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Warum Krefelds Hauptbahnhof ein besonderer Ort ist

Trotz aller Mängel : Warum Krefelds Hauptbahnhof ein besonderer Ort ist

Es gibt einige Gründe, den Krefelder Hauptbahnhof scheußlich zu finden. Unser Autor erklärt, warum er trotzdem ein ganz besonderer Ort ist.

Guten Morgen,

häufig ist es bei historischen Ereignissen so, dass man erst hinterher feststellt, wie historisch sie sind. In der Corona-Pandemie ist es anders. Wir alle ahnen, dass man in 20 Jahren auf ZDF-Info Dokumentationen über diese Zeit senden wird. Ganz sicher werden es auch Bilder aus dem Juni 2020 in die Rückblicke schaffen: Endlich fliegen Menschen wieder von Düsseldorf nach Palma de Mallorca. Mutige Helmuts und Gabis gehen an Bord – bierdurstig und sonnenhungrig. Auf spanischem Boden werden sie empfangen wie Helden. Die deutsche Mondlandung – wir sind wieder wer. Sie merken, ich fand den ganzen Trubel um die Malle-Rückkehr mittelschwer albern.

Dennoch kann ich das Gefühl, das dahinter steckt, nachvollziehen. Viele sind in den vergangenen Wochen an Orte zurückgekehrt, die sie mögen. Was war es bei Ihnen? Der Tennisplatz, die Kirche oder sogar das Büro? Über einen Ort, bei dem ich mich gefreut habe, bin ich zugegebenermaßen selbst überrascht: der Krefelder Bahnhof. Ja, ich wiederhole gerne: der Krefelder Bahnhof. In der Corona-Zeit ist es mir lieber, mit dem Auto zu fahren. Für den Umweltschutz doof, für alle, die keine Alternative zur Bahn haben, sicher besser. Einmal war ich nun dennoch dort, am Bahnhof – und es hat mich gefreut.

Wie kann das? Muss das? Ist der Mann verrückt? Ich kläre gerne auf. Zunächst möchte ich dem unweigerlich drohenden Ärger entgegenwirken. Wenn Sie den Krefelder Bahnhof scheußlich finden, hat das gute Gründe. Mängel gibt es viele. Zum Beispiel die wenigen spannenden Verbindungen. Nach Duisburg, Mönchengladbach, Mönchengladbach und Duisburg kommen Sie mit der Bahn von Krefeld problemlos. Soll es etwas exotischer sein, biete ich Ihnen eine Tour nach Kleve an. Der Fernverkehr? Für eine Stadt der Größe Krefelds mangelhaft.

Um die Aufenthaltsqualität steht es kaum besser. Ein bisschen dunkel und aus der Zeit gefallen ist das Gebäude. Die Gleise sind zugig. Und dann ist da die seit Jahren währende Dauerbaustelle an Gleis 1. Die Absperrungen gehören mittlerweile zum Inventar. Wäre ich politischer Kabarettist, würde ich nun Parallelen zum Berliner Flughafen ziehen. Und wären Sie ein Kabarett-Publikum würden sie schon lachen, wenn ich „Der Berliner Flughafen“ noch gar nicht zu Ende geraunt habe.

Übrigens: Genauso mau wie am Gleis sieht es in der Eingangshalle aus. Es gibt in der Region durchaus moderne Bahnhöfe mit vielen Geschäften, die sich zu Recht Einkaufsbahnhof nennen. Da können Sie mit einer Hautcreme, einem Pfund Kaffee und einem Schlauchboot unterm Arm rausmaschieren. Bei uns in Krefeld gibt es das nicht. In normalen Zeiten haben wir zwei Back-Shops. Einer von beiden macht zumindest ein sehr leckeres Brötchen mit einem panierten Fisch drauf – angerichtet auf einem Bett von Remouladen-Sauce. Ich verrate freilich nicht welcher. Am Eingang sehen Sie zudem das obligatorische Zeitungs- und Zeitschriften-Geschäft. Zugegeben, die schier unendliche Auswahl gefällt mir als Zeitungsjournalist. Zwischen Anglermagazinen und gefühlt allen Illustrierten dieser Welt scheint die Krise des Printjournalismus so angenehm weit weg. Für einen Einkaufsbahnhof reicht das allerdings nicht.

Nun habe ich genug gemeckert. Als ich kürzlich nochmal am Bahnhof war, habe ich schließlich über ganz andere Dinge nachgedacht. Die vielen emotionalen, tollen Erinnerungen, die immer mit diesem Ort verbunden sind. Die erste Städtereise zum Beispiel. Als Kind bin ich mit meinen Eltern von Krefeld nach Hamburg gefahren – selbstverständlich mit Umsteigen in Duisburg. Der Fernverkehr, naja.

Das erste Mal Kino ohne Eltern war im Cinemaxx am Bahnhof. Am Ende standen wir als Jugendliche an einem Samstagabend auf dem Vorplatz. Wir fühlten uns als sei Krefeld jetzt unser Manhattan. Es sind auch kuriose Erinnerungen, die am Bahnhof hängen. Vor einigen Jahren startete ich dort als Teil einer größeren Gruppe eine politische Bildungsreise nach Berlin. Einmal Reichstagskuppel und ein netter Gruppen-Schnack mit einem Bundestagsabgeordneten. Letztlich blieb von der Bildungsreise wenig Bildung übrig. Schon auf der Hinfahrt schaffte es ein Teil der politisch Interessierten jeglichen Alkohol im Bordbistro zu genießen. Kurz vor Berlin war nichts – kein Bier, kein Wein – mehr übrig.

Auch meinen Start als Schüler bei dieser Zeitung verbinde ich mit dem Bahnhof. Damals, beim ersten Praktikum, kam ich mit der Straßenbahn aus Richtung Willich. Selbstverständlich immer eine Verbindung zu früh. Schließlich hatte ich gelernt, dass Pünktlichkeit eigentlich 95 Prozent jeder Karriere ausmacht. Nun wollte ich aber auch nicht zu früh ankommen. Deshalb stieg ich regelmäßig am Bahnhof aus und ging den Rest bis zur Rheinstraße zu Fuß. Wie jung und naiv. Als ob irgendein Chef dieser Welt etwas gegen zu früh kommen hätte?

Ich bin sicher, dass viele von Ihnen ebenso besondere Erinnerungen mit dem Bahnhof verbinden. Und sei es einfach die Ankunft in Krefeld. So oft bin ich schon vom Rhein her in Richtung Hauptbahnhof gekommen. Ab Uerdingen schaue ich immer aus dem Fenster des Zugs. Erst sehe ich den Chempark, dann Burg Linn. Ab Oppum wird der Zug immer langsamer. Jedes Mal erspähe ich die Flutlicht-Masten der Grotenburg. Es folgen der kurze Blick auf Dießemer Bruch und Dießemer Straße. Und dann, endlich, hält die Bahn – an der Baustelle an Gleis 1.

Doch was nützt es, sich zu ärgern? Irgendwann endet diese Baustelle. Der Berliner Flughafen soll ja auch bald öffnen. Sie wissen schon. Und selbst mit Baustelle ist es schön, endlich wieder in Krefeld zu sein.