Der Seemann mit der Trompete

Der Zufall machte Manny van Dits zum Bordmusiker. Am Freitag spielt er in Dießem.

Krefeld. „Das ist die alte Bremen“, sagt Manny van Dits und nimmt das Schiffsmodell so vorsichtig zwischen seine Finger, als würde ein unvorsichtiger Griff es leckschlagen lassen. „Mein erstes Schiff“, sagt er, und er spricht es so behutsam aus, als könnte sein Lebenswerk sich nachträglich als Traum erweisen und zerplatzen. Ein Traumschiff? „Alle Schiffe sind Traumschiffe“, sagt er. „In dem Moment, wo sie ablegen, ist der Traum perfekt.“

Van Dits lebt ein Leben, das ungewöhnlich ist für jemanden, der 1941 als Manfred van Ditshuizen in Uerdingen geboren wurde. Als Schiffsmusiker hat er die Enge seine niederrheinischen Heimat gegen das Meer getauscht. Zu einer Zeit, in der Kreuzfahrten nur etwas für reiche Amerikaner waren und die Deutschen im Höchstfall davon träumen durften, mit dem Käfer über die Alpen nach Italien zu fahren, lernt er das Leben an Bord eines Ozeandampfers kennen — mit allem Glamour, aber auch mit seinen Schattenseiten.

Seine Karriere liest sich wie ein Film — und mit einem Film begann sie auch: Mit 15 Jahren sieht er „High Society,“ in Deutschland besser bekannt als „Die oberen Zehntausend“. Aber Manny interessiert sich weder für die bessere Gesellschaft noch für Grace Kelly in der Hauptrolle, er hat nur Augen und Ohren für den dicken Mann mit der Trompete. Denn in einer Nebenrolle spielt Louis Armstrong, der legendäre Jazztrompeter, niemanden geringeren als — sich selbst. „Satchmo war ein Phänomen. Dieses Charisma, diese Lebensfreude, die er ausgestrahlt hat — unvergleichlich“, schwärmt van Dits noch heute.

Das Geld ist knapp im Hause van Ditshuizen und die Eltern sind wenig begeistert, als er nach dem Kino sagt, dass er eine Trompete will. Die Mutter geht heimlich putzen, damit er zu Weihnachten sein Instrument in den Händen halten kann. Bald werden auch andere Musiker auf den talentierten Uerdinger aufmerksam. Schließlich sieht eines Tages eine Band aus Duisburg seinen Auftritt und fragt ihn, ob er sich vorstellen kann, zur See zu fahren. Natürlich kann Manny.

Die Probezeit, einen Monat in einem Baden-Badener Spielcasino, besteht er. In Bremerhaven erhält er sein Seefahrtsbuch, dann geht es auf die Überfahrt nach New York. Erst sieht er die Wolkenkratzer, dann die Freiheitsstatue am Horizont auftauchen. Als die Bremen auch noch unter der Brooklyn Bridge durchfährt, wird es dem jungen Manny fast zu viel. „Man kann das nicht beschreiben, das war heftig, das hat mich umgehauen“, sagt er. Als er nach anderthalb Monaten — die Kreuzfahrt führte noch in die Karibik — zurückkehrt, gilt er im beschaulichen Uerdingen beinahe als Weltmann. Jede Karte, die er schickt, wird in der elterlichen Kneipe herumgezeigt, diskutiert und ausgestellt. Über seine Reiseerlebnisse schreibt er in den 60er Jahren auch in der Westdeutschen Zeitung.

Und die Erlebnisse sind vielfältig. Van Dits gerät in schwere Orkane und finsterste Hafenkneipen, doch der Musiker kommt immer mit einem blauen Auge davon. Wieder in New York taucht er in die Welt des Jazz ab. Louis Armstrong hat er dabei zwar nicht kennengelernt. Aber mit seinem Schlagzeuger Zutty Singleton hat er in einem Jazzclub Sessions gespielt — der Ritterschlag für van Dits.

Manny hat es nicht einen Tag bereut, Schiffsmusiker geworden zu sein. Nur die dreimonatigen Weltreisen tut er sich heute nicht mehr an. Inzwischen bevorzugt der Mann, der zigmal den Äquator überquert hat, die sehr viel kürzeren Nordland-Touren.

Mehr von Westdeutsche Zeitung