19-jährige Pianistin lebt für die Tasten

Sie ist eine sehr begabte Musikerin — derzeit besucht Olga Zarytovska einen Meisterkurs.

Krefeld-Bockum. Mit höchster Konzentration lässt die junge Pianistin die gerade zu Ende gegangene Unterrichtsstunde bei Michel Béroff Revue passieren und versucht, die Anregungen und Korrekturen in die Notenblätter der Beethoven-Sonate einzutragen. Olga Zarytovska hat auswendig gespielt und die Verbesserungen im Spiel auch gleich umgesetzt, während der Lehrer die Noten auf seinem Flügel liegen hatte. Nun sollen die Neuerungen in der Interpretation auf den ohnehin schon gut mit eigenen Anmerkungen gefüllten Seiten nachgetragen werden: „weniger Pedal“ schreibt sie auf, setzt besondere Akzente, umkringelt einzelne Noten und trägt weitere Regieanweisungen für das „richtige“ Spiel ein.

Obwohl Zarytovska gerade 19 Jahre alt ist, besucht sie mit dem Internationalen Klavier-Meisterkurs Krefeld 2012 bereits zum fünften Mal eine solche Veranstaltung. Im Jahr 2010 lernte Peter Grote, der Künstlerische Direktor von Kawai Europa, sie auf einem Meisterkurs in Polen kennen und lud sie auch zum Kurs nach Krefeld ein. „Letztes Jahr konnte ich aber wegen der Schule nicht“, erklärt sie. Dieses Frühjahr passte es so gerade eben: In der vergangenen Woche standen noch die schriftlichen Abiturprüfungen auf dem Programm und am Samstagnachmittag konnte sie dann ihre erste von vier Unterrichtsstunden in der Musikschule Krefeld nehmen.

Zeit zum Vorbereiten auf den Meisterkurs hatte sie nicht. Aber die Sonate Opus 109 von Beethoven bezeichnet sie für sich selbst schon als konzertreif. Trotzdem sei es für einen jungen Musiker interessant, ein Stück, das man für ein Konzert oder einen Wettbewerb einplane, einem Lehrer vorzuspielen: „Eine zweite Meinung ist nicht schlecht. Entweder muss man einen Mittelweg finden oder für sich selbst die beste Mischung — Geschmäcker sind verschieden.“

Mit fünf Jahren erhielt Zarytovska den ersten Klavierunterricht noch in ihrer ukrainischen Heimatstadt. Vor sieben Jahren zog die Familie nach Deutschland, da die Mutter hierher heiratete. Mit fünfzehn Jahren wurde die Gymnasiastin bereits Jungstudentin an der Hochschule für Musik in Würzburg, mit siebzehn wechselte sie an die Musikhochschule in Nürnberg zu Wolfgang Manz. Auch wenn man für ein Musikstudium kein Abitur braucht, möchte sie es trotzdem haben. Schließlich kommt man so mit Fächern und Themen in Berührung, die man sonst nicht hätte. Ein weiter Horizont ist ihr sehr wichtig.

Im schulischen Endspurt schafft sie es gerade einmal, drei Stunden täglich Klavier zu üben, „was nicht viel ist!“ Auf die Frage nach Zeit für Hobbys kommt ein energisches „Nein“. Gerade einmal fürs Joggen als Ausgleich und „weil es für eine Frau wichtig ist“ reicht es. Ein bisschen mehr Zeit, um sich in der Natur aufzuhalten oder auch für Freunde hätte sie daher schon gerne.

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