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Trio spielt in Krefeld emotional berührende Weltmusik im Jazzkeller

Konzert mit dem Trio Velvet Revolution als Livestream aus dem Jazzkeller : Emotional berührende Weltmusik mit viel Melodie

Konzert mit dem Trio Velvet Revolution als Livestream aus dem Jazzkeller. Einen berühmten Song coverten die Musiker und befreiten ihn von einer Menge Kitsch.

Ein Bild wie aus längst vergangener Zeit. Rolf Sackers, Programmleiter des Jazzklubs Krefeld, steht auf der Bühne des Jazzkellers, um die Band des Abends anzukündigen. „Ja, da geht einem das Herz auf“, sagt er, „wir grüßen heute aus unserem Wohnzimmer.“ Vor mehr als einem Jahr fand hier das letzte Jazzklub-Konzert statt. Nun konnte man hierhin zurückkehren, das Publikum musste noch draußen bleiben. Der Saxophonist Daniel Erdmann war mit seinem Trio Velvet Revolution nach Krefeld gekommen, um hier das einzig übriggebliebene Konzert einer Tournee zu geben, das als Livestream in die Welt gesendet wurde.

Jazz in Corona-Zeiten ist eine besonders schwierige Kunst-Anstrengung. Jazz, der durch sein Kernelement der Improvisation nie gleichbleibt, braucht mehr als andere Musikarten den Kontakt zum Publikum, braucht den Dialog. Oder die Künstler stellen sich ihr Gegenüber nur intensiv genug vor, dann gelingt vielleicht trotzdem die Ansprache? Aber das gelingt eben nicht jedem.

Erdmann ist ein virtuoser Tenorsaxophonist, als nicht minder virtuos erwiesen sich der Franzose Théo Ceccaldi auf Violine und Bratsche sowie der Brite Jim Hart auf dem Vibraphon. Und auf Bass- und Schlagzeugbegleitung kann man natürlich verzichten, wenn Musiker mit den genannten Instrumenten funktional die Lücken füllen können.

So beginnt das Konzert vermeintlich mit einem gezupften Bass-Ostinato, aber es ist Ceccaldi, der hier auf der Bratsche den Groove vorgibt. Und Hart, der seinem Vibraphon zwischendurch mit zu Bögen umfunktionierten Kleiderbügeln auch einmal diffuse Klangwolken entlockt, hat an seinem Instrument auch noch Drumpads integriert, deren Sound das Trio fast rockig vorantreibt.

Die Musik ist vielschichtig, weist äußerst komplexe Bezüge zu verschiedenen Epochen der Jazz- und Musikgeschichte auf. Am ehesten kann man sie mit dem New Jazz vergleichen, der in den 1980er Jahren nach der Hochzeit der Elektrifizierung die Rückbindung an die Moderne des Jazz suchte, ohne die Errungenschaften der sogenannten Fusion zu unterdrücken.

So wie die drei Musiker ihre Melodien verzahnen, erinnern sie zumindest funktional auch an die Bläserdreigestirne, die im alten New-Orleans-Stil die Motive zum Schillern brachten, ein weiteres amerikanisches Vorbild könnte die Weltmusik des vom Free Jazz geläuterten John Coltrane sein.

Aber dann ist da auch sehr viel Europäisches, bei Erdmanns Melodien fühlt man sich nicht selten an die Bögen des norwegischen Tenoristen Jan Garbarek erinnert. Und in Ceccaldis Spiel allein blitzt schon so vieles auf. Gezupft mutiert bei ihm die Violine zur rockigen E-Gitarre, streichend lässt er in wahnwitzig schnellen Arpeggien die Welt der Klassik aufscheinen.

Velvet Revolution entkitscht einen vielgespielten Song

Mit grandios beherrschter Tonbeugung gleitet er hinüber in die musikalische Welt Asiens. Jim Hart schließlich verschafft dem Ganzen oft genug einen afrikanisch-polyrhythmischen Teppich.

Balladeskes steht neben energiegeladener Dichte, die elegisch gehauchte Linie neben der hektischen Bebop-Phrase. Als einziges Stück, das nicht aus Erdmanns Feder stammt, erklingt am Ende „Somewhere over the rainbow“, eine Komposition, die durch Tausende Interpretationen mit einem immer klebrigeren Kitschfilm überzogen wurde. Aber so, wie Velvet Revolution das spielt, mit minimaler Dekonstruktion und trotzdem ganz nah an der Emotionalität des Originals, kann man es sich auf einmal wieder anhören. Ein wunderbares Konzert.