Die Verlegung des Wochenmarktes steht wieder zur Debatte. Diesmal mit Probelauf

Ende einer Tradition?: Uerdingen und das Marktproblem

Bürgerverein, Kaufmannsbund und Interessengemeinschaft wollen die Attraktivität der Innenstadt steigern. Dazu soll der Wochenmarkt vom Röttgen neben das Rathaus ziehen – mal wieder. Eine Idee, die die Beschicker nicht gut heißen.

Hubert Rongen denkt gerne an die Geschichten seiner Großmutter zurück, die schon vor über 100 Jahren mit ihren Waren in einer Kutsche nach Uerdingen zum Markt gefahren ist. „Heute stehe ich hier“, sagt der Marktbeschicker aus Neuss und lacht. Doch wie lange wird sich der Wochenmarkt Am Röttgen noch halten? Eine Frage, die die rund 40 Beschicker täglich beschäftigt.

Seitdem der Uerdinger Kaufmannsbund, der Bürgerverein (BV) und die Interessengemeinschaft (IG) in einem Positionspapier von 2017 die Verlegung des Marktes vom Röttgen auf den Historischen Markt gefordert haben, um unter anderem die Attraktivität des Marktes zu steigern und die Innenstadt wiederzubeleben, ist die Stimmung bei den Händlern im Keller. Sie teilen die Ansicht der drei Vereine nicht, dass das Erscheinungsbild des Marktes Am Röttgen „trostlos sowie ohne Flair sei“. Von einer Umsiedlung auf den Historischen Marktplatz halten sie nichts – auch nicht probeweise, was momentan zur Debatte steht.

Händler sagen: „Niemand ist auf uns zugekommen.“

„Glauben die etwa wirklich, dass sie die Uerdinger Innenstadt mit uns wiederbeleben können?“, blafft Marcel van der Bergh. Seit 65 Jahre kommt seine Familie zum Markt Am Röttgen. „Ich habe das Gefühl, dass die uns und den Markt absichtlich kaputt machen wollen. Niemand ist auf uns zu gekommen, niemand hat uns gefragt, was wir denken. Die wollen uns hier einfach weg haben.“

Dass niemand den Dialog mit den Händlern gesucht hat, bestätigt auch Arno Wilms, der seit 1977 seinen Stand Am Röttgen hat. Er sei erstaunt darüber, dass die Initiatoren ohne vorherige Gespräche wüssten, wie groß jeder einzelne Anhänger eines Händlers sei und somit mit Bestimmtheit gesagt werden könne, dass die Wagen alle auf den Historischen Marktplatz passten.

Laut Klaus Elfes, Vorsitzender der Interessengemeinschaft Rheinstadt Uerdingen, sei alles ausgemessen worden – allerdings auf Augenmaß, wie er sagt. Mitstreiter Uwe Rutkowski vom Kaufmannsbund ergänzt an dieser Stelle, dass die Stadt die Größe des Platzes überprüft hätte. Er stellt zudem klar, dass die IG, der Bürgerverein und der Kaufmannsbund den Händlern nicht vorschreiben können, den Standort zu wechseln: „Hierbei handelt es sich um eine Idee zur Wiederbelebung der Innenstadt. Wir können nur Vorschläge abgeben, beschließen dürfen wir nichts.“ Die Stadt habe hierbei das letzte Wort. Dass die Beschicker sich derart sperren, auch gegen einen Probelauf, ist für ihn nicht nachvollziehbar. „Für jedes Problem kann man eine Lösung finden“, sagt er. „Wir sind für Gespräche bereit.“ Bereits 2016 habe der Bürgerverein versucht, die Händler an einen Tisch zu bekommen – keiner sei der Einladung gefolgt.

Das wollen die Marktbeschicker so nicht stehen lassen. „Das stimmt nicht“, sagen sie und gehen auf die Barrikaden. Dazu gehört, dass sie ihre Kunden mobilisieren und sie fragen, was sie von der Verlegung, die bereits auch 2010 Thema war, halten. „Wenn der Markt verlegt wird, komme ich nicht mehr“, sagt Kunde Karl-Ernst Bosch. Er geht seit vielen Jahren zum Röttgen und schätzt die gute Verkehrsanbindung. „Ich reise aus Bockum an und kann mit meinen Einkäufen direkt in die Bahn springen.“

Auch andere Kunden empfinden so, sagt Marktbeschicker Wilms. Vor allem die Älteren. „Der Weg ist für viele zum Rathaus einfach zu weit“, führt Katja Linßen an. Sie steht mit ihrem Stand zwei Reihen weiter. „Außerdem haben uns viele Kunden bestätigt, dass sie, wenn der Markt am Historischen Platz stattfinden würde, nicht unbedingt in die Einkaufszone gehen, um dort zu shoppen. So viel zur Steigerung der Attraktivität der Innenstadt.“

Zwei Befragungen sollten Meinung der Bürger ermitteln

Überhaupt listen die Händler viele Gründe gegen eine Verlegung des Marktes auf: Die Anhänger hätten eine Länge von 14 bis 18 Meter, was das Rangieren auf dem Historischen Marktplatz erschwere. Parkplätze würden wegfallen. Auch der Aufbau der Stände, der um 6 Uhr beginnt, bereitet ihnen Kopfzerbrechen. Schließlich stünden viele Wohnhäuser in unmittelbarer Nähe zum Historischen Marktplatz, so dass sich Anwohner über den Lärm beschweren könnten. Außerdem sei der Platz mit seinem Kopfsteinpflaster für Rollbehälter, Palettenwagen und Rollatoren ungeeignet, da sich die Räder verkanteten.

Diese Gründe wollen die IG, der Bürgerverein und der Kaufmannsbund nicht gelten lassen. Bei der jährlichen Kirmes oder dem Hollandmarkt gebe es keinerlei Beschwerden. Und auch zwei Befragungen im vergangenen Jahr – eine an 5000 Haushalte gerichtet, eine beim Herbstfest durchgeführt – hätten ergeben, dass sich „die Mehrheit der Bürger für eine Verlegung des Marktes“ ausspricht. Von 5000 Befragten sprachen sich nach Aussagen von Klaus Elfes rund 150 für die Verlegung aus. Nur zehn Bürger hätten Einwände gehabt. Die Unterschriftenaktion beim Herbstfest brachte 450 Unterschriften für den „neuen Markt“ ein. Ergebnisse, die die Marktbeschicker nicht für repräsentativ halten.

Bezirksvorsteher Jürgen Hengst versucht, die vertrackte Situation zu entschärfen. „Von heute auf morgen wird nichts passieren“, sagt er. Überhaupt handle es sich bei der Idee der Verlegung um einen Prozess, der vielleicht erst in zwei Jahren auf den Weg gebracht werden könne. Schließlich müsse die Verwaltung Gutachten in Auftrag geben und das dauere, da jeder Punkt – Parkraumkonzept, Umgestaltung des Marktplatzes – untersucht werden müsse.

Kein Trost für Arno Wilms und seine Kollegen vom Wochenmarkt, die nach wie vor darauf warten, dass jemand auf sie zugeht und mit ihnen über die Verlegung spricht.

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