Mit der Schleichwegekarte lernt man versteckte Seiten Krefelds kennen

Schleichwegekarte : Keksduft und versteckte Höfe

Mit der Schleichwegekarte, ein Projekt der Nachbarschaft Samtweberei, lernt man neue Seiten Krefelds kennen.

Das Viertel rund um die alte Samtweberei an der Lewerentzstraße zählt sicher zu den buntesten der Stadt Krefeld. Wer das nicht glaubt oder es selbst noch nicht erlebt hat, sollte dort einmal auf Entdeckungsreise gehen. Damit sie oder er sich dort bei der Suche nach schönen Orten und abgelegenen Pfaden nicht verläuft, gibt es einen ganz besonderen Stadtplan: die „Schleichwegekarte“.

Das Online-Lexikon Wikipedia definiert den Begriff „Schleichweg“ folgendermaßen: „verborgener, nur wenigen bekannter Weg“. Tatsächlich haben bei der Erstellung dieser ganz besonderen Straßenkarte die Bewohner der Krefelder Südstadt geholfen. Sie wurden von den Studentinnen Judith Cleve, Julia Wellmann (beide aus Krefeld) und Jennifer Aksu (Berlin) nach ihren besonderen Schleichwegen und kleinen Alltagsmysterien befragt. Daraus haben sie dann die Schleichwegekarte gemacht. Etwa ein halbes Jahr hatten seinerzeit die Vorbereitungen gedauert.

Weit über 100 Projekte in der Nachbarschaft Samtweberei

Seit 2014 sind weit über 100 solcher Projekte in der Nachbarschaft Samtweberei entstanden. Diese war von der „Montag Stiftung Urbane Räume“ in Zusammenarbeit mit der Stadt Krefeld als Modell für eine „gemeinwohlorientierte Quartiersentwicklung“ vor sechs Jahren angestoßen worden. Einige dieser Projekte, darunter die Schleichwegekarte, hat die gemeinnützige Projektgesellschaft, Urbane Nachbarschaft Samtweberei gGmbH, jetzt in einer Broschüre vorgestellt. „Dieses Heft ist über Menschen, die etwas tun, anpacken, unternehmen, um ihr Viertel lebenswert und sozial zu gestalten“, heißt es im Vorwort.

Man mag es kaum glauben: Das mittlerweile sehr beliebte Kirschblütenfest auf dem Alexanderplatz ist auf diesem Weg 2015 erstmals über die Bühne gegangen. Weitere Aktionen waren das „Wollwerk“, zu dem sich vor allem Frauen zum regelmäßigen Stricken und Häkeln trafen, aber auch der Ernährungsführerschein für Kinder und die Gründung der „Null-Müll-Gruppe“.

Die Schleichwegekarte war 2015 entwickelt worden. Sie war bis zuletzt sehr beliebt, wie unsere Redaktion bei der „Urbanen Nachbarschaft“ in der Samtweberei erfuhr: „Wir haben nur noch zwei Exemplare“, hieß es dort – davon hat aber eines der WZ-Reporter mitgenommen.

Zur Not dient die Karte
auch als Regenschirm

Die Karte hat einige Besonderheiten. Führt sie doch nicht nur zu zehn „Geheimnissen“ des Viertels, sondern sie kann aufgrund des verwendeten Papiers zur Not auch als Regenschirm (in diesem Mai besonders wichtig) und Sonnenschutz verwendet werden.

Einige Schleichwege führen raus ins Grüne, andere quer durch den Block. So geht’s von der Dreikönigenstraße aus in Höhe der Hausnummer 155 durch eine Toreinfahrt, die tagsüber offen steht, an einem ehemals besetzten Haus vorbei zum „Kugel-Platz“ auf dem Hinterhof und von dort weiter zur Marktstraße. Einen „Ausblick mit Keksgeruch“ (der von der Keksfabrik Gruyters oft über dem Viertel hängt) gibt’s beim Spaziergang über die Garnstraße, wo man drei Stufen am Hauseingang 73 hoch gehen muss, um ein altes Speicherhaus gegenüber sehen zu können.

„Urbane Poesie“ erwartet die Schleichweger beim Gang vom Alexanderplatz zum Anna-Frank-Platz entlang alter Häuser und versteckter Quartiere. Und „Go Green“ heißt es zwischen Hubertusstraße und Westwall auf dem „Alten grünen Weg“, der an Garagenhöfen, am Projektraum der Kunstgruppe „35blumen“, auf dem Boden pausierenden Schülern und frisch gepflanzten Studentenblumen vorbei führt.

Die Nutzung der Schleichwegekarte lohnt sich also weiterhin – auch wenn die ein oder andere Kneipe, die darin erwähnt wird, nicht mehr existiert.

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