des Zweiten Weltkrieges erfolgte 1943 die Übernahme durch die Duisburger Mühlenwerke AG. 1985 wurde die Anlage durch das 1982 gegründete und aus Duisburg stammende Unternehmen Roters & Buddenberg übernommen. Danach wurden die Bauten als Umschlag- und Lagerbetrieb für Getreide und Ölsaaten genutzt.

Krefelder Mühlen sind städtebauliche Landmarke

Becker: „Wie es mit den Gebäuden weitergeht, ob Abriss oder Denkmalschutz, ist unklar.“ Seine Meinung: „Die Krefelder Mühlen runden nicht nur die Geschichte des gesamten rheinischen Großmühlenbaus ab. Es ist vielmehr mit der Roggen- und Gerstenmühle ein rares Exemplar in der Formensprache des 19. Jahrhunderts erhalten geblieben, das darüber hinaus mit den Erweiterungsbauten bis in die Moderne des 20. Jahrhunderts übergeht und mit dem Silogebäude von 1916 eine städtebauliche Landmarke für Krefeld übernimmt.“

Nur wenig weiter steht in nachbarschaftlicher Nähe das Gebäude der „Crefelder Lagerhausgesellschaft Schou“. Oft übersehenen, ist dieses Industriegebäude eines der ersten aus Eisenbeton erbauten Silos im Rheinhafen. Eines ist versteckt und nur von der Drehbrücke aus zu erblicken. Es ist seit über 100 Jahren in Betrieb und mit seiner historischen Front und seinem „hoch aufragenden nördlichen Kopfbau mit dreiachsigem hervorspringendem Gebäudeteil und Turmbekrönung äußerst sehenswert“, erklärt der Fachmann.

Einer Kathedrale ähnlich ist auch die grau-weiße Gottschalk-Mühle aus Eisenbeton, die ein wenig versteckt – hinter dem Gebäude von Henkel, Richtung Hafenbecken – an der Hentrichstraße liegt.

Zurück zur Drehbrücke, dem unter Denkmalschutz stehenden Juwel früherer Architekten- und Handwerkskunst, die auch heute noch funktioniert. Dahinter liegt links die künstlich aufgeschüttete Halbinsel, an deren Spitze sich das Hafenamt befindet. Hier blickt der an der Historie interessierte Mann in die Zukunft und gerät wegen der bestehenden Entwicklungsmöglichkeiten ins Schwärmen: „Eines der Wahrzeichen der Stadt Krefeld sind die stolzen Lagergebäude auf dieser Halbinsel. Wer mit dem Auto oder Fahrrad die Rheinbrücke quert, wirft automatisch einen Blick darauf. Sie erzählen aus der Zeit, als sich die Stadt Krefeld von Samt und Seide löste. Neues Gewerbe sollte hier Platz finden. Und dazu entstand eines der modernsten Logistikzentren seiner Zeit.“

Sehenswert sind die beiden Lagergebäude auf dem Hafenkopf. Sie sind allerdings bisher nicht zugänglich. „Früher war der Hafen ein Ausflugsziel für die Krefelder“, erzählt Becker. Die steinernen Bänke auf der Drehbrücke zeugen davon. Es gab das große Restaurant Rheingold mit rund 400 Plätzen und Übernachtungsmöglichkeiten. Hier auf der mit Erde aus Mündelheim aufgeschütteten Halbinsel könnte etwas Ähnliches in den alten Gebäuden entwickelt werden, so, wie es die Nachbarstädte vormachen. Man denke an den Medienhafen in Düsseldorf.

Der Rheinhafen ist für die Identität der Region wichtig

Becker: „Der Krefelder Rheinhafen ist außerordentlich wichtig, für den Umschlag und für die Identität der Region. Bisher ist kein Plan erkennbar, wie der Hafen – anders als in allen anderen Häfen nah und fern – umgewandelt werden kann. Dass der Erhalt seiner einzigartigen Kulturlandschaft mit einer wirtschaftlichen Nutzung in Einklang gebracht wird, ist ein Muss.“

Und dann berichtet er von zwei früheren Verkehrsstraßen: Da ist einmal die Hafenbahn als Eisenbahnlinie, und dann noch die Straßenbahn, die Arbeiter und Ausflügler einst an den Rheinhafen brachten. Es gab vor Jahrhunderten auch Bestrebungen, den Niederrhein durch ein Mega-Kanalprojekt, den Rhein-Maas-Schelde Kanal, mit Antwerpen zu verbinden. Die Pläne besagten, dass die neue Wasserstraße auch am historischen Uerdinger Klärwerk vorbeigeführt werden sollte. Der Beginn des Kanals im Hafenbecken ist noch ersichtlich. Fertiggestellt wurde er nicht.