Uerdingen : Ungesagtes wird zu Kunst

Im Haus Rath haben Menschen mit Demenz zu einer Ausstellung ihrer Werke eingeladen.

Krefeld. „Das kann ich nicht“, lauten anfangs die Bedenken. „Die Senioren trauen sich nichts mehr zu“, sagt Künstlerin Yvonne Wilczynski. Ihre größte Herausforderung im Altenheim sieht sie daher nicht in der künstlerischen Arbeit. „Am schwersten ist es, die Leute zu motivieren.“

In jedem Menschen steckt ein Künstler. Davon war Aktionskünstler Joseph Beuys überzeugt. Bildende Kunst ist keine Frage des Alters. Schon gar nicht gehört sie allein den Museen. Im Altenheim „Haus im Park“ wurde am Mittwoch eine Ausstellung eröffnet, die diese Auffassung aufs Schönste belegt.

Im „Haus am Park“ leben 80 Menschen. Rund 60 Prozent von ihnen sind demenziell erkrankt. Zehn Bewohner nahmen an dem Kunstprojekt teil. Die Präsentation ist der Abschluss einer langen Schaffensphase. Seit Februar trafen sich die acht Frauen und zwei Männer zu ihrem wöchentlichen Termin mit Yvonne Wilczynski und collagierten, malten, zeichneten, werkelten. Herausgekommen sind „Lebenserinnerungen zum Anfassen“ , wie es Stephan Kluthausen, Leiter der Einrichtung, in seiner kurzen Ansprache formuliert.

Die Heimleitung unterstützt den kreativen Prozess ihrer Bewohner. Auf diese Weise können die an Demenz Erkrankten dem Unsagbaren wieder Ausdruck verleihen. Wo Worte nicht mehr weiterhelfen, sprechen Bilder. Die Künstler wagten sich an Unbekanntes und entdeckten Vergnügen an dem Neuen.

„In erster Linie geht es darum, Freude zu vermitteln und Spaß zu haben“, sagt Yvonne Wilczynski vom Kölner Verein „Die Kunstpaten“. Als Kreativtherapeutin für Gerontopsychiatrie kümmert sich die Künstlerin um die Belange der alten Menschen. „Zum Aufwärmen“ bringt sie Fotos und Bücher als Anregung mit und macht mit Blumen und Naturmaterialien auf die Arbeit neugierig. Bald ist von „Das kann ich nicht“ keine Rede mehr. Vielmehr entstehen zauberhafte Tierwelten und weite Landschaften, allesamt farben- und lebensfrohe Bilder aus Acryl auf Leinwand, Collagen aus Naturmaterialien wie Stein und Moos und wetterfeste Holzskulpturen.

Wer einmal dabei ist, hört nicht mehr auf, hat Freude an der künstlerischen Tätigkeit und staunt am Ende am meisten über seine eigene Leistung. Alte Verse, Gedichte und Lieder kommen den Senioren bei ihrer kreativen Beschäftigung in Erinnerung. „Eine Dame hat die Hälfte der Zeit gesungen“, erzählt Yvonne Wilczynski. Erna Wissing entwarf eine Holzskulptur, eine mit Murmeln verzierte blaue Taube. Vielleicht hatte die 97-Jährige bei ihrem ersten Kunstwerk das Lied von Hans Albers „Kleine Möwe, flieg nach Helgoland“ im Sinn. Und Ingeburg Brüske mag beim Malen des Sonnaufgangs an ihre Jugendliebe gedacht haben, jedenfalls trällerte sie am liebsten „Die Sonne geht auf beim Anblick von dir, Sunnyboy“.

Vorläufig haben die Kunstwerke in der Caféteria ihren Platz. Die wetterfesten Holzskulpturen werden demnächst im Vorgarten aufgestellt.