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Warum Europameister Markus Janßen aus Krefeld eine Socke in der Hose trägt

Minigolf : Warum Europameister Markus Janßen eine Socke in der Hose trägt

Der Autor wollte nur eine Runde Minigolf gegen den Krefelder Europameister Markus Janßen verlieren – doch er verlor noch viel mehr.

Die Sache lief schon in die falsche Richtung, bevor Janßen die Socke aus der Hose zog. Erst Recht, bevor er die Geschichte von Bastian Schweinsteiger erzählte. Genaugenommen ging die Sache schon mit den 3000 Bällen schief, also von Anfang an.

Ans Minigolfen habe ich ausnahmslos gute Erinnerungen. Das mag daran liegen, dass ich es nur als Kind spielte und bevorzugt im Urlaub. Ich wusste nicht so wirklich, was ich tat. Der Unterschied zwischen Glück und Können war mir noch nicht bekannt. Meist landete der Ball trotzdem irgendwann im Loch. Danach gab‘s Eis, oder wir gingen am Bodensee Spätzle essen.

Mir war klar, dass ich gegen Markus Janßen keine Chance haben würde. Als ich erfuhr, dass der Weltranglistenzweite der Senioren im Minigolf in Krefeld lebt, hatte ich nicht die Illusion, das Duell mit ihm zu gewinnen. Ich wollte bloß die seltene Gelegenheit nutzen, mich von einem Sportler abziehen zu lassen, der ein Meister seiner Disziplin war. Dass mich mehr erwartete als eine Niederlage, wusste ich nicht.

Als ich mit meinem Rad im Uerdinger Stadtpark eintraf, spielte Janßen schon. Er trug Turnschuhe, kurze Hosen und eine Trainingsjacke der deutschen Minigolfnationalmannschaft. Janßen, 55 Jahre alt, kannte die 18 Bahnen seit seiner Kindheit. Seine Oma hatte in der Nähe gewohnt und ihm regelmäßig ein paar Mark für eine Runde Minigolf und ein Eis in die Hand gedrückt. Mit 13 trat er dem Bahnengolfclub Uerdingen bei, später wechselte er nach Mainz. Seine große Zeit kam allerdings viel später, bei den Senioren. Jahrelang war er dort Weltranglistenerster, wurde mehrfach Europameister. Ruhm brachte ihm das allerdings kaum, Geld noch weniger. Kein Minigolfer kann von seinem Sport leben.

Ich hatte damit gerechnet, dass Janßen wie ein Golfer diverse Schläger mitbringen würde, aber er hatte bloß einen dabei. Stattdessen trug er in einer Tasche knapp 30 Bälle. 3000 besitze er, sagte Janßen, als sei das etwas völlig Normales. Ich erfuhr, dass ein Ball fünf Dimensionen hat, Sprunghöhe, Härte, Gewicht, Größe und Oberfläche. Die Bälle sind unterschiedlich schnell, sie reagieren anders auf die Bande. An diesem Tag sollte Janßen noch häufiger von der Reproduzierbarkeit des Schlags sprechen, die das Gegenteil von Glück ist.

Ein Minigolfer variiert nicht den Schlag, sondern den Ball, um auf der jeweiligen Bahn den immer gleichen Schlag machen zu können. Den Ball zu wechseln kann nötig sein, weil höhere Lufttemperaturen ihn schneller machen und die Luftfeuchtigkeit das Bandenverhalten beeinflusst. Schon nach wenigen Minuten schwirrte mir der Kopf.

Den Ball, den ich mir geliehen hatte, nannte er belustigt Holzball, und das war noch nicht alles. Meiner hatte diese kleinen Einbuchtungen wie beim Golf, seine waren glatt wie ein Tischtennisball. Nicht mal rund sei meiner, sagte Janßen, weil die Leute immer den hier machten - er stellte seinen Fuß auf meinen Ball und zog ihn zum Punkt auf Bahn 1.

Da standen wir also nun vor der simpelsten aller Bahnen, so dachte ich. Beton, 12 Meter lang, 1,25 Meter breit. Er mit seinen 30 Bällen und einem Schläger für 250 Euro. Ich mit der unrunden Holzkugel und einem Schläger, den vermutlich halb Krefeld schon in der Hand gehalten hatte. Kein Hindernis, keine Kurve, bloß ein Loch am anderen Ende. Nur ein Laie wie ich konnte auf die Idee kommen, den Ball geradeaus zu schlagen. Janßen behelligte mich mit weiterem Wissen. Er kündigte an, wie er den Ball mit einem Schlag im Loch versenken werde. Hier werde er die Bande treffen, dann werde der Ball an diese Bande kommen und dann noch mal da und dann Ass. So nannte man einen Treffer beim ersten Versuch. Ich fand das unnötig kompliziert, doch da kam er wieder mit der Reproduzierbarkeit des Schlags. Auf so einer langen Bahn ist es viel einfacher, den richtigen Punkt an der nahen Bande zu treffen, als das Loch am Ende der Bahn anzuvisieren. Der Ball musste auf dem langen Weg nur leicht seine Richtung verändern, um vorbeizurollen.

Er schlug, und es kam genauso, wie er es vorhergesagt hatte. Ich war an der Reihe und bat um ein paar Hinweise zur Schlagtechnik. Diese fielen vergleichsweise schlicht aus. Die Füße schulterbreit auseinander, die gedachte Linie zwischen den Fußspitzen parallel zur Schlagrichtung, Schläger mittig vorm Bauch halten, in die Knie gehen, das Ziel fixieren, dann auf den Ball gucken. Beim Schlag die Arme aus dem Schultergelenk heraus bewegen, Handgelenk und Armbeugen bleiben steif.

Bereits vor meinem ersten Schlag wusste ich, dass mein Minigolfidyll zerstört war. Das Urlaubsvergnügen mit Calippo-Eis hatte seine Unschuld verloren. Minigolf war nichts für Rentner und Kinder, sondern für Wissenschaftler. Ich war vollkommen überfordert. Ich musste Wissen aufsaugen, ich musste spielen, ich musste Dinge aufschreiben. So ganz genau weiß ich nicht, was geschah, aber laut meiner Notizen passierte das hier, möglicherweise in einer anderen Reihenfolge.

Ich schlug den Ball nicht über die Bande, sondern auf direktem Weg Richtung Loch. Er rollte vorbei. Ich brauchte zwei Schläge. Ich brauchte immer mindestens zwei Schläge, manchmal auch fünf. Janßen nie mehr als zwei. An Bahn 5 sagte er mir, dass mit meinem Material hier gar kein Ass möglich sei. Das sagte er noch häufiger. Vor Bahn 7 erklärte er, für ihn reiche es, einen sehr harten Ball einfach auf den Betonkreis am Ende zu schlagen. Weil der Beton dort leicht trichterförmig gebaut sei, rolle der Ball automatisch ins Loch. Mit meinem Anfängerball war das selbstverständlich nicht möglich, er blieb ohnehin schon vorher auf der Asche liegen. Auf Bahn 11 brauchte er zwei Schläge und sagte, nun könne ich mal eine Bahn gewinnen. Ich brauchte ebenfalls nur zwei Schläge - mein einziges Unentschieden. Auf Bahn 13 nahm er eine Glaskugel – ich fand das leicht angeberisch. Aber auch die rollte wie automatisch ins Loch.

Einmal sagte er, meine Zeit sei eigentlich schon abgelaufen, der Spieler habe nur 60 Sekunden bis zum ersten Schlag. Vielleicht seine Art, mir mitzuteilen, dass ich zu viel redete. Dann erzählte er mir, dass es Otto heiße, wenn man auch nach sechs Schlägen nicht ins Loch getroffen habe und sich sieben Punkte aufschreiben müsse. Otto von italienisch acht, weil es früher sieben Schläge und ein Strafpunkt waren. Mittlerweile denke man sogar darüber nach, auf fünf Schläge zu verkürzen, damit man die Turniere durchbekomme. Janßen schien mir ein Mann zu sein, der am liebsten auf zwei Schläge verkürzt hätte. Er zeigte mir auch, wie ein Minigolfer seine Bälle warmhält. In einer Socke. Ich fragte, wo er die aufbewahrte, und er sagte, an der wärmsten Stelle des Mannes, und dann zog er eine Socke aus der Hose. „Im Winter ziehen wir deshalb bis zu vier Schichten an.“

Irgendwann sprach ich ihn auf Walter Erlbruch an. Auch mit 55 Jahren war Markus Janßen noch einer der besten Minigolfer Deutschlands, aber genaugenommen nicht der beste in Krefeld. Das lag nicht nur an Sebastian Heine, Jahrgang 1987, Deutscher Meister, Europameister, Weltmeister, sondern vor allem an Minigolflegende Walter Erlbruch, der nicht als Senior, sondern in der regulären Klasse so ziemlich alles gewonnen hatte. Janßen räumte ein: „Erlbruch war tendenziell besser, aber punktuell war immer was drin.“ In der Seniorenweltrangliste aber war Janßen klar vor ihm. Das lag laut Janßen allerdings daran, dass Erlbruch seiner Frau versprochen hatte, allmählich kürzer zu treten. Wenn man gemein sein wollte, lag Janßen also nur vor ihm, weil er häufiger spielte. Vielleicht hätte ich ihn damit piesacken sollen, um ihn mürbe zu machen. Vielleicht war Walter Erlbruch der Mann, der ihn abends nicht einschlafen ließ. Vielleicht zerbrach er sich den Kopf über der Frage: Was hat dieser Erlbruch, was ich nicht habe?

Aber hätte es etwas gebracht gegen einen Mann, der Minigolf als Mentalsport bezeichnet? Er liebte nicht nur das Draußensein, das Tüfteln, sondern auch den Wettkampf, der vor allem im Kopf entschieden wurde. „Man muss den Weg zum Punkt trainieren“, sagte er und empfahl, die Schweinsteiger-Doku zu gucken. In der ist zu sehen, wie Bastian Schweinsteiger 2012 im Champions-League-Finale der Bayern gegen Chelsea einen langen Weg zum Elfmeterpunkt zu gehen hat und verschießt. Die Bayern verloren.

Das meinte Janßen, wenn er sagte, man müsse den Weg zum Punkt trainieren. Sich nicht von seinen Gedanken verrückt machen lassen, wenn es um den entscheidenden Schuss beziehungsweise den entscheidenden Schlag geht. Er sagte, er simuliere die letzten Bahnen im Kopf. Bereite sich darauf vor, dass bei den Meisterschaften Zuschauer an der Bahn stehen. Konzentration, Präzision und nach dem Treffer die Emotion. Im nächsten Jahr will er so die Seniorenweltmeisterschaft in Wanne-Eickel gewinnen.

Wir spielten nicht zu Ende, weil Janßen, der IT-Manager, zurück ins Home Office musste. Mir war das Recht. Er verabschiedete sich, ich blieb noch eine Weile auf einer Bank sitzen. Dann stieg ich aufs Rad und fuhr los. Ich fuhr über etwas, wo andere Städte Radwege haben, und mein Kopf war voll mit fünf Dimensionen, Bandenverhalten und Socken, doch ich wusste, was ich tat. Ich musste beim Radfahren nicht darüber nachdenken, wie ich Rad zu fahren hatte. Allmählich kam ich zur Ruhe.

Janßen hat seiner Frau nicht versprochen, im Alter weniger Minigolf zu spielen. Seine Frau spielt selbst Minigolf im Verein. 1995 sahen sie sich zum ersten Mal, auf der Anlage in Herten.