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Verkehr: „Das Fahrrad ist das neue Statussymbol“

Mobilität : „Das Fahrrad ist das neue Statussymbol“

Der Anteil der Radfahrer am Verkehr in Krefeld soll auf 30 Prozent erhöht werden. Aus Sicht des Handels ist das längst keine Utopie mehr.

Mit einer „Fahrradoffensive“ möchte die Stadt den Anteil des Radverkehrs auf den Straßen auf 30 Prozent erhöhen (siehe Kasten). Bei der Mobilitätsbefragung 2017 lag der Anteil noch bei 21 Prozent. Wie sich das ändern soll, geht aus einem Konzept der Verwaltung hervor, das künftig umgesetzt werden soll.

Doch ist der prognostizierte Anteil überhaupt deckungsgleich mit dem Konsum- und Verkehrsverhalten der Bürger? Sind die Menschen bereit umzusteigen? Von einem revolutionären Wandel sprechen tatsächlich manche Händler. Darunter auch die Inhaber von Radsport Weyers am Bockumer Platz.

„Wir haben das Geschäft vor 15 Jahren gegründet, es ist Wahnsinn, wie sich alles verändert hat“, sagt Tim Weyers (37), und sein Bruder Thomas (40) ergänzt: „Wir haben ein komplett anderes Anspruchsdenken der Kunden. Das Fahrrad ist mittlerweile ein Statussymbol.“ Das lasse sich schon am Preis festmachen. Während zur Startphase der beiden Brüder die teuersten Räder bei 2000 Euro gelegen hätten, würden nun in der Spitze schon mal 5000 bis 8000 Euro auf den Tisch geblättert. Und nicht selten kämen Ehepaare ins Geschäft, um für beide Partner ein neues Rad anzuschaffen. „Die Menschen sind auch überhaupt nicht konsterniert. Sie kennen die Preise“, erklärt Thomas Weyers.

Vom einfachen Fahrrad zum hochwertigen E-Mountainbike

Sein Bruder Tim bringt es mit einem griffigen Zitat auf den Punkt: „Früher war ein Fahrrad nur ein Fahrrad.“ Heute werde das neue E-Mountainbike gerne auch nach dem Kauf dem ganzen Freundeskreis präsentiert. Für die beiden Experten ist es deshalb längst keine Utopie mehr, dass der Anteil der Radfahrer auf Krefelds Straßen noch deutlich zunehmen kann.

Die große Nachfrage der Interessenten versuchen die beiden Bockumer auch dadurch besser steuern zu können, dass es wie beim Zahnarzt vor dem Besuch im Geschäft Termine gibt. Sie können online gebucht werden. „Wir wollen ein hochwertiges E-Bike einfach nicht nur zwischen Tür und Angel verkaufen“, sagt der 37-Jährige. Eine Stunde wolle man sich schon für jedes Gespräch Zeit nehmen. Das könne im Einzelfall tatsächlich bedeuten, dass Kunden, die spontan in dem Geschäft auftauchten, wieder gehen oder eine lange Wartezeit in Kauf nehmen müssten – falls ein Termin danach frei sei.

Doch wer zuletzt vor etlichen Jahren ein Fahrrad im Geschäft erstanden hat, wird neben der Terminvergabe auch sehr erstaunt darüber sein, dass er vermessen wird, bevor er auf einem Rad Platz nehmen darf. Und das geschieht im Geschäft am Bockumer Platz zeitgemäß digital per so genanntem Body Scanning. Die Inhaber lassen sich diesen High-Tech-Service einiges kosten, sehen sich aber im Wettbewerb mit immer mehr Händlern damit weit vorne. „Wir sind die Einzigen, die das in einem Umkreis von 100 Kilometern anbieten“, sagt der 40-Jährige. Das Prozedere ist kurz und natürlich völlig schmerzlos. Kunden müssen sich lediglich in eine recht enge Weste zwängen, dann wird der Körper automatisch vermessen. Werte wie Sattelhöhe, Sattelversatz, der Abstand von Sattel zum Lenker und die empfohlene nutzbare Sattelbreite werden ausgeworfen. Thomas Weyers glaubt, dass er so das perfekte Rad aus seinem Sortiment ziehen kann, auf dem der Kunde nach einer kurzen Einstellung sofort losfahren kann, ohne dass es nachjustiert werden muss. Für alle, die ein Rad noch unter dem Begriff „Drahtesel“ betrachten, ist das alles eine sehr neue Welt.

Doch sie wird offenbar von den Käufern gut angenommen: 500 Räder verkaufen die Bockumer Händler etwa jährlich. Zwischen 2500 und 8000 Euro liegen die Preise der E-Bikes, die 98 Prozent des Umsatzes ausmachen. Da will nicht nur der Kunde seine Investition gut überlegen, auch Weyers muss gut kalkulieren, welche Räder ins Geschäft gestellt werden, damit sie nicht zu lange auf Käufer warten müssen. Teilweise müssen Kunden allerdings auch dabei Wartezeiten in Kauf nehmen. Die teuersten Modelle werden in Fakturen nur auf direkte Bestellung nach dem Kauf individuell hergestellt. Zwei Monate Wartezeit sind keine Seltenheit. „Die Nachfrage ist deutlich höher als die Möglichkeiten in der Produktion“, sagt Thomas Weyers.

Auch die Arbeit in der Werkstatt hat sich im Vergleich zu „früher“ deutlich verändert. Wie moderne Autos kommen die Räder an ein Diagnosegerät. Und die Zweiradmechatroniker gehen im Winter fünfmal zu einer Schulung, um ein Update der neuesten technischen Handgriffe und digitalen Kniffe zu bekommen.