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Sexuelle Belästigung auf Krefelds Straßen wird nur selten gemeldet

Zwischen Flirt und Grenzüberschreitung : Sexuelle Belästigung auf Krefelds Straßen wird nur selten gemeldet

Obwohl junge Mädchen und Frauen verstärkt aggressives „Anbaggern“ in der Öffentlichkeit erleben, ist die Zahl der angezeigten Fälle in Krefeld gering. Politik, Stadt und Wohlfahrtsverbände wollen Sicherheitsgefühl stärken.

Nach den Ereignissen in der Silvesternacht 2015/2016 in Köln ist sexuelle Belästigung ein Straftatbestand. Die Krefelder Polizeioberkommissarin Katrin Wentker ist für das Thema sensibilisiert und weist im Gespräch mit unserer Redaktion auf die neuen gesetzlichen Möglichkeiten hin. Anlass dafür sind Vorkommnisse überwiegend in der Krefelder Innenstadt, in denen Mädchen und junge Frauen von männlichen Jugendlichen oder jungen Männer bedrohlich „angebaggert“ werden.

In Gruppen versperren sie Mädchen und jungen Frauen den Weg, umringen sie sehr nah, fotografieren sie und fragen nach ihrem Namen, Handynummer oder Instagram-Namen. In einzelnen Fällen komme es zu Berühungen. Der nach Münster gewechselte Polizeipräsident Rainer Furth hatte im Interview von solchen Vorfällen erzählt, die er beobachtet und bei denen er eingegriffen habe. Das Vorzeigen seines Dienstausweises habe die Situation oft schnell gelöst.

Polizei rät, in unangenehmen Situationen den Notruf zu wählen

Die Polizei rät in solch unangenehmen Situationen, sofort den Notruf zu wählen, auch wenn sich die Gruppe schon entfernt hätte. „Denn nur wenn die Polizei Kenntnis davon hat, kann sie auch reagieren, einschreiten und helfen“, sagt Katrin Wentker. Die Polizei sei schließlich auch für Gefahrenabwehr zuständig. Die Bewertung des Sachverhaltes übernähmen die Einsatzkräfte der Polizei vor Ort. „Ob das Verhalten auch strafbar ist, spielt zunächst eine untergeordnete Rolle“, sagt Katrin Wentker.

Die Zahl der Fälle angezeigter sexueller Belästigungen ist in den vergangenen drei Jahren leicht rückläufig. Im Jahr 2017 sind der Polizei 41 Fälle bekannt geworden, im Jahr 2018 waren es 38. Hier waren die nicht deutschen Tatverdächtigen mit 42 Prozent zwar überproportional (gemessen an ihrem Anteil an der Krefelder Bevölkerung) vertreten, die überwiegende Zahl der Tatverdächtigen hatte jedoch den deutschen Pass. Im vergangenen Jahr sind 33 Fälle sexueller Belästigungen bekannt geworden, von denen mehr als die Hälfte geklärt sind.

Bezogen auf die Innenstadt im vergangenen Jahr waren es 13 Fälle mit Frauen unter 21 Jahren als Opfer. Sechs der Taten fanden in öffentlichen Verkehrsmittel beziehungsweise am Hauptbahnhof oder an einer Haltestelle statt.

In sieben Fällen wurden die Frauen auf offener Straße belästigt, darunter drei Mal im Umfeld von Diskotheken, der Kirmes beziehungsweise einem Schnellrestaurant.

Neun Frauen meldeten der Polizei die Belästigung per Notruf. „Aufgrund der Notrufe konnten wir sechs der Fälle klären“, berichtet Wentker. Sie vermutet, dass die Zahl der nicht angezeigten Fälle tatsächlich aber höher liegt.

Dass die offizielle Zahl so niedrig ist, wundert Therese Fröschen von der Krefelder Frauenberatungsstelle ebenfalls nicht. Sie erinnert an die „#metoo“-Debatte. Unter diesem Hashtag ermutigte die Schauspielerin Alyssa Milano in sozialen Medien im Rahmen des Weinstein-Skandals betroffene Frauen, mit Tweets auf das Ausmaß sexueller Belästigung und sexueller Übergriffe aufmerksam zu machen. Der Hashtag wurde millionenfach weltweit verwendet.

„Dieses massive Bedrängen von Mädchen und jungen Frauen ist eine Grauzone – ohne genug deutliche Gewalt. Mit ihr würden es die Frauen auch klar als Grenzüberschreitung erkennen“, sagt Therese Fröschen. Aus der alltäglichen Arbeit mit Mädchen und Frauen mit Gewalterfahrung, Missbrauch und sexuellen Traumata wissen sie und ihre Kolleginnen um die Verdrängungsmechanismen. „Ehe Frauen etwas als ganz klare Grenzüberschreitung benennen, neigen sie dazu, es zu bagatellisieren und wegzupacken.“ Bis zu dem Punkt, an dem es nicht mehr geht.

Grat zwischen Flirt und Grenzüberschreitung ist schmal

Aber wo ist die Grenze? „In der Situation selbst spüren Mädchen wie Frauen genau, ob das Anflirten oder eine unangenehme Komponente dabei ist.“ Wenn die übliche Distanz nicht eingehalten wird, diejenige ohne Einwilligung fotografiert, bedrängt und belästigt wird, ist die Grenze überschritten. „Bei heranwachsenden Mädchen ist das oftmals noch eine Gratwanderung zwischen sich geschmeichelt fühlen und spürbarer Abwehr“, erklärt die Mitarbeiterin der Frauenberatungsstelle die Gefühlswelt. Sie möchte Betroffene ermutigen, ihrem Gefühl zu vertrauen und deutlich Nein zu sagen zu solchen Grenzüberschreitungen. „Wenn ein Mädchen sagt, ich will das nicht, müssen auch die Jungs und jungen Männer lernen, anders mit dem anderen Geschlecht umzugehen.“

Bei heranwachsenden Männern sei ein solches Verhalten oftmals noch ein Kommunikationsproblem. Bei sich wiederholenden Grenzüberschreitungen gehe es bei den Männern nicht mehr um Sympathie für die Frau, sondern eher um das Gefühl der Macht, was auch etwas Lustvolles für sie haben könne.

Die Frauenberatungsstelle hat ein Jugendprojekt entwickelt mit dem Titel „Liebe ist . . .“, mit dem sie in Schulklassen geht „Es geht dabei um die spannende Frage, wie geht man miteinander um und wo entwickelt sich etwas, das grenzüberschreitend ist und langfristig Gewaltstrukturen haben kann“, erzählt Fröschen. Gemeinsam mit Mädchen und Jungen werde über das Thema gesprochen – und somit auch ein Stück Orientierung geboten. Auch die städtische Jugendhilfe gemeinsam mit den Wohlfahrtsverbänden will die Präventionsarbeit im Bereich „Sexualisierte Gewalt“ zukünftig intensivieren und ausbauen. In einem Pressegespräch am kommenden Montag wird Beigeordneter Marcus Schön darüber berichten.

Im Ausschuss für Verwaltung, Vergabe, Ordnung und Sicherheit wird am Donnerstag außerdem über einen Antrag der CDU beraten. Danach soll die Stadtverwaltung mitteilen, wie sie das individuelle Sicherheitsempfinden von Frauen in der Innenstadt in den Abend- und Nachtstunden erhöhen will. Auch wenn die bekannt gewordenen Fälle von sexueller Belästigung im Vergleich zu anderen Städten offiziell eher gering sind, wollen alle Beteiligen das Sicherheitsgefühl von Mädchen und Frauen, letztendlich aber für alle Bewohner Krefelds erhöhen.