Viele Krefelder wissen nicht, wie wichtig Gellep für Archäologen ist

Archäologischer Park : Welterbe unter der Pferdewiese

Viele Krefelder wissen gar nicht, wie bedeutend Gellep für Historiker und Archäologen ist. Wir erklären es.

Wer an Geschichte interessiert ist und etwas über die Römer am Niederrhein erfahren möchte, der fährt aus Krefeld am liebsten nach Xanten in den Archäologischen Park. Jedenfalls noch. Geht es nämlich nach Jennifer Morscheiser, Leiterin des Museums Burg Linn, dann wird sich das „bis zu meiner Pensionierung in 26 Jahren“ gründlich ändern: Jedes Krefelder Schulkind soll bis dahin ganz selbstverständlich das Museum und den von ihr geplanten „Archäologischen Landschaftspark Gelduba“ aufsuchen. Denn auch wenn es sich immer noch nicht bei allen Krefeldern herumgesprochen hat: Am Hafen befindet sich eine „ungeheuer wichtige Fundstelle“, deren Bedeutung aus Sicht der Archäologen „einzigartig“ ist, so Morscheiser.

Ab 10. November wird die neue Ausstellung „Abenteuer Großgrabung“ im Museum von der Besonderheit der Funde im Rheinhafen erzählen. Also genau dort, wo germanische Stämme bereits 800 vor Christus siedelten und eisenzeitliche Gräber anlegten. Wo die Römer Jahrhunderte später ein Feldlager für 12 000 Soldaten errichteten, das später zum Kastell wurde. Wo der aufständische germanische Stamm der Bataver an einem Herbsttag im Jahr 69 nach Christus in einer blutigen Schlacht besiegt wurde.

Schon Tacitus hat die
Bataver-Schlacht beschrieben

Vor allem diese Schlacht, die eher ein Schlachten war, ist für die Archäologen und Historiker eine Besonderheit. Denn sie ist vom römischen Historiker Tacitus in seinen „Historien“ exakt beschrieben worden. Anders als bei vielen anderen historischen Quellen steht hier aber auch fest, wo genau sie stattgefunden hat. Nämlich unweit der Siedlung „Gelduba“, dem heutigen Gellep. Mit Funden – darunter Waffen und Knochen von etwa 300 toten Pferden – und Bodenuntersuchungen konnte der Schlachtverlauf genau nachgewiesen werden.

Und dann ist da auch noch das berühmte römisch-fränkische Gräberfeld, mit rund 6000 Fundstellen das größte nördlich der Alpen. Dessen bekanntester Fund ist der vergoldete Spangenhelm des fränkischen Fürsten Arpvar aus dem 5. Jahrhundert. Wie Grabungen im Jahr 2017 auf einer 3,5 Hektar großen Fläche, auf der derzeit die Goodmills Deutschland GmbH Europas größte Getreidemühle baut, beweisen konnten, wurden hier aber schon Gräber in der Eisenzeit, also lange vor den Römern und Franken, angelegt.

Mehr als 90 000 Funde sind auf dem Areal gemacht worden, von der kleinen Scherbe über den goldenen Ring bis zum Soldatenhelm. Sogar ein junger Hund, der offenbar in einem Heizkanal für eine Dörr-Einrichtung („Darre“) ein geheimes Versteck hatte und dort auch verendet war, gehört dazu. Davon erzählt ab November die Sonderausstellung „Abenteuer Großgrabung“. Auch im übrigen Museum können unzählige Gegenstände bestaunt werden, die in Krefeld seit den 1930er-Jahren aus dem Boden geholt wurden – anders als zum Beispiel im Römisch-Germanischen Museum in Köln, das auch auf Funde aus anderen Gebieten angewiesen ist.

Der „Archäologische Landschaftspark Gelduba“ soll zum Museum eine begehbare Ergänzung sein. Er soll dort entstehen, wo sich in strategisch günstiger Lage acht Meter über dem Rhein einst das Kastell mit seiner 500 Mann starken Besatzung aus Reitersoldaten sowie die benachbarten Siedlungen befanden. Der Spielplatz wird sich dort befinden, wo vor 2000 Jahren die Bataver-Schlacht tobte. Das Konzept sei in der Politik, aber auch bei einer Bürgerversammlung sehr gut angekommen, berichtet Jennifer Morscheiser. Kritik in den sozialen Netzwerken, einen solchen Park könne man nicht in einem unattraktiven Industriegebiet anlegen, erwidert sie: „Schöner wäre er natürlich gleich neben der Burg – aber dort befand sich das Kastell nun mal nicht.“ Nur Steine aus römischer Zeit sind in der Burg verbaut worden.

Das Lager in Gellep war ein Teil der Grenzbefestigungen des Niedergermanischen Limes. Es soll 2021 mit anderen römischen Fundstellen als Unesco-Welterbe eingetragen werden. Aus Sicht von Jennifer Morscheiser ist es deshalb höchste Zeit, diese bedeutende Fundstätte des kulturellen Erbes aus dem Vergessen unter Brombeergestrüpp und einer Pferdewiese zu holen.

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