Altes Klärwerk Uerdingen - Die letzte Chance für ein fast vergessenes Kleinod

Altes Klärwerk Uerdingen - Die letzte Chance für ein fast vergessenes Kleinod

Plötzlich gibt es wieder Interesse am Klärwerk. Investoren klopfen an, und ein Runder Tisch entsteht.

Krefeld-Uerdingen. Das Wrack der Titanic auf dem Meeresgrund, durchlöchert und zerfressen, nur noch ein Schatten ruhmreicher Tage. In James Camerons berühmtem Film wird daraus per Spezialeffekt wieder das stolze Schiff, das im April 1912 den Hafen von Southampton verließ. „An diese Verwandlung denke ich jedes Mal, wenn ich das alte Klärwerk betrete“, erzählt Klaus Schavan. „Man spürt sofort, was hier möglich wäre.“

So wie dem Chef des Gebäudemanagements der Stadt geht es auch den 15 Uerdingern, die an einem regnerischen Samstag das Klärwerk besichtigen. Zum ersten Mal seit drei Jahren lässt die Stadt einen Blick in das um 1910 entstandene Gebäude zu. Das Raunen, als die Gruppe die große Halle betritt, klingt ehrfürchtig. Wie in einer Kathedrale.

Matthias Melcher, der die ehemalige Weinbrennerei Dujardin derzeit in ein Zentrum für Kultur, Wohnen und Gastronomie verwandelt, hat um den Termin gebeten. „Ich habe mich in das Gebäude verliebt“, gibt er zu. „Und ich glaube, dass die Uerdinger es zusammen schaffen können, sich dieses Kleinod zu erhalten.“

Wie das mit Liebe so ist, lässt sich auch diese von den Macken und Fehlern der Umschwärmten nicht beirren. Denn das Licht, das durch die großen Fenster in die hohe Kuppel der Halle fällt, sieht nicht nur wunderschön aus, es offenbart auch gnadenlos den Zustand des Gebäudes. Der Taubenmist quillt einem fast in die Schuhe, die Fenster sind eingeworfen, die Eisenkonstruktionen rosten, alles starrt vor Dreck. Im Verkaufs-Exposé der Stadt klingt das so: Das ehemalige Klärwerk sei „sehr sanierungsbedürftig.“

Seit 1998 gab es rund 60 Interessenten für das Gebäude, alle haben abgewunken. „Hier sind mit den Jahren auch viele Spinner durchgegangen“, sagt Schavan. Doch zuletzt ist Bewegung in die Sache gekommen: „Das Klärwerk ist aus seinem Dornröschenschlaf erwacht“, sagt Boris Joswig, der für den Verkauf zuständig ist. Er berichtet von guten Gesprächen mit Interessenten: „Aber das hier ist nun mal was anderes als ein Reihenhaus.“ Soll heißen: Die Idee kann immer nur der Anfang sein — zwischen ihr und der Umsetzung stehen viele Fragen und drei Millionen Euro Investition.

Dennoch: Es kommen Anfragen, aus Krefeld und von außerhalb. „Der deutliche Schwerpunkt geht in Richtung Kultur“, sagt Schavan. Mehr möchte er nicht verraten. „Jeder sieht, welche Qualität dieses Gebäude haben könnte. Und jeder erkennt auch, wie viel Geld man dafür in die Hand nehmen muss.“ Eine Ruine sei das Klärwerk jedoch nicht: „Die Grundsubstanz ist in Ordnung — aber es dürfen nicht noch zehn Jahre ins Land gehen.“

So lange möchte auch Melcher nicht warten. Schon kurz nach der Besichtigung hat er eine Facebook-Gruppe „Pumpwerk Uerdingen“ gegründet und einen Runden Tisch einberufen. Sein Ziel: Die Uerdinger Vereine sollen sich gemeinsam engagieren.

In der Tat bietet das Klärwerk Potenzial für Säle und Hallen unterschiedlicher Größe: Ein solcher Ort für Veranstaltungen fehlt in Uerdingen. „Gerade die große Halle schreit nach Kultur aller Art“, findet Melcher. „Nach Kino, Konzerten und Theater.“ Auch davon gibt es bislang wenig im Stadtteil am Rhein.

Könnten Melcher und seine Mitstreiter das Projekt stemmen, es käme einer Sensation gleich. Der Sanierungsbedarf ist riesig, das Gebäude hat nicht mal eine Heizung: Im Winter ist es drinnen kälter als draußen, im Sommer stinkt es. Parkplätze und die Zufahrt sind weitere Probleme.

In der kleineren Halle könnte man immerhin an frühere Sanierungen anknüpfen (siehe Kasten). Dort sind Zwischendecken eingezogen, es gibt Sanitärräume. Doch auch dort sind Spuren von Vandalismus sichtbar. „Die Schmierereien an der Wand sind frisch“, sagt Boris Joswig.

Melcher lässt sich durch solche Schönheitsfehler nicht entmutigen. „Man müsste hier mit einer Hundertschaft Freiwilliger durch — mal sehen, wie es danach aussieht.“ Das Projekt Klärwerk — es wäre „ein Riesenberg Arbeit“, wie Melcher sagt. Aber man höbe damit einen Schatz, der schon für alle Zeiten verloren schien.

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