Schüler und Historiker erforschen Diskriminierung von Homosexuellen in Krefeld und Venlo

„Roze Zatertag“ in Venlo und Krefeld: Schwul ist oft ein Schimpfwort - Schüler und Historiker erforschen Diskriminierung von Homosexuellen

Schwul – das ist unter jungen Leuten vielfach ein Schimpfwort. Dass die Diskriminierung von der NS-Zeit bis zur Gegenwart reicht, wird in Krefeld in diesen Tagen gleich mehrfach dokumentiert.

„Muss das in der Öffentlichkeit sein?“ „Solche Sauereien sollen Kinder nicht sehen!“ „Schämen Sie sich nicht?“ Äußerungen wie diese bekommen auch im Jahr 2019 junge Leute zu hören, die schwul oder lesbisch sind. Das hat René Kaiser, Fachreferent mit dem Schwerpunkt geschlechtliche Vielfalt bei der NRW-Fachberatungsstelle „gerne anders!“, durch Befragungen in verschiedenen „Together-Treffs“ in NRW herausgefunden, von denen es auch eines in Krefeld gibt. Und es geht noch schlimmer: „Du gehörst vergast“ – dass so etwas im Krefeld von heute offen gesagt wird, hat Sandra Franz, Leiterin der NS-Dokumentationsstelle Villa Merländer, regelrecht schockiert. Es sei besorgniserregend, dass solche Äußerungen ebenso wie auch antisemitische Beleidigungen heutzutage noch immer möglich seien.

Diskriminierung reicht bis in die Gegenwart

Schwul – das ist unter jungen Leuten vielfach ein Schimpfwort. Dass die Diskriminierung von der NS-Zeit bis zur Gegenwart reicht, wird in Krefeld in diesen Tagen gleich mehrfach dokumentiert. Den Anlass bietet die Beteiligung am „Roze Zaterdag“, der am 29. Juni zum ersten Mal in seiner Geschichte grenzüberschreitend stattfindet, und zwar in den Partnerstädten Venlo und Krefeld.

Die Veranstaltung wirbt jährlich in einer anderen niederländischen Stadt für ein tolerantes Miteinander mit Schwulen, Lesben, Transgenders, Intersexuellen und anderen sexuellen Minderheiten. Bis zum Roze Zaterdag finden im Roze Jaar in Venlo und Krefeld verschiedene Veranstaltungen statt.

Nach der Stolpersteinverlegung für Johannes Winkels in der vergangenen Woche (der Homosexuelle starb 1943 im KZ Sachsenhausen) folgt in diesem Rahmen am Donnerstag – also am Valentinstag – eine Diskussionsrunde im Glasfoyer des Krefelder Theaters unter der Überschrift „Dis(s)-Kurs“.

Auch Richard Merländer war homosexuell

Wie Thomas Tillmann, Lehrer am Gymnasium Fabritianum, dazu erläutert, spielt der Titel bereits auf das „Dissen“ an, das in der Jugendsprach so viel wie „schlecht machen“ bedeutet. Ab 17 Uhr gibt es einen Vortrag von Sandra Franz über die Verfolgung von Homosexuellen in der NS-Zeit sowie im Anschluss eine offene Diskussionsrunde. Außerdem gibt es Ausschnitt einer szenischen Lesung, die ein Kurs des Fabritianums unter der Leitung von Tillmann vorbereitet hat. Titel: „Richard Merländer spricht (nicht).“ Denn auch der Erbauer der Villa Merländer, als Jude im KZ ermordet, war homosexuell.

Die Veranstaltung im Theater, die sich nicht nur an junge Leute richtet, wird von der Historikerin Sabine Reimann moderiert. Diese ist derzeit am Forschungsprojekt „Venlo-Krefeld in den 1930-er Jahren“ beteiligt, das sich bis zum Sommer mit schwul-lesbischem Leben zur Zeit des Nationalsozialismus beschäftigt. Die Nazis hatten sogar eine „Reichszentrale zur Bekämpfung der Homosexualität und Abtreibung“ eingerichtet.

Die Geheime Staatspolizei verfolgte schwule Männer gnadenlos – in den besetzten Niederlanden wurden aber offenbar, so die bisherigen Forschungsergebnisse, die entsprechenden Gesetze nicht konsequent angewandt. In Venlo selbst konnten bislang aber wenige historische Belege aufgefunden werden. Aus Gestapo-Akten konnte Sabine Reimann aus Krefeld fünf homosexuelle Männer ermitteln, die ins Konzentrationslager gekommen sind. „Mindestens zwei davon kamen dort ums Leben.“ Und auch zur Geschichte eines schwulen NSDAP-Funktionärs, der von eigenen Leuten verraten wurde, hat sie recherchiert. Dünn ist bisher die Quellenlage über das Schicksal lesbischer Frauen, die nicht offen nach Paragraf 175 verfolgt wurden.

Sabine Reimann ist mit Blick auf die Verfolgung von Homosexuellen auf der Suche nach weiteren Hinweisen und Quellen aus der NS-Zeit in Krefeld: „Ich bin für jeden Hinweis dankbar.“ Denn das ganze sei ein Stochern im Heuhaufen. Wer ihr helfen kann, sollten sich per E-Mail an die Villa Merländer wenden:

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