Uerdinger Einkaufsstraße soll zum Szeneviertel werden.

Stadtplanung: Große Pläne für die Oberstraße

Wenn es nach den Mitgliedern der Interessengemeinschaft geht, soll die Uerdinger Einkaufsstraße zum Szeneviertel mit Cafés und Kunst werden.

Etwas befremdlich sieht es schon aus, wie da Blumen aus lebensgroßen Beinen in Jeans und mit Turnschuhen wachsen. Auch auf den zweiten Blick. Was soll das?

Reaktionen wie diese machen Andreas Zühlke glücklich. „Genau das wollen wir erreichen – einen Stimmungswandel, die Leute sollen sehen: Hier auf der Oberstraße passiert was.“ Gut ein Dutzend der Blumenjeans hat die Interessengemeinschaft (IG) Oberstraße am Anfang des Jahres auf der Einkaufsstraße angebracht. Neuestes Projekt: behäkelte Regenrinnen. Seit Jahren hat die Oberstraße mit Leerständen zu kämpfen, Uerdinger beschweren sich über das Aussterben ihrer Innenstadt. „Die Niederstraße bedient den täglichen Bedarf. Was bleibt für die Oberstraße? Da wollen wir einen Mehrwert schaffen und durchaus ein bisschen szeniger werden“, sagt der Vorsitzende der Interessengemeinschaft. Keine Hippiestraße. „Aber Kunst und Handwerk sollen den Schwerpunkt bilden.“ Ein Café, ein Fahrradladen und ein Geschäft, das ohne Verpackungen zum Beispiel Lebensmittel verkauft, stehen weit oben auf Zühlkes Wunschliste.

„Ja, es gibt Probleme an der Oberstraße“, sagt er. Trotzdem hat Zühlke Anfang des Jahres das Haus Nummer 122, schräg gegenüber der Kirche St. Peter, gekauft. Im Ladenlokal unten eröffnet er am Samstag gemeinsam mit seiner Frau eine Galerie mit Malereien und Fotografie. „Ich ziehe doch nicht in eine Straße, von der mir jeder erzählt, dass sie tot ist. So viel Ehrgeiz habe ich schon, zu sagen: Das können wir ändern!“

Ähnlich sehen das eine handvoll Uerdinger um Barbara Weber, die im Spätherbst vergangenen Jahres Mitstreiter zusammentrommelte – heute hat die IG Oberstraße etwa 25 aktive Mitglieder. Als die Stadt vor etwa einem Jahr die ersten Pläne für das Integrierte Handlungskonzept für den Stadtteil vorstellte, gehörte dazu auch die Idee, auf der Oberstraße Parkraum für Uerdingen zu schaffen. „Nicht mit uns“ – war die Meinung der von Anwohnern, Geschäftsinhabern und Freunden der Oberstraße, erzählt Zühlke. „Das ist nicht das, was wir wollen.“ Was die Mitglieder der Interessengemeinschaft wollen, haben sie in einem elf Punkte umfassenden Konzeptpapier aufgeschrieben, das jetzt zur Ansicht auf dem Tisch des Uerdinger Bezirksvorstehers Jürgen Hengst liegt (siehe Infokasten).

Schon jetzt ist auf der Oberstraße einiges passiert. Von vor einem Jahr noch elf Leerständen sind inzwischen nur noch vier übrig, wie der Vorsitzende der IG stolz erzählt. Die Betreiber Cocktailbar Kings Lounge planten bereits den Umzug ins ehemalige Sozialkaufhaus, ihr altes Ladenlokal wird aber aller vermutlich nicht lange leer bleiben: „So wie ich gehört habe, planen sich die Nachbarn Chi Sushi zu vergrößern.“ Das Pfarrzentrum St. Peter zieht ins der Kirche gegenüberliegende Gebäude des ehemaligen Sonnenstudios. „Es gibt mehr Anfragen als Objekte zur Verfügung stehen“, erzählt Zühlke. Oft scheitere es aber an der Größe der Ladenlokale und den Mietpreisvorstellungen.

Der in Berlin aufgewachsene Künstler ist über Umwege über Frankfurt am Main und Koblenz nach Krefeld gekommen. „Ich mag dieses leicht Morbide hier – das erinnert mich an Berlin-Kreuzberg.“ Besonders seine neue Heimat Uerdingen habe er in den vergangenen Jahren lieben gelernt: „Die Rheinlage ist super. Uerdingen hat eine hübsche Altstadt, aus der man mehr machen könnte. Die Substanz dafür ist da.“

Das von vielen mit großen Hoffnungen erwartete Prestige-Bauprojekt Rheinblick hält er allerdings nicht für die Lösung der Uerdinger Innenstadt-Probleme: „Ich glaube nicht, dass Rheinblick tatsächlich Kaufkraft hierhin ziehen wird. Menschen, die so eine Wohnung kaufen, sind wohlhabend, die werden ihre Einkäufe vermutlich nicht in Uerdingen erledigen“, glaubt Zühlke. Ohnehin: „Bevor Rheiblick kommt, ist die Oberstraße Deutschlands Top-Einkaufsstraße.“ Das heiße nicht, dass man die alten Industriegebäude am Rhein weiter sich selbst überlassen sollte, betont der IG-Vorsitzende: „Was nicht geht, ist, dass das Gelände weiter verkommt. Wenn die Lösung Rheinblick heißt, dann bin ich dafür.“

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