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Lebenshilfe und Werkhaus: Projekt: Jedes Kind baut sich sein Traumhaus

Lebenshilfe und Werkhaus : Projekt: Jedes Kind baut sich sein Traumhaus

Eine Woche lang entwerfen behinderte Kinder mit Lebenshilfe und Werkhaus eine Stadt.

Krefeld. Aus dem einen Haus aus Karton gucken nur die Beine herraus, die Tür eines anderen ist noch geschlossen: In der bunten kleinen Stadt im Südbahnhof herrscht Morgenstunde. Dann gibt Theaterpädagogin Birgitta Heller-Mevißen das Stichwort. Mit dem Sonnenschein öffnet ein Dutzend Kinder die Türen. Sie kommen heraus, waschen sich Gesicht und Hände, putzen sich die Zähne und strecken ihre Glieder, ziehen Pullover und Schuhe an.

Das alles geschieht mit sehr viel Fantasie, denn nur die Häuser und die Schuhe gibt es wirklich. Die Kinder sind mit dem Programm „Ferien ohne Koffer“ der Lebenshilfe Krefeld eine Woche im Südbahnhof und haben sich unter Anleitung von Künstlerin Beate Krempe und Theaterpädagogin Birgitta Heller-Mevißen eine eigene kleine Lebenswelt geschaffen.

An der Stirnwand hängt ein Schild: Luj-Buetfampaev. So heißt die Stadt der Imagination, der Name gebildet aus den Namen der Kinder. Was sie vermitteln, ist höchst beeindruckend, denn alle haben schwere Behinderungen: Die meisten können sich mit Worten nicht ausdrücken.

Deswegen ist auch Friederike Büschkens von der Lebenshilfe Krefeld mit fünf Übungsleiterinnen dabei. Sie unterstützen, begleiten, organisieren, bereiten die Mahlzeiten, während Beate Krempe und Birgitta Heller-Mevißen den künstlerischen und theaterpädagogischen Part im Rahmen von „Jugendkunstschule“ des Werkhauses übernehmen.

Alle zusammen haben viel erreicht. „Wir haben keinen Druck aufgebaut und auch keine Leistung erwartet“, sagt Birgitta Heller-Mevißen. Denn die Theaterpädagogin weiß, dass Kinder mit Behinderung auf Druck mit Rückzug reagieren. Und die Beteiligten wollen das Gegenteil erreichen. Sie wollen den Kindern eine Ausdrucksmöglichkeit zeigen. „Sie sollten selbst entscheiden, was sie möchten“, sagen Krempe und Heller-Mevißen.

So sind Biografien entstanden, die in den Häusern und den Ergänzungen ihren künstlerischen Niederschlag gefunden haben. Was sich in dieser Woche entwickelt hat, wird den Eltern, Großeltern und Geschwistern vorgeführt.

Was gibt es in einer Stadt, was kann man dort tun, welche Berufe, welche Gebäude gehören dazu? Was für Vorstellungen haben die Kinder? Für die sehbehinderte Jolina ist ihr Häuschen ein Rückzugsort. Sie hat eine Katze auf dem Dach und kann im Haus Musik hören.

Fabienne hat auf ihrem Anwesen zwei Kinder und liebt das Malen — was man auch in ihrem farbenfrohen Garten sieht, den sie mit Anleitung von Beate Krempe geschaffen hat. Für ihren Nachwuchs in einer Wiege aus beklebtem Karton hat Fabienne eine Rassel und ein Duftsäckchen gebastelt.

Tim von nebenan ist Einsiedler. Wie sehr er sich über den Besuch seiner Großmutter freut, ist an seinen Gesten abzulesen. Neben ihm residiert Marco, der seine Liebe zu Raubkatzen mit einem deutlichen Knurren bekundet. Er trägt Zylinder und hat sich einen Zoo gebaut, mit Löwe, Tiger und Papagei. Sein Mitarbeiter ist Luiz von gegenüber: Ein Mann mit Giraffe.

Angelina hat neben zwei bunten Vögeln auch zwei Kinder und zwei Hasen. Nicht zu vergessen ihr Laden, in dem Joghurt, Milch und Käse verkauft werden. Produkte von Paul vis-à-vis, der einen Bauernhof betreibt, direkt neben der Disco von Emir, der seine beiden Haushälften — selbstverständlich mit Parkplatz — mit schön gemustertem Teppich aus Geschenkpapier ausgelegt hat. Eine Seite Job, die andere zum Ausspannen.

Die Verantwortung in dieser Gemeinschaft übernehmen Vincent (Feuerwehrmann) und Lorena (Polizei-Auto und Polizei-Hund). Bruni hat die schönsten Blumen in ihrem Garten und auch einen Elefanten mit großen Ohren. Nachdem die Kinder sich, ihre Häuser und ihre selbstgebastelten Mitbewohner vorgestellt haben, laufen sie hin und her: die Hektik einer Stadt zu passender Musik. Das Gedränge und Geschiebe hat sie so müde gemacht, dass sie sich wieder in ihre Häuschen zum Schlafen zurückziehen. Am Ende gibt es dann ein wenig Unruhe, weil Luiz’ Brille nicht zu finden ist.

Man hätte meinen können, er habe sie versteckt, weil er sein schönes Heim nicht im Stich lassen will. Muss er auch nicht: Der kleine Bruder hat die prächtige Giraffe mitgenommen, die große Schwester das Haus und Luiz seinen selbstbemalten Tisch. Er kann sein Reich bei seiner Familie wieder aufbauen.