Das kleine „Angstmonster“ nicht ernst nehmen

Das kleine „Angstmonster“ nicht ernst nehmen

Die ehemalige Angstpatientin Alexandra Reiners hat zwei Bücher verfasst und eine Selbsthilfegruppe gegründet.

Fischeln. Den 17. November vor 16 Jahren wird Alexandra Reiners nie vergessen. "Ich bekam ganz plötzlich Atemnot, dann Herzrasen und mir wurde schwindelig", sagt die heute 37-Jährige. Erst denkt sie an einen Herzinfarkt.

Doch der Krankenhaus-Arzt sagt wenig später zu ihr den Satz, der sie ihr ganzes weiteres Leben begleiten wird: "Keine Angst, es ist nur Angst." Diagnose: Angstpatientin. Was folgt, ist eine schwierige Zeit, die schwierigste ihres Lebens. Sie hat mehrere Attacken pro Tag, weiß nicht mehr, wie sie vor die Tür gehen soll. Bis zum 17. Dezember, dem Wendepunkt: Sie beschließt, sich in einer Klinik behandeln zu lassen.

"Während der Zeit in der Klinik konnte ich mich nicht verstellen. Ich habe mich quasi mit nackter Seele vor die Ärzte gestellt und gesagt: Macht, dass das weggeht", erinnert sie sich. Die Attacken gingen - weil Alexandra Reiners stetig daran arbeitete, übte, reflektierte. Sie hat mittlerweile eine Selbsthilfegruppe für Angstpatienten in Fischeln gegründet und zwei Bücher über die Angst-Zeit geschrieben.

Ungewöhnliche Bücher, die einen anderen Blickwinkel offenbaren: "Keine Angst - es ist nur Angst. Oder: Humor ist, wenn man nachher drüber lacht!" und "Kopfsalat. Oder: Der Versuch meine Angst zu verstehen", das in fünf Wochen erscheint.

Humor. Sarkasmus. Lachen. Das ist es, was ihr in vielen Situationen geholfen hat: Sie versucht, ihr kleines "Angstmonster", wie sie es nennt, weniger ernst zu nehmen. Und da gibt es so manche Situation, über die sie später schmunzeln muss. Beispielsweise das Erlebnis im Restaurant.

Da spürt sie eine Attacke kommen. Sie will nur noch raus, bestellt die Rechnung und zahlt - danach verabschieden sich zahlreiche Kellner mit Blumengeschenken, warmen Handtüchern und freundlichem Winken von ihr. Sie fragt sich verwundert: "Warum die Kellner so entgegenkommend sind?" Die Antwort ihrer Freundin: "Kein Wunder, du hast 20 Euro Trinkgeld gegeben und gesagt, stimmt so!" Einfach nur, weil sie schnell weg wollte.

Oder der Besuch beim Friseur. Ein Auszug aus ihrem ersten Buch: "Ich bin nicht geflüchtet, muss aber während meiner Bearbeitung vollkommen verkrampft und schief im Stuhl gesessen haben. Das Ergebnis war ein asymmetrischer Haarschnitt, mit dem ich wahrscheinlich in Paris den großen Coup gelandet hätte.
In Krefeld dagegen sah er bescheuert aus."

Therapeutisch gesehen war der Besuch ein Erfolg - hier zählt nicht, wie man sich in den Übungen verhält, sondern dass man sich seinen Ängsten stellt.

Und heute? Alexandra Reiners weiß, dass es unzählige Gründe für ihre Angst gibt: die Scheidung ihrer Eltern, das Gefühl, nicht von ihrem Vater geliebt zu werden. Und es gibt genauso viele, sie zu bekämpfen: die Liebe ihres Mannes, ihres 16-jährigen Sohnes und ihrer Mutter.

Sie hat Abschiedsbriefe an ihre Angst verfasst: darin stehen Sätze wie "wir können ja Freunde bleiben", und "meld dich mal, wenn du in der Nähe bist." Aber ebenfalls: "Danke für den Mut, neue Wege zu gehen." Auch diese Briefe helfen ihr, mit der Angst umzugehen.

Mittlerweile lebt sie seit zehn Jahren "angstfrei". In der Klinik, in der sie früher behandelt wurde, leitet sie nun eine Selbsthilfegruppe. Der Grund: "Als ich damals eine Gruppe suchte, habe ich keine gefunden."

Also gründet sie diese im März kurzerhand selbst. Außerdem macht sie eine Ausbildung zur Heilpraktikerin für Psychotherapie. Danach will sie eine eigene Praxis für Angst- und Depressionspatienten eröffnen.

Angst zu haben und sich ihr zu stellen, wird immer ein Teil ihres Lebens bleiben. Doch heute kann sie diesen Teil annehmen.

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