Baumwollspinnerei: Vor 30 Jahren rückte der Abrissbagger an

Baumwollspinnerei: Vor 30 Jahren rückte der Abrissbagger an

Ende eines ungeschützten Industriedenkmals: 1978 wurde das ausgebrannte Gebäude an der Spinnereistraße abgerissen.

Krefeld. Am 1. Februar jährt sich zum 30. Mal der Abrisstag der "Crefelder Baumwollspinnerei". Die markante, schlossartige Industriearchitektur des Gebäudes der 1897 gegründeten Baumwollspinnerei ragte bis Anfang Februar 1978 in den Krefelder Himmel. Nach einem schweren Brand wurde der schon 1971 stillgelegte Betrieb schließlich abgerissen. Die Baumwollspinnerei war gegründet worden, um die englischen Importe hochwertiger Garne durch einheimische Produkte wie Zwirne und Baumwollgarne zu ersetzen. In der Expansionsphase der deutschen Textilindustrie Ende des vorigen Jahrhunderts war das eine wichtige wirtschaftspolitische Entscheidung in Krefeld. Mit der Gründung der Crefelder Baumwollspinnerei sind etliche traditionsreiche Namen verbunden: Deussen, Krüsemann, Leendertz, Müller-Brüderlin, Oetker, Scheibler, Schelleckes, Seyffardt. Die Produktionskapazität war anfangs auf 60 000 Spindeln angelegt, die schon kurz nach der Jahrhundertwende erreicht war. Arbeitskräfte warb man in Böhmen an. Für sie wurden Werkswohnungen an der Spinnerei- und Ulmenstraße gebaut. Im Jahr 1903 schrieb man erstmals schwarze Zahlen und 1908 wuchs die Kapazität bereits auf 71 000 Spindeln. Der 1. Weltkrieg brachte die Produktion zeitweise zum Erliegen. Nach neuem Start zahlte die Firma 1920 wieder eine Dividende von 20 Prozent. Die Belegschaft umfasste derzeit 550 Mitarbeiter. In den 50er Jahren gab es an der Spinnereistraße sogar 1 350 Arbeitsplätze. Im folgenden Jahrzehnt verschlechterte sich die Ertragslage jedoch rapide. Die große Textilkrise ließ auch die Baumwollspinnerei, die längst in auswärtige Konzernhände übergegangen war, nicht verschont. 1971 war Schluss. Das rund 23 000 Quadratmeter große Gelände erwarb die Stadt für neuen Wohnungsbau. Der Abbruch des Industriedenkmals, das noch keinen Schutz genoss, kostete damals rund 350 000 Mark. Der Südbezirk sollte mit Eigentumsbildung aufgewertet werden. Wohnstätte und Niederrheinische Baugesellschaft bauten Eigentums- und Mietwohnhäuser. An der Ulmenstraße wurden die denkmalwürdigen Arbeiterhäuser restauriert und verkauft. Ein Wohnviertel löste so die traditionsreiche Betriebsstätte ab.

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