Stadtteil-Check Linn: In der Burgstadt ist die Zeit ein bisschen stehen geblieben

Stadtteil-Check Linn: In der Burgstadt ist die Zeit ein bisschen stehen geblieben

Stadtteil-Spaziergang: Vorbei an „Quasseltüren“ und altem Gemäuer bis hin zum jüdischen Friedhof: Mit Hans-Werner Kevenhörster durch Linn.

Krefeld-Linn. Die Spaziergänger stolpern in Linn nicht nur über Kopfstein- und Kaienpflaster - im Boden eingelassene einzelne Steine -, sondern bei Schritt und Tritt über Jahrhunderte alte Geschichte. Glauben sie, an der Margaretenstraße mit den Nummern 21 und 19 die ältesten Häuser des Ortsteils aus den Anfängen des 17. Jahrhunderts gefunden zu haben, mit Klinkern, die "Kölner Riemchen" heißen, quer geteilter "Quasseltüre" und kleinteiligem Fachwerk, stammt Nummer 17 in Teilen sogar von 1426 und ist damit noch älter. "Untersuchungen der alten Hausbalken belegen das", weiß Hans-Werner Kevenhörster, der seit 32 Jahren im denkmalgeschützten Ortskern wohnt und alle Linner mit Vor- und Zunamen zu kennen scheint.

"Die Geländer mit den Schlangenköpfen an den Hauseingängen sollen Böses abwehren." (Hans-Werner Kevenhörster)

Das Prunkstück des idyllischen Städtchens ist natürlich die schöne Wasserburg Linn, ehemals eine kurkölnische Landesburg. Sie ist eine der ältesten Burgen des Niederrheins und die Linner sind ziemlich stolz auf das alte Gemäuer der Ritter von Linn. Teile der bestehenden Anlage reichen bis in das 12. Jahrhundert zurück. In ihrer heutigen Gestalt stammt sie größtenteils aus dem Jahrhundert danach. Der Südflügel und die niedrige äußere Wehrmauer datieren aus dem 15. und 16. Jahrhundert.

Wenn sie in der Dunkelheit angestrahlt wird, oder tagsüber inmitten grüner Bäume und Wiesen liegt, bietet sie ein prunkvolles Bild früherer Zeiten. Die Vergangenheit wird sogar einmal im Jahr lebendig. Immer wenn der Flachsmarkt zu Pfingsten seine Tore öffnet, verwandeln sich Burg und Städtchen in eine schön geschmückte mittelalterliche Touristenattraktion erster Güte. Hunderttausende pilgern dann zu Steinmetzen und Hufschmieden, um altes Handwerk zu bestaunen. Die Linner Trachtengruppen bieten dazu den passenden Rahmen.

Von den weltlichen Herrschern der Ritter von Linn zur Kirchengeschichte. Sie ist ein wichtiger Teil des Städtchens. Auch hier gilt: Was alt ist, ist noch längst nicht das Älteste. Beispiel ist die katholische Pfarrkirche aus dem 13. Jahrhundert, deren freigelegte Mauerrelikte eingezäunt im Boden des Margaretenplatzes zu sehen sind. Rundherum verdeutlichen in das Pflaster eingelassene Fliesen den früheren Umriss von Kirche samt Ausbauten. Kevenhörster: "1814 ist das Gotteshaus eingestürzt, weil das Fundament durch den Lauf des Mühlbachs darunter keine Gründung hatte."

"Auch für die versunkene Kirche gibt es eine Steigerung: Die ,Alde Kerk" hinter Haus Greiffenhorst wurde durch Hochwasser zerstört. Das war 1279." (Hans-Werner Kevenhörster)

Die Glocken wurden übrigens in einem Heldenstück aus dem versinkenden Gotteshaus des Dorfes gerettet, indem mutige Männer sie aus dem schon zerfallenden Glockenturm holten. Sie läuten noch heute von St. Margareta herab. "In dieser Kirche befindet sich das Linner Kreuz, um das natürlich auch eine alte Geschichte rankt", erzählt Kevenhörster.

"Das große Holzkreuz wurde im Feld gefunden und sollte per Pferdewagen nach Uerdingen gebracht werden. Doch am Ende Linns wollten die Pferde nicht mehr weiter, nicht nach Uerdingen. So blieb es hier", sagt er schmunzelnd. "Es wird bei der Kreuzoktav am neuen Kreuzweg vorbei getragen, der am äußeren Graben entlangführt vom Heimatbrunnen bis zur Rheinbabenstraße vor der Burg." Am Kalvarienberg steht auf der Rasenfläche übrigens noch ein einziges steinernes mit Säulen verziertes Monument des alten Kreuzwegs.

Dann geht der Spaziergang zum Jüdischen Friedhof an der Straße Am Kreuzweg. Etwa 50 Grabsteine stehen dort auf dem Rasen. Kevenhörster: "Juden in Linn sind seit 1621 belegt. Diesen Friedhof für Linn und die umgebenden Gemeinden gibt es seit 1751." Die Synagoge von 1865 an der Rheinbabenstraße wurde in der Reichskristallnacht zerstört. Eine Gedenkplatte erinnert an das Gebäude. Heute stehen an dieser Stelle neue Wohnhäuser, in deren Hof jedoch das alte Kantorenhaus schön restauriert, erhalten und bewohnt ist.

Beim Rundgang durch Linn trifft Kevenhörster überall Leute, die ihre geschichtsträchtigen Häuser umbauen, sanieren oder liebevoll pflegen. Die Tour geht natürlich nicht zu Ende ohne einen Blick auf den Andreasmarkt. Hier sitzen die Anwohner wie seit alters her Feierabends auf der Bank vor der Tür und schwätzen. "Hier am Andreasmarkt ist das schönste Plätzchen von Linn", ist sich Anwohnerin Else Winkmann sicher. Viele Jahre lang hat sie mit ihrem Mann die Gaststätte "Be de Bur" betrieben. Mitten im historischen Stadtkern von Linn, der einfach nur bildschön ist.

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