Südbahnhof Krefeld: Gedichte für kulturellen Austausch

Südbahnhof : Gedichte für kulturellen Austausch

Geflüchtete rezitieren im Südbahnhof Lyrik in ihrer Muttersprache.

Aus Afghanistan und Syrien geflüchtet und mittlerweile in Krefeld zu Hause: Getreu dem Titel „Wortkunst Polyglott“ haben sich Menschen aus unterschiedlichsten Kulturkreisen zusammengetan, um die Welt der Poesie zum Leben zu erwecken. Dabei kommen am Sonntag im Südbahnhof, Saumstraße 9, arabische, hebräische, farsi-sprechende, jiddische, russische, französische und englische Stimmen zu Wort. Unter den Teilnehmern finden sich auch Namen wie Tagrid Yousef, die Integrationsbeauftragte der Stadt Krefeld, Sandra Franz, die Leiterin der NS-Dokumentationsstelle, und der Vorstandsvorsitzende der jüdischen Gemeinde, Michael Gilad. Insgesamt zwölf Menschen mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen rezitieren selbst ausgewählte Gedichte. Die meisten von ihnen sind erst seit zwei bis drei Jahren in Krefeld.

Gedichte haben die Sichtweise
der Menschen geprägt

Die Gedichte werden in der Originalsprache rezitiert und so wie es der Verfasser selbst gelesen haben mag - oftmals in der Muttersprache des Vortragenden. Jeder der Lesenden verbindet etwas mit seinem selbst ausgewählten Werk. Nicht selten sind es auch Kindheitserinnerungen, wodurch auch die Originalsprache eine große Bedeutung darstellt. Yousef hat das Gedicht „An meine Mutter“ der Dichterin Mahmoud Darwish ausgewählt. Sie kennt das poetische Werk aus ihrem Elternhaus - es stellt für sie „einen Bezug zu ihrem Herkunftsland Palästina dar“. Eine Verbindung, die sie sonst nicht so habe, da sie „ein Ruhrgebiet-Kind“ sei. Mit Mahmoud wollte Yousef eine politisch aktive Frau einbringen.

Franz hat sich für ein Werk von Sylvia Plath entschieden. Obwohl ihre Muttersprache deutsch ist, „fühle ich mich in der englischen Sprache mehr zu Hause“. Durch das Studium und ihr soziales Umfeld steht sie in starker Verbindung zu Großbritannien und dem Englischen. Und schon als Teenager setzte sie sich mit Plath auseinander. Bereits damals beeindruckte sie „die Auseinandersetzung damit, wie man mit Hindernissen im Leben umgeht sowie mit der geistigen Gesundheit“.

Mit der Sprache eines Gedichtes werden Erinnerungen verbunden

Unter der Leitung von Wolfgang Reinke und Anja Jansen vom Werkhaus sollen Leser und Zuhörer in einen Dialog kommen. Die Bedeutung des Austauschs über die Gedichte wird auch durch einen Kommentar des afghanischen Teilnehmers Siar Latifi deutlich: „Gedichte sind für uns wichtiger als der Koran.“ Denn im Orient, sagt Yousef, „gehören Gedichte zur alltäglichen Kommunikation.“

Jedes Gedicht wird zuvor von Reinke, dem künstlerischen Leiter des Projekts, auf Deutsch rezitiert: „Wir lesen die Gedichte erst auf Deutsch vor, damit der Inhalt klar wird und der Zuhörer sich danach vom Klang der Sprache tragen lassen kann.“ Das Motto „lebendige Mehrsprachigkeit“ ist für die Stadt Krefeld kein Fremdwort: Sie ist eine von sechs Modellkommunen, die der Schirmherrschaft von Oberbürgermeister Frank Meyer unterstehen. Veranstaltungsbeginn ist um 15 Uhr. Der Eintritt ist frei.

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