Übler Gully-Geruch stinkt Kliedbruchern - auch Klimawandel ist schuld

Abwasser-Gestank : Gully-Geruch stinkt Kliedbruchern

Im Winter kann Marianne Herrmann aufatmen. Es mieft nicht mehr aus dem Abfluss hinter ihrem Garten ins Haus. Probleme mit Kanalgerüchen haben auch andere Krefelder. Schuld ist auch der Klimawandel, Abhilfe schwer.

Wenn es regnet und kalt ist, so wie jetzt, ist das für Marianne Herrmann eine gute Zeit. Sie kann lüften, kann durch ihren Garten gehen. Rein theoretisch könnte sie sogar auf der Terrasse sitzen – wenn es nicht so kalt und nass wäre.

Im vergangenen Sommer ging das auf jeden Fall eher selten. Seit Jahren und eben besonders 2018 leidet die Kliedbrucherin in der warmen Jahreszeit unter Fäkal- und Fäulnisgeruch aus einem Gully hinter ihrem Freisitz.

„Das ging dieses Mal von April bis Anfang November, weil es schon so früh warm war“, erzählt die Anwohnerin vom Grünen Dyk. Die Temperaturen sind entscheidend für den Fäulnisprozess von allem, was durch die Abwasser- oder Mischwasserkanäle schwimmt. Beziehungsweise, was nicht schwimmt. Denn wenn es so trocken bleibt wie im vergangenen Jahr, so trocken, dass sogar der Rheinpegel massiv sinkt, sieht das in den Kanalrohren nicht besser aus. Sie werden nicht so durchgespült, dass all das, was beispielsweise aus den Toiletten der Krefelder in die Kanalisation gelangt, auch wirklich bis in die Kläranlagen weiter transportiert wird.

Breiter Dyk, Moerser Straße und Nassauer Ring sind betroffen

Vom Gully in der Fahrbahn des Breiten Dyk weht es dann zu Marianne Herrmann auf die Terrasse und in die Wohnung. „Das ist so, seit ich hier wohne, aber 2018 war die Geruchsbelästigung noch mal schlimmer. Bisher war das mein Problem im Erdgeschoss. Aber diesmal war es so extrem, dass auch die Parteien in den oberen Etagen des Wohnkomplexes davon betroffen waren“, berichtet Hermann. Sogar die Nachbarn von der anderen Straßenseite hätten sich beschwert. Die üblen Winde zögen in den kompletten Bereich Breiter Dyk, Moerser Straße und Nassauer Ring.

Mit ihren Sorgen wurde die Kliedbrucherin deshalb unlängst auch in der Bezirksvertretung Nord vorstellig und bat in der Einwohnerfragestunde die anwesenden Politiker, den Anwohnern zu helfen. Es sei für sie schwierig gewesen, ihre Beschwerde loszuwerden. Seit zwei Jahren liege sie den Stadtwerken damit „in den Ohren“, sagt sie. Als sie sich Anfang des vergangenen Jahres gemeldet habe, seien Mitarbeiter gekommen, hätten gemessen und den Kanal durchgespült. „Danach war es drei bis vier Wochen gut, dann ging der Gestank aber wieder los.“ Sie habe bei ihren Versuchen, den richtigen Ansprechpartner für ihr Anliegen zu finden, das Gefühl gehabt, dass sich niemand zuständig fühle. „Ich habe auch an den Oberbürgermeister geschrieben, aber nichts gehört.“

Seitdem es den Kommunalbetrieb Krefeld gibt, in dem bisherige Aufgaben der Stadtverwaltung aus den Bereichen Abfall, Abwasser, Sport, Umweltpädagogik, Friedhof, Grün und Straße gebündelt wurden, gibt, liegt die Zuständigkeit für die Kanäle und damit auch Beschwerden wegen Geruchsbelästigungen dort.

Lothar Leßmann, Sprecher des Kommunalbetriebs, kennt Probleme wie die von Marianne Herrmann. „Schon wegen der Zusammensetzung der Abwässer können selbst bei sorgfältigster Kanalplanung und Bauausführung Geruchsbelästigungen nicht immer ausgeschlossen werden. Hinzu kommt, dass die städtischen Kanäle oft schon mehrere Jahrzehnte alt sind und teilweise noch auf andere regelmäßige Abwassermengen ausgerichtet waren oder im Fall von Mischwasserkanalisation auch Regenwassermengen bei Starkregenereignissen aufnehmen oder abführen können müssen“, sagt er über das aktuelle Netz von rund 750 Kilometern öffentlicher Kanäle in Krefeld.

Im ersteren Fall ist auch die Tatsache gemeint, dass die Krefelder fleißig das Trinkwasser schonen, beispielsweise durch Spartasten an WCs. Damit würden die Kanäle nicht so stark durchgespült. Insgesamt würden die „Effekte“ wie Geruchsbelästigung durch sehr regenarme Monate wie im Jahr 2018 verstärkt. Hinzu käme: „Wenn keiner Speisereste, Feuchttücher oder Damenbinden in die Toiletten werfen würde, würde sich schon vieles ändern.“ Das betreffe auch die Belastung durch Ratten. „Bei wenig Wasser und gutem Nahrungsangebot finden die Tiere gute Möglichkeiten, sich zu vermehren.“

Was die Betroffenen vor Ort angeht, sagt Leßmann, bemühe sich der Kommunalbetrieb, sich „die Situation im einzelnen anzusehen, die Anschlüsse zu überprüfen, gegebenenfalls zu messen und zusätzliche Spülungen neben den ohnehin erforderlichen im Kanalnetz durchzuführen“.

Immer wieder gibt es im Stadtgebiet Klagen dieser Art. Am Inrath zum Beispiel war es lange Thema. Dort wurden im Fall der Inrather Straße andere Gullydeckel eingesetzt, die den Geruch unter dem Deckel halten sollten. „Das hat aber nicht wirklich funktioniert“, sagt Rolf Hirschegger, Vorsitzender des Bürgervereins Inrath. „Einen Kanal kann man nicht hermetisch abdichten“, sagt auch Leßmann. „Aber, ob es etwas gebracht hat, ist eine subjektive Wahrnehmung. Vielleicht wäre es schlimmer, wenn die Deckel nicht da wären. Es tut mir auf jeden Fall leid um jeden, der in seinem Garten steht, und es stinkt.“

Marianne Herrmann, die auch weiß, dass sich „Gase nicht aufhalten lassen“, wünscht sich regelmäßige Spülungen für die weiter zu erwartenden heißen Sommer. Inwiefern die vorhandene technische Ausstattung für Spülungen angesichts der Klimaentwicklungen ausreichen werden, um das zu leisten, kann Leßmann nicht sagen. „Ich will nicht ausschließen, dass wir in Zukunft zusätzliche Anstrengungen unternehmen müssen, zum Beispiel durch zusätzliche Fahrzeuge oder Vergabe an private Firmen.“

Mehr von Westdeutsche Zeitung