Seidenraupen-Lauf: Mit letzter Kraft durchs Ziel

Seidenraupen-Lauf: Mit letzter Kraft durchs Ziel

WZ-Mitarbeiter Sebastian Paschold hat am Seidenraupen-Lauf teilgenommen — und schaffte die Strecke trotz untrainierter Waden.

Krefeld. Meine letzte Ausdauerlauf-Erfahrung hatte ich vor circa zehn Jahren in der Schule. Meine sportlichen Aktivitäten beschränken sich seitdem aufs Fahrradfahren. Trotzdem entscheide ich mich spontan, am Cross-Lauf der Krefelder Laufgruppe „Seidenraupen“ teilzunehmen. Zusammen mit rund 100 gut trainierten Läufern gehe ich am Sonntag am Hölschendyk/Ecke Langen Dyk an den Start. Mein Ziel: ankommen ohne über selbiges zu kriechen.

Das erste Drittel läuft sich gut. Es geht über einen holprigen Feldweg Richtung Hülser Berg. Schon nach den ersten Metern lichtet sich das Läuferfeld. Die Cracks sind auf und davon. Ich versuche die Ruhe zu bewahren und langsam zu atmen.

Die erste Steigung lässt nicht lange auf sich warten. Ich atme schwerer, bin aber gut im Rennen. Die Strecke führt am Wildschweingehege vorbei, die Ferkel und Säue suhlen sich genüsslich im Schlamm. Ich muss darauf achten, nicht über eine der vielen aus dem Boden ragenden Wurzeln zu stolpern oder beim Abstieg auf den noch feuchten, glitschigen Waldwegen auszurutschen.

Weiter geht es durch das dichtbewachsene sumpfartige Gebiet am Rande des Hülser Bergs. Dort überholt mich ein Läufer mit festen langen Schritten. Er dreht sich kurz zu mir und ruft mir ein ermutigendes „Komm“ zu. Ich versuche dran zu bleiben, aber ich bin zu langsam. Trotzdem fasse ich Mut und ignoriere meine nach fünf Kilometern schlaffer werdenden Beine.

Beim Kapuzinerberg treffe ich den Läufer wieder. Er hat den Anstieg auf die Spitze der alten Mülldeponie schon hinter sich. Wir nicken uns kurz zu und lassen die Hände aneinander klatschen. In einer Schlaufe geht es einmal um das Gipfelkreuz auf der alten Mülldeponie. Dort genießt eine ältere Dame die Aussicht über Krefeld. Sie findet es sichtlich amüsant, dass sie nach und nach hundert Läufer umkreisen. Ich schenke dem Ausblick nur einen flüchtigen Blick.

Kilometer 10. Der Anstieg des Inrather Berges gibt mir den Rest. Zwischen Brennnesseln geht es einen Mini-Pfad steil hinauf. Ich fange an zu gehen. Ein Fehler: die Beine fühlen sich an wie schwammige Gewichte. Wie zum Hohn zeigt die Strecken-Markierung auf eine kleine Erhebung, die wohl noch übersprungen werden soll. Darüber kann ich nur herzlich lachen. Ich reiße mich zusammen und fange wieder an zu Laufen. Beim Abstieg passiere ich die Zwölf-Kilometer-Markierung. Ein kleiner, bärtiger Läufer schwebt an mir vorbei. Woher nimmt der jetzt noch die Kraft?

Die letzten drei Kilometer; vor mir sind keine Läufer mehr. Ich bin allein mit meinen brennenden Waden. Jede Kerbe des unebenen letzten Stück Feldwegs bedeutet jetzt eine zusätzliche Anstrengung. Aus einem Schlusssprint wird nichts.

Noch 50 Meter. Das Ziel vor Augen. Die freundlichen Damen beim Zieleinlauf klatschen anfeuernd. Ich packe die letzten Reserven in ein paar kräftigere Schritte. Wie ein Läufer bei Olympia hebe ich meine Arme und laufe nach einer Stunde und 45 Minuten über die Ziellinie.

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