Mit Teamwork gegen Gewalt

Zwei benachbarte Schulen arbeiten in einem Projekt zusammen.

Krefeld-Hüls. Die Situation drohte zu eskalieren, als die beiden Jungen aus dem Bus ausgestiegen waren. Kaum hatten sie den Gehweg betreten, bauten sie sich gegenüber auf und waren sofort von ihren jeweiligen Mitschülern umringt.

Fast gleichzeitig bemerkten die Lehrpersonen Ines Baselt von der Robert-Jungk-Gesamtschule und Joachim Anders von der benachbarten Förderschule mit dem Schwerpunkt Hören und Kommunikation das Geschehen und „ihre“ jeweiligen Schüler. Sie eilten hinaus und schlichteten.

Dieser Vorfall war die Initialzündung für die fruchtbare „Kooperation der guten Nachbarschaft“, die jetzt schriftlich fixiert wurde. „Es hatte in der Vergangenheit schon mehrere Vorfälle gegeben“, erklären die beiden Pädagogen. „Die Streitigkeiten beruhten oft auf Missverständnissen, denn hörgeschädigte Kinder agieren anders als normal hörende.“

Ein Beispiel zeigt Anders auf: „Wenn die Hörgeschädigten durch ihre Gebärden ausdrücken, dass sie mit den Eltern Stress haben und böse dabei gucken, kann das für Andere ein Signal für Aggressivität sein. Gesunde Kinder können diese Situationen nicht einschätzen. Sind jedoch diese Verhaltensmuster bekannt, kommen Konflikte erst gar nicht auf.“

Vor etwa drei Jahren hat die Kooperation die ersten Gehversuche gestartet. Sich kennenlernen, damit einer des anderen „Sprache“ verstehe, war der erste Schritt. Baselt: „Zuerst besuchten uns Schüler der sechsten und siebten Klassen der Förderschule. Bei der Vorstellungsrunde mit Fingeralphabet entstanden Neugier und Interesse. Die Reaktionen waren sehr positiv.“

Dann fanden sich die Kinder zu Gruppenarbeiten zusammen. Über die Themen „Meine Hobbys“ und „Mein Haustier“ kamen sich die Schülerinnen und Schüler näher. Große Plakate entstanden. „Das Meerschweinchen ist klein“, „Katzen schlafen den ganzen Tag“ und „Es gibt verschiedene Pferderassen“, steht darauf geschrieben. Maibritt, Yasemin, Julian, Marc, Kübra und Bianca haben daran gearbeitet. Danach startete der Rundgang durch die Schule. Er endete bei Plätzchen und Limo.

Beim Gegenbesuch fanden die gesunden Kinder mit Ohrstöpseln heraus, wie es ist, hörgeschädigt zu sein. „Es ist schwer, sich zu orientieren“, lautete ein Kommentar. Baselt: „Die Kinder haben Respekt bekommen.“

Kontakte entwickeln sich auch auf anderen Ebenen. Es wird gemeinsam gelernt und Sport getrieben. Fußball steht ganz obenan. Gegenseitige Besuche zum Schulfest sind erfolgt und das beste Ergebnis beschreibt Anders: „Seit dieser Kooperation hat es keine Vorkommnisse mit Aggression oder Gewalt mehr gegeben.“

Mehr von Westdeutsche Zeitung