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25 Jahre Frauenkulturbüro: Statt Muse: Erfolg als Künstlerin

25 Jahre Frauenkulturbüro : Statt Muse: Erfolg als Künstlerin

25 Jahre Frauenkulturbüro NRW: Leiterin Ursula Theißen spricht über die Notwendigkeit, Frauen in Kunst und Kultur zu fördern.

Krefeld. Frauen als Models, Musen und Mäzeninnen in Kunst und Kultur sind keine Seltenheit. Frauen als Künstlerinnen in Museen, Galerien und Kunstzeitschriften hingegen sind auch im Jahr 2016 immer noch unterrepräsentiert. „In den 90er Jahren waren 80 Prozent der Studierenden im Studiengang Freie Kunst weiblich, wo sind die alle?“, fragt Ursula Theißen provokant. Sie hat es sich als Leiterin des Frauenkulturbüros (FKB) NRW gemeinsam mit dem Vorstand zur Aufgabe gemacht, Frauen in Kunst und Kultur zu fördern. Und das seit 25 Jahren. Am 26. und 27. August feiert das FKB sein Jubiläum mit einer Ausstellung, Talkrunde, Salsa-Party und Open-Air-Kino. Anlass für die WZ, mit Ursula Theißen über die Notwendigkeit einer Frauenförderung zu reden.

25 Jahre Frauenkulturförderung. Ist das in dem bisherigen Maße noch notwendig?

Ursula Theißen: Ja. Als das Frauenkulturbüro 1991 durch den Einsatz der Landtagsabgeordneten Eugen Gerritz und Sigrid Klösges in Krefeld und mit Fördergeldern des Landes und der Stadt Krefeld gegründet wurde, waren Künstlerinnen eklatant unterrepräsentiert und ihre Lebens- und Arbeitsbedingungen erheblich schlechter. Vor allem alleinerziehend zu sein, wirkt sich für Frauen bis heute extrem auf die Biografie aus. Deshalb haben wir früh angefangen, mit Unterstützung des Ministeriums für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport, beispielsweise ein Stipendium für Künstlerinnen mit Kindern zu vergeben. Die ausgewählten Künstlerinnen erhalten ein Jahr lang monatlich 700 Euro, um ihre künstlerische Arbeit und Familie zu vereinbaren und können dort bleiben, wo sie auch leben.

Werden die Förderprogramme weiter ausgebaut oder inzwischen abgebaut?

Theißen: Ausgebaut. Ganz neu und noch bis Oktober abrufbar sind beispielsweise Fördergelder aus einem Pilotprojekt für das Ruhrgebiet unter dem Titel „Individuelle Förderung von Künstlerinnen, Künstlern und Kreativen“. Anfang des 21. Jahrhunderts hatte Berlin als Kunststadt die Künstler gerufen. Derzeit ruft NRW: Kommt zurück, macht was mit Leerständen. Ähnlich dem Projekt der alten Seidenweberei im Krefelder Südbezirk, wo neues kreatives Leben in alte Fabrikräume einzieht.

Was hat sich in den vergangenen 25 Jahren verändert?

Theißen: Der Blick ist weiter geworden. Wir hatten zunächst den Anspruch, eine Bestandsaufnahme von Künstlerinnen in den klassischen Sparten wie Musik, Literatur, Bildende Kunst, Film, Theater, Tanz und Neue Medien zu machen. Dann haben wir gemerkt, das reicht uns nicht und wir haben uns zusätzlich die einzelnen Genres in den Sparten angeschaut und welche Künstlerinnen dort vertreten sind. Wissen Sie zum Beispiel, dass die Kompositionslehre in Deutschland fast zu 100 Prozent von Männern dominiert ist, in Korea das aber genau umgekehrt ist? Inzwischen sind wir absolut informiert und vernetzt mit jeder Sparte und mit allen in der Vergangenheit nominierten Künstlerinnen. Dadurch konnten wir große Projekte folgen lassen, wie zum Beispiel die aktuelle Ausstellung „Desperate Housewives? - Künstlerinnen räumen auf“, die bis zum 21. August noch im Kunstmuseum Mülheim zu sehen ist und Arbeiten von zahlreichen Preisträgerinnen vorstellt. Jetzt können wir uns gesonderten Themen zuwenden.

Welchen neuen Themenschwerpunkten wenden Sie sich zu?

Theißen: Dem internationalen Austausch und dem Thema Quote. Seit 2014 vergeben wir an jeweils zwei Künstlerinnen Auslandsstipendien. Im ersten Jahr fand der Austausch mit Israel und Georgien statt. Im zweiten Jahr haben wir Israel gegen Armenien ausgetauscht, weil es dorthin bis dato überhaupt keine internationalen Beziehungen gab. Wir arbeiten dort zusammen mit tollen Kuratorinnen in Tiflis und Yerevan. Es ist toll, Künstlerinnen aus anderen Kulturkreisen hierhin einladen zu können und umgekehrt. Diana Hakobyan und Tamar Chaduneli sind seit dem 14. März in Deutschland, Tessa Knapp und Katharina Maderthaner werden in wenigen Wochen für ein halbes Jahr nach Georgien und Armenien reisen. Sie alle sind Botschafterinnen in Sachen Kunst.

Und was ist mit der Quote für Frauen in Kunst und Kultur?

Theißen: Wir haben im Rahmen des Medienforums NRW im vergangenen Jahr in Köln bei einer nicht-öffentlichen Veranstaltung zum Thema „Die Quote Regie in Film und Fernsehen“ maßgebliche Entscheidungsträger und Entscheidungsträgerinnen aus der Filmbranche und der Politik und Vertreterinnen von Pro Quote Regie zusammengebracht, gemeinsam die Situation analysiert und Lösungen für mehr Geschlechtergerechtigkeit entwickelt. Der Deutsche Regieverband hat festgestellt, dass Regisseurinnen eklatant unter der Männeranzahl liegen. Blockbuster in Hollywood werden fast ausschließlich von Männern gedreht ebenso wie die Tatort-Krimis in Deutschland. Vor drei Jahren haben sich deshalb auf der Berlinale 70 Frauen zur Pro Quote Regie zusammengeschlossen, inzwischen sind es über 210. Darunter auch so prominente Regisseurinnen wie Doris Dörrie. Gemeinsam setzen sie sich dafür ein, dass verstärkt gendergerecht (Anmerkung Red.: Förderung zur Gleichstellung der Geschlechter) Aufträge vergeben werden.

Wo ist der Hebel dafür? Wie geht das?

Theißen: Immer nur über die Politik. Man kann gezielt etwas tun, wie wir als Frauenkulturbüro NRW, aber jenseits dieser Basisarbeit ist ein Weg die Quote. Dabei bin ich dagegen, nur zu quotieren, es fängt doch viel früher an. Zum Beispiel beim Jurieren. Wenn man immer dieselben Personen in den verschiedenen Jurys sitzen hat, wird auch immer wieder dieselbe Auswahl getroffen. Wir hingegen wechseln immer. Wir haben über 200 Frauen aus verschiedenen Kunst- und Kulturbereichen, die bei unseren verschiedenen Preisen und Stipendien jurieren können. Inzwischen zahlt sich unsere Arbeit und die Vernetzung aus.

Greifen Sie auch das Thema Flucht und Vertreibung auf?

Theißen: Anfang November planen wir ein großen Jour fixe zum Thema „Schriftstellerinnen, die ihre Sprache verloren haben“. Wir wollen uns an arabische und an afrikanische Schriftstellerinnen wenden, die durch die Flucht hier ankommen und in Kursen eine neue Sprache erlernen müssen. Gemeinsam mit dem PEN-Zentrum, Übersetzungs- und Literaturbüros wollen wir einen Handlungsfaden erarbeiten, wie sie ihre schriftstellerische Sprache nicht verlieren.

Planen Sie einen Schwerpunkt für türkische Künstlerinnen?

Theißen: Das ist derzeit nicht unser Thema. Die Kunstszene in der Türkei war bislang die schärfste in ganz Europa, sie war ganz weit vorne, alle wollten dort hin. Jetzt ist sie still geworden ...