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So hält eine Nachbarschaft zusammen

Gemeinschaft : So hält eine Nachbarschaft zusammen

Die Corona-Krise hat nicht nur negative Auswirkungen, sie kann auch Menschen einander näher bringen. Ein Beispiel mit Gesprächen an Türen und Fenstern.

Der erste Eindruck der Friesenstraße: gemütlich. Die kurze Verbindung zwischen Traarer und Nikolaus-Groß-Straße säumen eine überschaubare Anzahl an schnuckeligen Häuschen. Um die Ecke liegt das Stadtpark-Gymnasium und die gleichnamige große Grünanlage. Eine Querstraße wie sie in vielen Stadtteilen Krefelds so oder so ähnlich zu finden ist. Was sie ausmacht? Sie könnte als ein Beispiel dafür durchgehen, welche positiven Nebenerscheinungen die Corona-Krise haben kann – wie Zusammenhalt in einer Ausnahmesituation entstehen oder weiter wachsen kann. Und wie einem Kleinigkeiten den Tag versüßen können – auch wenn die Umstände ungewohnt sind. Ein Besuch an einem Nachmittag mit Gesprächen an Fenstern und Türen.

Die Kinder schmücken
die Fenster

In einem Fenster eines Hauses der Straße sind zwei Kinderzeichnungen mit bunten Regenbogen zu sehen. Gemalte Symbole des Zusammenhalts, der Hoffnung und bunter Lebensfreude wie sie in vielen Fenstern Krefelds entdeckt werden können. An der Friesenstraße sind es nicht nur Zeichnungen, die Freude vermitteln. Auch wenn der Alltag sich unter anderem für ihre jüngsten Anwohner stark verändert hat. Vor allem für ihre zehn Jahre alte Tochter und ihren siebenjährigen Sohn sei die Situation schwierig, „weil sie ihre Freunde nicht treffen können“, erklärt Nicole Barucha. Man werde „erfinderisch“, um den Alltag zu gestalten. Zum Beispiel sei die Schule trotzdem weiter organisiert worden. Dreimal die Woche ist vormittags „Homeschooling“ angesagt, erklärt ihr Mann Daniel Barucha. Dabei gibt es Aufgaben, die der Nachwuchs jeweils abwechselnd am Laptop bearbeitet. Auch der Familienvater wirkt entspannt, obwohl sich auch für ihn in den letzten Wochen viel verändert hat. Wegen eines Corona-Falls in seinem Umfeld war Quarantäne angesagt. Glücklicherweise habe sich ihr Mann aber nicht mit dem Virus infiziert, erklärt Nicole Barucha.

Infiziert ist Barucha aber mit einem Virus in den Farben Schwarz und Gelb. Das verraten sein Pullover und Nachbar Bruno Schoeppe, der den Familienvater als „KEV-besessen“ beschreibt. Er tritt mit Abstand näher, mit den Händen in blauen Einmalhandschuhen trägt er eine Tupperdose mit mehreren selbst gemachten Schoko-Muffins. Eine „Kuchen-Challenge“ ist eine Idee innerhalb der Nachbarschaft, um bei guter Laune zu bleiben. Dabei versorgt einmal die Woche ein Anwohner der Friesenstraße seine Nachbarn mit einer süßes Kreation. Die Muffins sind an diesem Nachmittag eine Art Zwischenmahlzeit. Dass in der Krise Menschen wieder mehr Zusammenhalt entwickeln, bringe „Freude in düstere Coronazeiten“ und mache auch „Hoffnung für die Zukunft“, so Schoeppe.

Dem stimmt Merle Frühauf zu und schnappt sich einen der Muffins. Auch die 29-Jährige habe das Gefühl, dass der Zusammenhalt in der Coronakrise gewachsen ist. Das lasse sich an Kleinigkeiten erkennen. Zum Beispiel beim Thema Einkaufen. Regelmäßig werde untereinander gefragt, ob jemand noch etwas braucht, fehlende Lebensmittel einander mitgebracht. Die Kommunikation läuft über eine Nachbarschafts-WhatsApp-Gruppe. Dort gebe es immer wieder neue Ideen, um sich gegenseitig auf Trab zu halten, sagt Christoph Lang, der mit seiner Lebenspartnerin Merle Frühauf direkt neben den Baruchas wohnt. Beide arbeiten zurzeit im Homeoffice. Gleichzeitig werde aber die „Über-Zaun-Kommunikation“ mit den Baruchas gepflegt, erklärt der 36-Jährige.

Ein Lob auf „die jungen Leute“ möchte Helga Schultz aussprechen. Sie hätten Leben in die Straße gebracht – und Fürsorge und Hilfsbereitschaft. Wenn in den vergangenen Tagen beispielsweise Lebensmittel wie Mehl knapp wurden, habe man sich untereinander ausgeholfen. Aber auch wenn bei einer Reparatur im Haushalt handwerkliches Geschick benötigt werde, ist Hilfe nahe, sagt die 75-Jährige.

Auch Heike Tünnißen schätzt die Hilfsbereitschaft in der Nachbarschaft. Die 47-Jährige hat an diesem Nachmittag Blumen mit in die Friesenstraße gebracht. Zuletzt habe jemand neues Grün für die Hälfte der Nachbarschaft besorgt, nun habe sie sich darum gekümmert. Aber auch an die Mitarbeiter Krefelder Lieferdienste werde gedacht. Gemeinsam wird zum Beispiel Pizza bestellt. So könnten die Anbieter überflüssige Anfahrten sparen. Auch das werde mittels Messenger-Dienst übers Smartphone organisiert. In der Gruppe seien insgesamt neun Parteien, regelmäßig werde gefragt, ob jemand noch etwas braucht. Der Name der Gruppe? Der ist einfach, erklärt Tünnißen: „Die Friesenstraße“.

Die Gruppe ist entstanden, bevor die Virus-Pandemie die Nachbarschaftshilfe angekurbelt hat. Im vergangenen Sommer habe es erstmals nach 40 Jahren wieder ein Straßenfest für Anwohner der Friesenstraße gegeben, erklärt Bruno Schoeppe. Nun diene die Messenger-Dienst-Gruppe der Kommunikation in einer Ausnahmesituation. Man schaue aber auch viel öfter aus dem Fenster, um mit den Nachbarn zu quatschen und Passanten oder Radfahrer zu grüßen, erklärt der Anwohner weiter. Nachdem er seine Muffins verteilt hat, hat er es sich an einem der Fenster seines Hauses gemütlich gemacht. „War lecker, der Muffin“, hatte ihm Merle Frühauf von gegenüber zuvor noch zugerufen.

Trotz besonderer Umstände wie Quarantäne und Homeoffice begegnen die Nachbarn der Friesenstraße Besuchern mit einem Lächeln. Die Nachbarschaft könnte wohl auch ein gutes Beispiel dafür sein, dass es glücklich macht, Mitmenschen mit Aufmerksamkeiten oder Hilfsangeboten zu erfreuen. Und wenn die Corona-Krise überstanden ist, stehen die Chancen für ein weiteres Straßenfest vermutlich ziemlich gut.