Kirche: Umwege zum Traumberuf an der Orgel

Kirche: Umwege zum Traumberuf an der Orgel

David Jochim aus Hüls studiert in Bayreuth eine traditionsreiche Kunst: Kirchenmusik. Für ein Konzert kam er zurück in die Heimat.

Mit vier Jahren sah sich David Jochim das erste Mal einer großen Orgel gegenüber. Er sah das Zusammenspiel von Registern, Tasten und Pedalen und hörte den einzigartigen, überwältigenden Klang. Heute ist David Jochim 25 Jahre alt. Die Orgel hat ihn nie wieder losgelassen.

Wer sich unter einem Kirchenmusiker einen älteren Herrn mit Seitenscheitel und im Jackett vorstellt, wird von David Jochim überrascht: Ein junger Mann mit breitem Lächeln, rotblondem Haar und einer ordentlichen Erkältung sitzt im Gemeindesaal der Kreuzkirche. Hätte er nicht gerade noch eine Orgelmatinée gespielt, könnte er genau so gut Flugzeugmechaniker oder Architekturstudent sein. Tatsächlich studiert Jochim im neunten Semester evangelische Kirchenmusik in Bayreuth. In wenigen Wochen ist seine Abschlussprüfung.

Trotz seiner Jugend, war der Weg dahin nicht besonders gradlinig. David Jochim stammt ursprünglich aus München, sein erstes Orgelerlebnis verdankt er einer Freundin seiner Mutter, die Organistin ist.

Ab seinem sechsten Lebensjahr wächst er in Hüls auf, macht später an der Marienschule Abitur. Obwohl ihn die Orgel von Anfang an fasziniert, lernt er zunächst Geige und Klavier, „erst die Tasten, dann die Pedalen“. Mit 14 Jahren beginnt David Jochim mit dem Orgelspiel und fährt als Teenager zwei Jahre lang einmal im Monat nach Aachen, um eine C-Ausbildung zum nebenberuflichen Kirchenmusiker zu absolvieren.

Wie viele andere Abiturienten auch, ist sich David Jochim zunächst unsicher, wie es nach der Schule weitergehen soll. Bislang kennt er nur den Beruf des katholischen Kirchenmusikers, doch die Jobchancen und -konditionen erscheinen ihm zu unsicher. „Ich wollte dann erst etwas Technisches studieren oder Musiklehrer werden“, sagt Jochim.

Er nimmt an verschiedenen Aufnahmeprüfungen teil, wird aber ausgesiebt. Über Umwege lernt er einen Professor kennen, der auch in Bayreuth lehrt und ihn einlädt, sich die Hochschule für evangelische Kirchenmusik anzusehen. „Es hat mir auf Anhieb gefallen“, erzählt Jochim. Nach einem halben Jahr Privatunterricht nimmt er an der Aufnahmeprüfung teil — und besteht. Seitdem hält ihn in Bayreuth ein umfangreiches Ausbildungsprogramm auf Trab: Klavier- und Orgelspiel, sowohl vom Blatt als auch Improvisation, Gesangsunterricht, Dirigieren und Chorleitung, Musiktheorie und Gehörbildung, Bibelkunde und Gottesdienstgestaltung.

Nach der Abschlussprüfung beginnt für David Jochim im April sein Praxisjahr in Neu-Ulm: „Das ist wie beim Führerschein mit 17. Man wird noch ein Jahr von einem Profi begleitet.“ Er möchte das Jahr nutzen, um sich weitere Hochschulen anzusehen und für aufbauende Masterstudiengänge zu bewerben: „Vielleicht spezialisiere ich mich auf Orgelliteraturspiel, das finde ich spannend.“ In welcher Region Deutschlands und in welcher Gemeinde er nach dem Master als Kirchenmusiker arbeiten möchte, weiß er noch nicht. Aber bis dahin ist ja auch noch Zeit.

Muss man eigentlich besonders religiös sein um Kirchenmusiker zu werden? David Jochim muss lachen. „Das ist schon von Vorteil. Ich finde, es ist eine schöne Kombination aus Glaube und Musik. Ich liebe die Orgel, aber es ist auch etwas ganz Besonderes, den Gottesdienst mitzugestalten und gemeinsam mit der Gemeinde zu beten.“

Obwohl er schon bei vielen Gottesdiensten und in verschiedenen Gemeinden gespielt hat, ist es außergewöhnlich für den Hülser, sein Examensprogramm Zuhause zu spielen: „Die Leute hier kennen mich, kennen auch meine Entwicklung. Immerhin haben sie schon meine allerersten — und wirklich nicht guten — Gottesdienstbegleitungen miterlebt.“

Ein Stückchen Heimat hat David Jochim übrigens immer in der Tasche: Seine Handyhülle ziert ein Bild der Orgel aus der Konventkirche St. Cäcilia. Beim Erklärungsversuch gerät der Musiker ins Schwärmen: „Ich habe einen Schlüssel für die Kirche, damit ich jederzeit zum Üben hinein kann. So eine große, schöne Orgel! Ich finde, diese Orgel reicht schon als Grund, um Kirchenmusik zu studieren.“