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Risikoeinschätzung: Geophysiker hat historische Krefelder Erdbeben entdeckt

NATURGEWALT : Bei Stärke 3 gibt es Erdbebenalarm

Seit Beginn der Messungen lagen zweimal Epizentren in Krefeld. Zwei zusätzliche historische Ereignisse hat Geophysiker Dr. Klaus Lehmann vom Geologischen Dienst an der De-Greiff-Straße entdeckt. Auch sie machen die Einschätzung der Risiken in NRW leichter.

Wie ein großes roter Knubbel sammeln sich ein paar Zickzacklinien zwischen ansonsten fast schnurgeraden Streifen auf den Monitoren an der Wand. In Blau, Rot, Schwarz wechseln sich die restlichen Schnüre ab. Es ist also weiter nichts passiert in den vergangenen Stunden. Bis auf den Knubbel. „Das war ein Erdbeben in Ostwestfalen“, sagt Dr. Klaus Lehmann vom Geologischen Dienst NRW in Krefeld mit Blick auf die Ausschläge, „knapp unter der fühlbaren Grenze, nicht ungewöhnlich, aber selten.“ Die fühlbare Grenze liegt bei einer Magnitude – also Erdbebenstärke – von 2 bis 3.

Wäre das Beben stärker gewesen, wäre sofort der Notfallplan ausgelöst worden. Seit 2015 ist das Erdbebenalarmsystem NRW scharf gestellt. „Sobald irgendwo eine Magnitude von 3 erreicht wird, geht eine automatische E-Mail ans Innenministerium, das die Information über die Lagezentren an Polizei und Feuerwehr meldet“, berichtet der Leiter des Fachbereichs 34 des Geologischen Dienstes, der für den Landeserdbebendienst zuständig ist. „Wohlgemerkt gibt es bei einer Magnitude von 3 noch keine Schäden, aber es könnte schon Anrufe besorgter Menschen geben, die dann beruhigt werden können“, berichtet Lehmann.

Seit das System läuft, habe es allerdings nur einen Alarm gegeben. Am 26. Mai 2018, 0.46 Uhr, wurde ein Magnitude von 3,2 gemessen. Epizentrum, also der Punkt an der Oberfläche, unter der das Erdbeben „zuckte“: Weert in den Niederlanden. Bis zu 35 Kilometer weiter, also auch auf deutscher Seite – im Selfkant –, war es zu spüren. „Schäden waren da aber nicht zu erwarten“, sagt Diplom-Physiker.

Der Mensch ist der
Maschine da weit voraus

Einen automatischen Alarm schnell zu analysieren und zu bewerten, das gehört zu den Aufgaben des Landeserdbebendienstes. Und der Mensch ist dabei immer noch der Maschine weit voraus. „An einer unserer Stationen kann man zum Beispiel den Fahrplan des dort entlang fahrenden Busses genauso auf unseren Messlinien sehen wie bei der Station im Aachener Dom das Glockenläuten“, zählt Lehmann schmunzelnd auf.

Die Daten der insgesamt 15 Messstationen in NRW beobachten Lehmann und seine Kollegen und werten sie aus. Was sie nicht können: Vorhersagen treffen. Denn bei aller Forschung und Erfahrung sei es unmöglich zu sagen, dass am Tag x ein Erdbeben einen bestimmten Ort beziehungsweise eine Region erschüttern wird. „Prognosen sind nicht machbar. Es kann hundert Jahre still sein, aber auch welche in diesem Jahr geben“, erläutert Lehmann.

Eine Hauptaufgabe des Landesbetriebs an der De-Greiff-Straße 195 in Krefeld sind hingegen Wahrscheinlichkeitsberechnungen – und zwar für Bauten aller Art. „Beim Bau zum Beispiel einer Talsperre muss geklärt werden, wie sie errichtet werden muss, damit sie bei einem Erdbeben funktionstüchtig bleibt“, erklärt Lehmann. Aber auch für den Bau eines simplen Einfamilienhauses gelten Din-Normen, müssen eventuell Auflagen erfüllt werden. „Um zu verhindern, dass etwas Schlimmes passiert“, so Lehmann.

Zu klären, wie groß die Gefahr an welcher Stelle ist, sei wie bei einem Puzzle. „Unser großer Schatz ist dabei der Erdbebenkatalog. In ihm werden alle Erdbeben eingetragen, derer wir habhaft werden können.“ Damit meint Lehmann auch historische Fälle. Denn die systematische Erfassung von Erdbeben ging im Rheinland erst etwa 1980 los. „Vorher gab es nur eine Handvoll Stationen, die erst ab den 1970ern gemessen haben“, erklärt Lehmann.

Gerade erst hat der 51-Jährige wieder mit Hilfe alter Quellen zwei historische Erdbeben gefunden: eines am 13. November 1883 und eines am 26. November 1891. In seiner Freizeit hat der Geophysiker die Belege für diese Vorfälle entdeckt. Denn auch abseits seiner beruflichen Tätigkeit lassen ihn die Beben nicht los. Dann sucht er nach in Archiven nach entsprechenden Dokumenten. „Oft ist zum Beispiel in Nachlässen etwas zu finden, in Tagebüchern und ähnlichem.“

Dass Lehmann zwei Krefelder Fälle entdeckte, ist überraschend. Denn eigentlich ist Krefeld fein raus. Neben den zwei gerade von ihm belegten Ereignissen mit Epizentren in Krefeld im 19. Jahrhundert gab es seit Beginn der Messungen in den 1980ern nur zwei Beben in den 2000er-Jahren. „Die waren aber nicht zu spüren“, betont Lehmann. Zwar dürfte es historisch „wahrscheinlich noch sehr viel mehr gegeben haben, aber auch wenn wir weitere identifizieren können, wird sich dadurch nicht herausstellen, dass für Krefeld größere Gefahr besteht“.

Krefeld sei im Gegensatz zu anderen Gebieten in NRW, in denen Verwerfungen wie Viersener Sprung, Erftsprung, Rurrand, Sandgewand oder Feldbiss liegen – also Sollbruchstellen im Untergrund, die sich bewegen und Spannung aufbauen, bis es „scheppert“ –, grundsätzlich relativ wenig gefährdet. „Trotzdem müssen im Süden Krefelds Vorkehrungen bei Bauten getroffen werden.“ Denn Benrad und Fischeln fallen wie beispielsweise Willich, Tönisvorst und Kempen noch in die Erdbebenzone eins. In der Erdbebenbaunorm gibt es drei solcher Zonen. Bei Zone eins wären bei Beben, die sich bis hierhin auswirken, maximal Risse bei Häusern in schlechterem Zustand zu erwarten.

Spürbar war das
Erdbeben am 22. Juli 2002

Das stärkste in Krefeld spürbare Beben, von dem man weiß, war das in Roermond im Jahr 1992, mit mehr als 100 Nachbeben in den folgenden Tagen. Die Stärke lag bei einer Magnitude von 5,9 auf der Richterskala. „Mehr als 30 Menschen wurden auf deutscher Seite verletzt. Der Sachschaden wird auf 100 Millionen Euro geschätzt.“ Auch in Krefeld wurden Gebäude beschädigt. „Meist trifft es alte Gebäude in schlechtem Zustand, die noch nicht nach den Richtlinien gebaut wurden“, sagt Lehmann, aus dem Daten, Orte und Stärken heraussprudeln, ohne dass er nachschlagen müsste.

Spürbar war in Krefeld beispielsweise auch, als sich am 22. Juli 2002, 6.50 Uhr, der Boden in Alsdorf bewegte. Gebäude wurden damals durch die Stöße beschädigt. Überrascht wurden die Experten im Jahr 2011 vom Ort eines Bebens in NRW. Die Magnitude lag in Goch bei 4,3 auf der Richterskala. „Goch hätten wir bis dahin nicht als erdbebengefährdet angesehen“, sagt Lehmann. Schuld war in diesem Fall der Viersener Sprung.