Feuerlöschen gehört nicht zum Alltag der Männer der Feuerwehr im Chemiepark: Ein Job in ständiger Alarmbereitschaft.

Reportage : Ein Tag mit Uerdingens Lebensrettern

Feuerlöschen gehört nicht zum Alltag der Männer der Feuerwehr im Chemiepark: Ein Job in ständiger Alarmbereitschaft.

Für einen kurzen Moment ist es still. Still bis auf das Klimpern und Kratzen der Gabeln auf den Tellern. Tortellini in Käsesauce und Salat. Daniel Krülls Dressing dazu schmeckt preisverdächtig, darüber herrscht am Tisch Einigkeit. Fünf Kilo Nudeln hat Chefkoch Marcus Fontain in den Kantinen-Kochtopf geschüttet, 400 Gramm für jeden der 13 Esser an diesem Abend. „Hier muss man groß denken“, sagt Fontain und lacht, seine Männer haben Hunger.  In der Küche der Feuerwache im Uerdinger Chemiepark ist Gruppenführer Markus Fontain meistens der Chef. Wenn alle 19 Kollegen von Wachabteilung 1 mitessen, ist Currywurst-Tag. „Dann gibt’s selbstgemachte Currysauce“, sagt Fontain, und dazu Pommes - na klar.

Abendessenszeit ist Bereitschaftszeit auf der Wache. Und es ist Zeit, um ins Gespräch zu kommen. Zwischen Kollegen, manchmal auch zwischen Freunden. Der nächste Betriebsausflug nach Düsseldorf ist Thema am Tisch – die Kneipe, in der man später anstoßen will, steht schon fest: „Die mit der hübschen Kellnerin“, sagt ein Kollege zwinkernd zum Tischnachbarn. Der 24-Stunden-Dienst verwischt die Grenzen.

Schlafräume mit
Jugendherbergs-Anmutung

Überhaupt ist der Job in der Feuerwache anders, als viele andere. Wer mit seinen Kollegen jede zweite Nacht auf einem Zimmer verbringt, an Weihnachten, Silvester, Geburtstagen, der lernt den ein oder anderen besser kennen, als ihm vielleicht lieb ist. Wer schnarcht? Wer redet im Schlaf, oder schaut bis tief in die Nacht Fern? Jugendherbergs-Feeling pur, nur ohne Hochbetten. Stattdessen ziehen die Feuerwehrmänner ihre 70 Zentimeter schmalen Schlafgelegenheiten aus der holzverkleideten Schrankwand – gemütlich sieht anders aus. Aber deshalb beschweren? „Ich möchte die 24-Stunden-Schicht nicht mehr missen“, sagt Marcus Fontain. „Denn das bedeutet: Der nächste Tag ist ein ganzer Tag, den ich mit meiner Familie verbringen kann.“ Die Kollegen am Tisch nicken.

Es ist aber auch ein Beruf, der den Männern der Werkfeuerwehr an manchen Tagen alles abverlangt. So wie damals, „vor drei oder vier Jahren“, als ein Mitarbeiter im Chemiepark mit seinem Arm zwischen zwei Bahnkesselwagen geraten war und gerettet werden musste. „Schwere Arbeitsunfälle wie dieser sind wirklich selten“, sagt Fontain. Noch seltener werde die Werkfeuerwehr tatsächlich nur zu einem Brand gerufen. „Brandmelder-Fehlalarm, das ist der Klassiker.“ Nachts deswegen liegenbleiben komme trotzdem nicht in Frage: „Der Anspruch ist immer derselbe: Es könnte ein Notfall sein, in dem wir Leben retten müssen.“

Für den Ernstfall gibt es regelmäßige Übungseinsätze. So wie heute, als in der Sicherheitszentrale dieser Notruf eingeht: In einem Lager für Gefahrengutfässer hat ein Mitarbeiter auf einem Gerüst in 15 Metern Höhe einen Schwächeanfall erlitten. Ein Fall für die Männer von Brandoberinspektor Michael Meier, Leiter des Übungseinsatzes. Ja, Feuerwehrmann sei immer noch eine Männerdomäne, sagt Meier, das ist auch im Uerdinger Chemiepark nicht anders. Eine Rettungsassistentin ist die einzige Frau unter knapp 50 Kollegen von Wachabteilung 1 und 2.

Im Lager zwischen den Gerüsten angekommen, ist es eng und heiß, Bewegungen sind kaum möglich. Der Schweiß tropft den Feuerwehrleuten von der Stirn. Trotzdem müssen die Männer in ihrer sperrigen Ausrüstung, die gut und gerne 30 Kilo wiegen kann, eine Liege nach oben transportieren, um den zusammengebrochenen Mann darauf sicher nach unten zu bringen. „Wenn das nicht funktioniert, müssen wir uns in ganz kurzer Zeit eine Alternative überlegen“, erklärt Gruppenführer Fontain. Es funktioniert. Nach einer halben Stunde ist der Mitarbeiter unverletzt gerettet – im Rettungswagen geht’s zurück zur Wache.

Einige engagieren sich bei der Freiwilligen Feuerwehr

Nicht jede Rettung laufe so glimpflich ab wie dieser Übungseinsatz, erzählt Fontain. Mit der Freiwilligen Feuerwehr in seiner Heimatstadt Vorst sei er erst vor kurzem zu einem tödlichen Arbeitsunfall gerufen worden. „Da konnten wir nichts mehr tun, das macht schon fassungslos.“ Ob er nicht nach dem Job mal abschalten und etwas anderes machen wolle? „Mache ich doch, in meiner Freizeit braue ich in meinem Keller Bier“, sagt Fontain und: „Eine handvoll Kollegen ist neben dem Beruf noch bei der Freiwilligen Feuerwehr. Warum auch nicht? So können wir etwas tun, was dem Gemeinwohl nutzt. Nebenbei organisiert die Freiwillige Feuerwehr auch das Dorfleben.“

Um in Notsituationen helfen zu können, muss man fit sein. Eine Stunde Sport steht am Nachmittag auf dem Pflichtprogramm. Dafür braucht es nicht viel, Marcus Fontain reicht schon eine Treppe. Er hat aus dem Treppensteigen einen Sport gemacht: „In voller Montur“ und mit Atemschutz läuft er den 63,5 Meter hohen Kraftwerksturm im Chemiepark hoch und runter. 419 Stufen. Einmal, zweimal, dreimal. Viermal, fünfmal, sechsmal. „Und gegen die Zeit.“ Auch den Düsseldorfer Fernsehturm hat Fontain schon mit einem Kollegen erlaufen – in Feuerwehrkreisen ein anerkannter Teamsport, der gerne auch als Wettbewerb ausgetragen wird. Fußball? „Besser nicht“, sagt Fontain. „Ballsportarten sind schwierig.“ Denn Feuerwehrmänner seien ehrgeizig. „Da gibt es mit hoher Wahrscheinlichkeit Verletzte.“

Sixpacks und Pink
in der Muckibude

Seine Kollegen spielen derweil in der werkeigenen Halle Badminton, andere arbeiten sich im Kraftraum ab. Der sieht aus, wie man sich eine 80er-Jahre Muckibude vorstellt: mit dem Poster einer Frau in entsprechend schriller Sportkleidung, von einem anderen glänzt ein eingeöltes haarloses Sixpack. Dazu läuft Pink im Radio. „Die Ausstattung ist total modern, davon können die Kollegen von der Berufsfeuerwehr vermutlich nur träumen“, sagt Ralf Gierz. Der zeigt zwar nicht sein Sixpack, dafür aber seine muskelbepackten Arme. Früher hat Gierz nebenbei ein eigenes Fitnessstudio betrieben, dann wechselte der Chemiekant zur Werkfeuerwehr. Gewichte heben ist noch immer seine Leidenschaft, 2012 bescherte sie ihm bei den World Fire Fighter Games in Liverpool sogar den Titel „Stärkster Feuerwehrmann der Welt“.

Auch Christian Bögel ist nassgeschwitzt – dabei macht er gerade gar keinen Sport, jedenfalls nicht im klassischen Sinn. Kurz vorm Abendessen mit Beginn der Bereitschaftszeit packt der Feuerwehrmann seinen Dudelsack aus und marschiert spielend durch eine der um diese Zeit leeren Werkstätten der Wache. Den Kollegen gehe sein Gedudel auf die Nerven, Bögel nimmt das mit Gelassenheit und Humor. „Ich habe 2009 mit dem Dudelsackspielen angefangen und finde es total faszinierend.“ So wie Schottland, das Heimatland des Dudelsacks, in dem dieser auch als „einziges Instrument, das auch als Waffe eingetragen ist“, gilt. Dann die Durchsage: Abendessen!

Reste sind von den fünf Kilo Tortellini wenig später nicht übrig geblieben. Nach dem Essen zerstreut sich die Gruppe - auf die Zimmer, in den Fernsehraum, Marcus Fontain hat eine Verabredung: Es ist Zeit für den Gute-Nacht-Videoanruf seiner Kinder. Dann heult der Alarm durch die Wache und alles muss schnell gehen. Der kürzeste Weg führt über die Stange nach unten, zu den Löschfahrzeugen. Mit Blaulicht geht’s für Marcus Fontain und die anderen Feuerwehrmänner raus in die Dunkelheit, für Verabschiedung ist keine Zeit. Auch wenn’s am Ende glücklicherweise wieder der Fehlalarm einer Brandmeldeanlage war.

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