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Steinkohle-Kraftwerk: CO2-Abscheidung als Exportschlager

Steinkohle-Kraftwerk: CO2-Abscheidung als Exportschlager

Genau wie in Krefeld wehren sich in Berlin Bürger und Parteien gegen ein Steinkohlekraftwerk. Daraufhin liebäugelt der Stromkonzern nun mit einem klimaschonenden Pilotprojekt. Ein Vorbild für Krefeld?

Krefeld. Als global ein Aufschrei gegen Kohlendioxid (CO2) als Klimakiller die Runde über den Planeten machte, wurden im Februar 2007 in Krefeld und Berlin Pläne für den Bau von Steinkohlekraftwerken bekannt. Genau wie in Krefeld formierte sich in Berlin gegen den Neubau eine Front aus Politik und Bürgerschaft. Nach langem Hin und Her soll in der Hauptstadt nun ein Modell-Kraftwerk gebaut werden, in dem Kohlendioxid abgeschieden wird. Der Vattenfall-Konzern als Bauherr und Betreiber hält es für möglich, dass die Technik im Jahr 2015 zur Verfügung stehen kann.

Vattenfall möchte auf dem Gelände des Heizkraftwerks Klingenberg ein Steinkohlekraftwerk mit Kraft-Wärme-Kopplung mit einer Leistung von 800 Megawatt (MW) Strom (Trianel in Krefeld plant 750 MW) und 650 MW Wärme bauen. Es wäre das größte Kraftwerk in der Hauptstadt. Vattenfall betreibt zehn Heizkraftwerke in Berlin mit einer Gesamtleistung von 2500 MW.

Brennstoff-Grundlage und Favorit aus Kostengründen ist die Steinkohle, wobei sich Vattenfall eine Gas-Option offenhält. Pro Kilowattstunde produziert Gas knapp 350, Steinkohle gut 750 Gramm CO2. Der Grünen-Abgeordnete Michael Schäfer meinte gegenüber der Berliner Zeitung, dass der CO2-Ausstoß des Kraftwerks jährlich bei fünf Millionen Tonnen liege. Das entspreche etwa 20 Prozent aller derzeit von Berlin verursachten CO2-Emissionen. Jährlich sollen zwei Millionen Tonnen Steinkohle aus Polen verfeuert werden.

Eine Milliarde Euro möchte das schwedische Energie-Unternehmen in den Neubau und das Umfeld investieren. Anders als in Krefeld steht die Fernwärmeproduktion im Vordergrund des Kraftwerkneubaus. Die Hauptstadt verfügt über das größte Fernwärmenetz in Westeuropa. Das Kraftwerk Klingenberg versorgt rund 200 000 Menschen mit Fernwärme. Würde das Werk ersatzlos stillgelegt, sieht Vattenfall die künftige Wärmeversorgung gefährdet. Der Bedarf liege bei 650 MW und jährlich kämen 20 000 Kunden mehr ans Netz. Bei der "Kraft-Wärme-Kopplung" wird die Hitze bei der Stromerzeugung als Heizwärme genutzt. Daraus ergebe sich eine Stromproduktion von 800 MW.

Vattenfall wollte im März offiziell die Pläne für den Neubau vorstellen - doch dazu kam es gar nicht. Im Vorfeld baute sich eine breite Protestfront auf. Von Beginn an wehrten sich die Grünen und die CDU gegen die Pläne. Vertreter der regierenden rot-roten Koalition begrüßten erst die Milliarden-Investition. Im März 2007 reihten sich dann neben den Grünen und der CDU im Senat die SPD, FDP und die Linkspartei in das Bündnis gegen ein Steinkohlekraftwerk ein.

Im Juli stellte SPD-Umweltpolitiker Daniel Buchholz nochmals klar, dass die Partei gegen die Größe des Neubaus sei und den Wechsel von Kohle auf Gas wolle. Für die Linkspartei ist ein Ersatz für Klingenberg denkbar, aber nicht auf Steinkohlebasis und nur, wenn die CO2-Bilanz für Berlin stimme. Ein Gaskraftwerk könnten die Grünen akzeptieren.

Inzwischen gründete sich auch eine Bürgerinitiative (BI) gegen das geplante Werk. Sie setzt auch auf eine Gas-Variante. "Mir ging es um die Auswirkung für die Stadt, den CO2-Ausstoß", sagt Mike Kess von der BI. Ihr Protest richtet sich unter anderem gegen die geplante Größe des Kraftwerks. Die BI vermutet, dass Vattenfall das Werk so groß dimensioniere, weil der Strom überregional vermarktet werden soll. Mit Infoveranstaltungen und einer Petition an den Bundestag protestiert die BI gegen den Neubau. "Wir können nicht weitermachen, weil Vattenfall nicht mit den Plänen rausrückt." Die nun ins Spiel gebrachte Aussicht auf ein CO2-freies Kraftwerk beruhigt Kess nicht. Wohin denn mit dem CO2, fragt er.

Im Jahr 2003 kaufte der schwedische Vattenfall-Konzern die Bewag AG, den Energieversorger der Hauptstadt. Vattenfall ist mit 4300 Mitarbeitern einer der größten Arbeitgeber der Stadt. Das Unternehmen beliefert Berlin jährlich mit 900 Gigawattstunden Strom u.a. für über 7000 Behörden. Geschätzte Kosten für 2007: 87 Millionen Euro. Die Vergabe wird alle zwei Jahre ausgeschrieben. Neben dem günstigsten Anbieter müssen umweltpolitische Auflagen erfüllt werden, so müssen ab 2009 20 Prozent aus erneuerbaren Energiequellen stammen. Der Vertrag mit Vattenfall läuft Ende 2008 aus. Danach, so die SPD-Fraktion im August im Tagesspiegel, sei das Rennen wieder völlig offen.

www.vattenfall.de/dialog

www.kraftwerksneubau.de