Uerdingen: Als Kaffee noch aus Uerdingen kam

Uerdingen : Als Kaffee noch aus Uerdingen kam

Horst-Lothar Wolf, ehemaliger Leiter des Bayer-Werkschutzes, befürchtet nach der Schließung des Baytreffs nun auch den Abriss der alten Fabrik "Malzkaffee Kathreiner".

Uerdingen. Was waren das für Wirtschafts-Wunder-Zeiten, als in Uerdingen noch Margarine, aus braunem weißer Zucker und Kaffee produziert wurden? Wenn Horst-Lothar Wolf erzählt, dann wird längst vergangene Industrie-Geschichte lebendig — an einem schönen Sommertag mit Pflaumenkuchen in einem Bockumer Garten.

Dabei ist Wolfs Stimmung dieser Tage alles andere als heiter. Bereits Ende vergangenen Jahres flatterte die Kündigung des Mietvertrags für den Baytreff auch in sein Haus. Covestro, einer der Riesen im heutigen Chemiepark, will das Gebäude an der Duisburger Straße 42 hinter Tor 13 Ende dieses Jahres schließen — was dann aus dem Gebäude wird, ist ungewiss (die WZ berichtete). Viele Vereine und auch die 18 behinderten Jugendlichen der benachbarten Eingliederungswerkstatt, die der 83-Jährige mit aufgebaut hat und in deren Vorstand er bis heute ist, stehen dann auf der Straße.

Nicht nur die ungewisse Zukunft macht dem ehemaligen Leiter des Bayer-Werkschutzes Sorgen. Er fürchtet, die Schließung des Baytreffs ist bloß der Anfang. „Ich habe erhebliche Bedenken, dass das benachbarte ehemalige Verwaltungsgebäude der Kathreiner Malzkaffee-Fabriken als nächstes abgerissen wird“, skizziert Wolf seinen persönlichen Albtraum.

„Mindestens 20 Jahre“ hatte das rote Backsteinhaus an der Duisburger Straße schon leergestanden, als er 1979 mit den 139 Mitarbeitern des Werkschutzes in das von Bayer restaurierte Gebäude von 1895 zog; 30 Jahre später zog der Werkschutz ein paar Häuser weiter und wieder aus. Seit acht Jahren ist das alte Kathreiner-Gebäude wieder verwaist; seine Fassade mit der goldenen Jahreszahl im Giebel „weitgehend im Urzustand“. Das Problem: „Es steht nicht unter Denkmalschutz“, sagt Wolf und: „Wenn es abgerissen wird, geht ein weiteres Stück Uerdingen verloren.“ Die einstige Produktionsstätte, in der zu Bestzeiten 850 Mitarbeiter aus Gerste Malzkaffee rösteten, war nach dem Aus der Kaffee-Herstellung in Uerdingen bereits 1977 den Abrissbirnen zum Opfer gefallen.

Heute zeichnet der 83-jährige Wolf ein düsteres Szenario vom „Untergang der Uerdinger Industrie vergangener Zeiten“. Die Liste ist lang: Die Holtz und Willemsen Ölfabriken — kurz Howinol — die am Rhein Speiseöle- und fette sowie Margarine herstellten, gibt es nicht mehr. „Das Werk am Hafen ist eine Industrieruine“, bedauert Wolf. Während einst Mondamin und Mazola-Keimöl aus Uerdingens Stadtkern in die Läden kamen, stehen dort heute anstelle der Maizena-Werke Wohnhäuser.

Wo einst das Kölner Unternehmen Pfeifer und Langen eine Produktionsstätte betrieb, hat heute Covestro das Sagen: Auf dem Gelände des Chemieparks werden heute Werkstoffe statt Diamantzucker produziert. Und auch Malzkaffee ist in der Rheinstadt längst Geschichte. Nur noch die Kathreinerstraße erinnert heute auf dem Stadtplan daran, dass Kaffee mal aus Uerdingen kam. „Malzkaffee war vor und während des Krieges der Kaffee der armen Leute“, erzählt Wolff, „zwischen ’45 und ’48 gab es Bohnenkaffee nur auf dem Schwarzmarkt.“

Dann kam die Währungsreform und mit ihr die D-Mark. „Plötzlich konnten sich viele Leute wieder Bohnenkaffee leisten.“ Malzkaffee? „Den wollte keiner mehr trinken.“ Dabei sei der koffeinlose Getreide-Kaffee gesünder als sein Pendant aus Bohnen. Dafür gab auch Sebastian Kneipp, der Künder der Lehre vom gesunden Leben, 1896 „dem naturreinen Malzkaffee sein Bild und seine Unterschrift, weil er ihn als den besten erkannt hatte“, heißt es in der Denkschrift von 1917, deren Original Wolf dem Uerdinger Heimatbund vermachen will.

Dennoch: In den 1950er Jahren gab Kathreiner den Stammsitz in Uerdingen auf. Nachdem auch Bayer das geschichtsträchtige Gebäude an der Duisburger Straße verließ und Covestro die Mietverträge für den Baytreff nun offiziell kündigte, ist der Weg für einen Verkauf des 400 Quadratmeter großen Grundstücks hinter Tor 13 geebnet, fürchtet Wolf. Er glaubt: „Es ist ein Sahnestück und eignet sich bestens für Wohnbebauung.“ Für das mehr als 100 Jahre alte Gebäude wäre das nach Wolfs schlimmsten Befürchtungen das Todesurteil. Die Stadt betont auf Nachfrage derweil, dass bisher „weder Abriss- noch Bauantrag“ für das alte Backsteinhaus noch für den Baytreff eingegangen seien.

Wenn es nach dem ehemaligen Werkschutz-Leiter geht, dann könnte an seinem alten Arbeitsplatz tatsächlich Wohnraum entstehen — ohne dass das Gebäude dafür weichen muss: „Man müsste darin nur Badezimmer einrichten. Drei Familien hätten darin dann sicher Platz.“