Trainer: „Boxen ist Charakterschule“

Sport: Trainer: „Boxen ist Charakterschule“

Lars Woltermann und Farouk Ajagbe, genannt Sam, wollen Kinder und Jugendliche aus schwierigen Verhältnissen von der Straße holen.

Sandsäcke hängen von der Decke. An den Wänden prangen Bilder von Muhammad Ali und Mike Tyson. Eine Hantelbank steht in der Ecke, ein Boxring bildet den Mittelpunkt des Trainingsraums, in den man durch eine Tiefgarage an der Oelschlägerstraße gelangt. Vor dem Eingang zum Trainingsraum liegen Autoreifen in einer Ecke.

Das Gym „SamBox4You“ versprüht einen besonderen Charme. Auf dem Schild an der Tür steht: „Boxen trainiert das Beste in Dir“. Und im besten Fall auch die Persönlichkeit. Dieses Ziel haben sich Lars Woltermann und Farouk Ajagbe, genannt „Sam“, gesetzt. Die beiden Weggefährten, die sich seit 20 Jahren kennen, wollen Kinder und Jugendliche aus schwierigen Verhältnissen von der Straße holen, sie auffangen, ihnen helfen, auf den richtigen Weg zu gelangen. Respekt erlernen und erfahren, Anerkennung finden, den eigenen Charakter stärken, das Miteinander fühlen, vielleicht auch Freundschaften fördern.

Der Crefelder SV Marathon hat eine Boxsportabteilung gegründet

Boxtrainer „Sam“ sagt: „Der Respekt ist das A und O. Jeder ist willkommen, auch Anfänger. Beim Sparring können Boxer zu Freunden werden.“ Auch dafür hat der Crefelder SV Marathon vor kurzem eine eigene Boxportabteilung gegründet. Wettkämpfe, Talente ausbilden, soziales Engagement. Schon in den 1930er Jahren gab es eine Boxsportgruppe. Es war die Zeit des großen Max Schmeling, des deutschen Schwergewicht-Weltmeisters. Über 30 Nationalitäten kommen da zusammen, wenn im Gym trainiert wird, im Ring beim Sparring oder gegen die Sandsäcke. Woltermann, 43, kümmert sich um die Organisation, die Verwaltung als Vorsitzender der Boxsport-Abteilung. Farouk Ajagbe trainiert die Jungen und Mädchen. 1971 in Nigeria geboren, in Mönchengladbach aufgewachsen, spielte er früher Fußball beim Rheydter SV, doch man ließ ihn dort nur selten ran. Er ging zu den Faustkämpfern 1925 in Mönchengladbach, er spürte die Lust, man entdeckte seine Begabung.

Seit fünf Jahren
arbeitet Sam als Trainer

„Sam“ bestritt in den Jahren 50 Amateur-Kämpfe. 1996 hörte er auf, jobbte, machte dann eine Ausbildung zum Fitness-Trainer, 1999 zog er nach Krefeld. An der Wand hängen seine Urkunden und Lizenzen. Seit fünf Jahren arbeitet er als Trainer in seinem Gym an der Oelschlägerstraße. Viele Kinder und Jugendliche kommen aus der Umgebung, der Südstadt.

Woltermann, in Gartenstadt aufgewachsen, sagt: „Man weiß, was passiert, wenn die Kinder nur auf der Straße rumhängen.“ Das Sozialprojekt versteht sich auch als Chance zur Wiedereingliederung für ehemalige Straftäter. Woltermann sagt: „Wir schließen niemanden aus. Jeder hat eine zweite Chance verdient. Wir sind dafür offen, schauen uns die Leute vorher an: Wer ist ernsthaft bemüht, sein Leben zu verändern?“

Viele Schwergewichtler
saßen mal im Knast

Im Boxen ist dieser Hintergrund nicht ungewöhnlich. „Viele Schwergewichtler saßen mal im Knast, waren straffällig geworden.“ Hinter dem Schmuddel-Image des Boxens, dem von wilden Schlägern und Rotlichtmilieu, verbirgt sich ohnehin mehr. Woltermann, der vor sieben Jahren zum Boxen kam, früher Tennis spielte und ein Läufer in der Leichtathletik war, nennt es eine „Charakterschule“: „Man geht als Fremde in den Ring und als Freunde wieder heraus. Man weiß, was der andere leistet.“ Kraft, Schnelligkeit, Koordination, Technik „aber auch mit dem Kopf arbeiten“, sagt „Sam“, der 15 Kinder und 30 Jugendliche coacht und Talente sichtet, aber auch andere Trainingsarten anbietet.

15 Gründungsmitglieder der Abteilung trainieren ebenfalls in der Halle. Erfolge lassen sich erkennen, wie Lars Woltermann sagt: „Die Kinder hier haben sich schon enorm verändert. Sie haben erlebt, dass man ihnen etwas zutraut, sie spüren Anerkennung. Nach der Ansprache Sams standen alle stramm wie die Orgelpfeifen. Alle kommen gerne wieder.“

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