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Schulbuch zum Thema Integration: Yousef räumt mit Vorurteilen auf

Schulbuch zum Thema Integration: Yousef räumt mit Vorurteilen auf

Tagrid Yousef hat ein Schulbuch zum Thema Integration geschrieben: Wie wichtig die Wertschätzung der Familiensprache ist, erklärt die Autorin im Interview.

Krefeld. Tagrid Yousef ist Leiterin des Kommunalen Integrationszentrums der Stadt. Sie hat ein Buch geschrieben, das Lehrkräften Tipps gibt, wie sie Schüler mit Migrationshintergrund fördern können. Es bietet Hilfe bei Themen wie Stärkung der interkulturellen Kompetenz, Aktivierung der Eltern als Bildungspartner und Förderung der Sprachkompetenz. Welche Bedeutung Sprache bei der Integration hat, erzählt sie im Interview.

Frau Yousef, Sie haben ein Handbuch geschrieben, das Lehrern in Integrationsfragen helfen soll. Wie kam es dazu?

Tagrid Yousef: Ich habe seit 2004 Fortbildungen für Lehrer gemacht, zum Thema Schule und Integration. Der Schulbuchverlag Cornelsen kam auf mich zu und hatte die Idee dazu. Und ich fand es spannend und habe es dann, gemeinsam mit meiner Freundin Susanne Munz-Thießen, auch umgesetzt.

Warum brauchen Lehrerinnen und Lehrer solch ein Handbuch?

Yousef: Ich habe es selbst erlebt, wie Kollegen im Lehrerzimmer auf mich zu kamen, mit Fragen zu Schülern, meist mit Zuwanderungsgeschichte, mit der Frage, ob ich da nicht weiterhelfen kann. Ich habe in diesem Buch viele Erfahrungen aufgeschrieben — nicht nur aus meiner Lehrtätigkeit an den Berufsschulen in Duisburg und in Düsseldorf, aber eben auch.

Und was sind das so für Erfahrungen, die Sie an den Berufsschulen gemacht haben?

Yousef: Für mich ist es selbstverständlich, dass ich ein bisschen etwas über die Schüler weiß. Wenn ich zum Beispiel ganz viele türkische oder türkischstämmige Schüler habe, ist es wichtig, etwas über die Türkei zu wissen, über die Kultur und Religion der Schüler. Das gehört als Lehrer zu einer guten Beziehungsarbeit dazu. Diese Informationen sind wichtig, damit ich Schülern auf Augenhöhe begegnen kann und sie auch im Lernen überzeugen kann. Ich habe zum Beispiel immer einen Koran im Lehrerzimmer gehabt. Wenn mir dann ein Schüler oder eine Schülerin erklären wollte, dass bestimmte Dinge im Islam verboten seien, dann habe ich den Koran rausgeholt und gesagt, sie sollen mir zeigen, wo das steht. Die meisten sind damit überfordert. Häufig werden solche Informationen lediglich irgendwo aufgeschnappt und ungefiltert weitergegeben.

Ist das nicht ein Vorteil, dass Sie das Wissen aus den verschiedenen Kulturen, Religionen und Sprachen mitbringen?

Yousef: Sicherlich. Mit meinen Fortbildungen, dem Buch und der Unterstützung aus dem Kommunalen Integrationszentrum möchte ich, möchten wir diese Erfahrungen und dieses Wissen gerne weitergeben.

Sie kommen aus einer palästinensischen Familie. Als Sie nach Deutschland kamen, waren Sie eineinhalb Jahre alt. Hier sind Sie zweisprachig aufgewachsen. Wieso ist es wichtig, dass Kinder ausländischer Eltern die Muttersprache vermittelt bekommen?

Yousef: Kurz gesagt, weil Kinder Sprachen sehr schnell lernen. Die Familiensprache bildet beim Erlernen ein Grundgerüst im Gehirn, weil das die Sprache ist, mit der die Kinder häufig zuerst konfrontiert werden. Auch wenn Kinder noch nicht sprechen können, hören sie Sprache, und erste Verknüpfungen im Gehirn werden gebildet. Darauf bauen die nächsten Erfahrungen mit Sprache auf. Wichtige Hirnregionen sind dabei das Broca-Areal (prüft die Worte grammatikalisch) und das Wernicke-Areal (misst die Bedeutung der Wörter). Beide sind eng miteinander verknüpft und mit den Gehirnarealen, die zum Beispiel für die Mundmotorik oder die Lautbildung zuständig sind. Daher ist auch muttersprachlicher Unterricht so wichtig. Kinder lernen sehr früh, zwischen den Sprachsystemen hin- und herzuschalten. Dadurch gelingt es auch besser, zwischen den Kulturen hin- und herzuschalten. Auch ich kann ja jetzt mitten im Interview, ohne großartige Probleme, ins Arabische oder Englische wechseln, ohne die Sprachen zu vermengen.

Das Gegenargument lautet an dieser Stelle, dass diese Kinder zwei Sprachen können, aber beide nicht sehr gut.

Yousef: Das ist eine falsche Annahme. Ich habe mich im Studium auf die Hirnforschung spezialisiert und kann mich nur noch einmal wiederholen: Unser Gehirn ist ein sehr leistungsfähiges Organ. Es muss gefüttert werden. Wie gesagt, Kinder lernen sehr schnell. Das Sprachzentrum im Gehirn kann vergleichen. Den Ton, den Inhalt, wie etwas aussieht, wie es sich anfühlt. Das geschieht visuell, haptisch, ist aber auch mit Gefühlen verbunden. So setzt sich das auch im Gehirn fest. Durch dieses Vergleichen lernt das Gehirn zu differenzieren.

Wichtig ist dabei, und da wiederhole ich mich, dass man es richtig macht. Wenn Eltern zweisprachig sind, dann sollte sich ein Elternteil auf die eine Sprache, der andere auf die andere Sprache konzentrieren. Kinder, die so aufwachsen, nennt man simultan bilinguale Kinder. Kinder, die sukzessiv zweisprachig aufwachsen, lernen in den ersten drei Jahren lediglich ihre Familiensprache. Die zweite Sprache kommt dann erst im Kindergarten dazu. Und genau an dieser Stelle muss man dafür sorgen, dass die Kinder in der Kita die deutsche Sprache lernen, indem man auch die Eltern mit einbindet, aber gleichzeitig die Familiensprache nicht vernachlässigt. Ich weiß, das ist eine sehr große Herausforderung, aber eine sehr wichtige Aufgabe, damit die Sprachen gut und richtig ausgebildet werden.

Manche beklagen, dass Kinder auf dem Schulhof kein Deutsch sprechen. Sie fordern, dass auf den Schulhöfen keine andere Sprache gesprochen wird. Was halten Sie davon?

Yousef: Wenn ich einem Kind auf dem Schulhof verbiete, eine andere Sprache zu sprechen, sagen wir Türkisch oder Arabisch, dann nehme ich ihm einen Teil seiner Identität weg. Die Wertschätzung der Sprachen, gerade in der Schule, ist enorm wichtig. Wenn Kinder diese Wertschätzung erfahren und sich nicht ausgegrenzt fühlen, weil Sprachen unterschiedlich gewichtet werden, zum Beispiel Englisch und Französisch sind „gute“ Sprachen, Arabisch, Türkisch oder Bulgarisch sind „schlechte“ Sprachen, dann führt das zur Ausgrenzung und dazu, dass sich Kinder zurückziehen und vielleicht auf dem Schulhof dann auch in Grüppchen stehen. Übrigens lernen Menschen ein Leben lang. Nur in unterschiedlichen Geschwindigkeiten.

Haben Kinder, die nicht Deutsch als Muttersprache haben, keine Nachteile?

Yousef: Das haben sie definitiv nicht, nein. Wenn Inhalte in einer anderen Sprache abgespeichert sind, ist das sehr gut. Schüler können sich dann im Unterricht gut unterstützen. Wenn ein Schüler die Photosynthese im Biologieunterricht nicht so gut verstanden hat, ein Mitschüler mit gleicher Familiensprache aber sehr gut, dann darf er diesen Unterrichtsinhalt auch in der anderen Sprache erklären. Wichtig ist dann später, dass natürlich die Fachbegriffe beherrscht werden. Aber das geschieht in der Regel ohne großartige Probleme. Für mich war es immer wichtig, dass die Schüler im Unterricht lernen und das Ziel erreichen. Wie sie das schaffen, ist erst einmal zweitrangig. Um eine Matheaufgabe zu lösen, gibt es viele Wege. Hauptsache, das Ergebnis ist am Ende richtig.