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Sym-Phon - die Krefelder Pioniere der Musik-CD schließen ihr Geschäft

Einzelhandel : Die Pioniere des CD-Verkaufs hören auf

Ivo Gilbert und Wolfgang Loos geben das Sym-Phon am Ostwall nach 33 Jahren auf. Die Musikdienste im Internet sind eine zu große Konkurrenz.

Ivo Gilbert ist in Krefeld als Pionier der Musik-CD bekannt geworden. Als die „Rille“, Funkhaus Kamp, Funkhaus Cremer, Schossau und Madra Music noch Langspielplatten als Tonträger anboten, eröffnete Gilbert am 7. November 1987 gemeinsam mit seinem Freund Andreas Niermann das erste Geschäft seiner Art in Krefeld, ausschließlich mit CDs. Der Name: Sym-Phon. Anfangs noch am Ende der 8-Passage zur Petersstraße hin, zuletzt dann am Anfang der 8-Passage am Ostwall. Doch ebenso wie die Begeisterung für Einkaufspassagen – die bis auf wenige Ausnahmen erloschen ist – sind auch CDs im Handel ein Auslaufmodell. „Heute gibt es fast nur noch das Streaming im Internet“, sagt Gilbert. Das sei der Grund, weshalb er und sein heutiger Geschäftspartner Wolfgang Loos Ende Juni ihr Geschäft nach 33 Jahren schließen. „Es wächst keine Kundschaft mehr nach“, sagt der 60-Jährige mit Bedauern.

Den Entschluss haben die Beiden Ende des vergangenen Jahres gefasst. Da war eine Corona-Pandemie gerade mal Stoff für Sciene-Fiction-Filme. „Wir hätten auch ohne Covid-19 zugemacht, doch das ist jetzt das i-Tüpfelchen“, sagt Gilbert. SymPhon lebe von einer großen Stammkundschaft. „Die ist mit uns alt geworden, aber unten wächst nichts nach.“ Dabei decken sie das gesamte Musikspektrum ab: von Klassik über Jazz bis hin zu Rock-Pop. 4000 bis 4500 CDs gibt es im Geschäft. Zu Hochzeiten waren es 6000 bis 7000. Seit etwa vier Jahren haben die beiden Musikliebhaber auch Schallplatten in ihr Sortiment wieder mit aufgenommen. Zum einen, weil die Zahl der Liebhaber wieder zunimmt, zum anderen in der Hoffnung, dass jüngere Leute in ihren Laden kommen. „Das ist aber nicht so, die hören andere Musik“, sagt Gilbert.

Gilbert sieht den „Soundtrack der Jugend“ verloren gehen

Dabei ist gar nicht so entscheidend, was jüngere Musikfans hören, sondern das Wie. Wer über Streaming-Dienste aus dem Internet sich seine digitale Musiksammlung zusammenstellt und regelmäßig Vorschläge in Form von Playlists erhält, der geht nicht mehr selber auf die Suche nach neuen Musikrichtungen oder Künstlern.

Gilbert fürchtet, dass dadurch der „Soundtrack der Jugend“ verloren geht. „Ich weiß noch genau, bei welchem Musikstück ich das erste Mal geküsst habe“, sagt er verträumt. Damals wurde die Lieblingsplatte aufgelegt, bei den Klapp-Covern standen im Inneren die Texte zum Mitsingen, jede Note, jeder Akkord, jede Zeile und die dazugehörige Stimmung brannten sich so ins jugendliche Gedächtnis ein – und sind selbst Jahrzehnte später beim Abspielen des Musikstücks noch abrufbar. „Beim Streaming fehlt das, drei Wochen lang läuft auf dem Handy das neueste Lieblingsstück, dann kommt das nächste; wer will dann noch wissen, was er wann und wo gehört hat?“ Bedauerlich findet Gilbert das.

Dabei hat auch Gilbert als 27-Jähriger auf ein neues Medium gesetzt: auf die Compact Disc, kurz CD. Mit seinem Freund fuhr er bis nach Köln oder Moers, um dort die neusten Erscheinungen für die eigene Sammlung zu kaufen. In Krefeld gab es die Möglichkeit nicht. „Die Geschäftsidee war geboren.“ Von Anfang an haben sie das gesamte Musikspektrum angeboten und immer wieder ein gutes Gespür für Neuerscheinungen und beachtenswerte Musiker gehabt. „Wir haben das Potenzial von Zaz als eine der ersten erkannt“, sagt er ernst, ganz ohne irgend eine Art von Attitüde. Die junge französische Nouvelle-Chanson-Sängerin und Liedtexterin zählt zu den jüngeren Beispielen, Julia Fordham, eine englische Sängerin und Songwriterin und anfangs Background-Sängerin bei Michael Jackson, zu den etwas älteren. „Unsere Stammkundschaft schätzt diese Musik-Tipps, wenn man demjenigen etwas Neues empfehlen kann, weil man nach all den Jahren schließlich auch seinen Musikgeschmack kennt.“

33 Jahre lang war Sym-Phon fast an der gleichen Stelle. „Wir konnten uns eine 1a-Lage nicht leisten, wollten aber in der Peripherie der Innenstadt und Fußgängerzone sein und einen großen Parkplatz vor der Tür haben“, erinnert sich Gilbert an die Standort-Entscheidungen. Bis zum Bau des Behnisch-Hauses hatten sie genügend Parkfläche vor der Tür, aber auch eine Baustelle. Nicht die letzte in der Firmengeschichte.

Krefelds schönste Straße ist jahrelang Baustelle

„Anfangs waren wir froh, an die andere Seite der 8-Passage an den Ostwall gezogen zu sein“, erzählt Gilbert. Doch dann verlor die Einkaufspassage zusehends an Attraktivität, wurde zur geschlossenen Garage umgebaut, und „auf der schönsten Straße der Stadt“, dem Ostwall, schloss sich eine Baustelle an die nächste an. In seinen Augen war es ein Fehler, die Nord-Süd-Verkehrsachse über den Ostwall nicht zu kappen. Nur mit Anwohnerverkehr, Bussen und Bahnen und Cafés im Mittelstreifen des Ostwalls hätte die Straße – auch für den Einzelhandel – eine Chance gehabt. So war zunächst wegen des Umbaus Ostwall/Rheinstraße, dann wegen des neuen Ostwall-Carrees der Ostwall auf Höhe von Sym-Phon jahrelang gesperrt. Für Gilbert und Loos ist Schluss – und sie kehren dem Einzelhandel den Rücken zu.