Psychotrauma-Ambulanz: Wenn Mädchen ihre Puppen fesseln

Psychotrauma-Ambulanz: Wenn Mädchen ihre Puppen fesseln

Silvia Janke ist die neue Teamleiterin der Psychotrauma-Ambulanz für Kinder und Jugendliche in der Klinik Maria Hilf.

Krefeld. Grüne Wiesen, hohe Berge, Fantasiewesen, abstraktes Gekritzel — die Pinnwand in Silvia Jankes Büro hängt voller bunter Kinderbilder. Die Kinder- und Jugendpsychotherapeutin blickt an die Wand. „Die meisten davon habe ich mitgebracht. Ich bin ja noch nicht so lange hier“, sagt sie und lächelt. Die gebürtige Brandenburgerin ist seit Januar die Teamleiterin der Psychotrauma-Ambulanz für Kinder und Jugendliche in der Klinik Maria Hilf. Vergangenes Jahr wurden dort 455 Patienten behandelt. Sie ist eine Anlaufstelle für junge Menschen bis 21 Jahre, die unter einer posttraumatischen Belastungsstörung leiden und akut traumatisiert sind.

Symbolbild. Foto: Jens Kalaene

Die farbenfrohen Malereien der Kinder stehen somit im krassen Gegensatz zu dem, was Kinder erlebt haben, die zur Notfallsprechstunde in Jankes Büro kommen: Missbrauch, Tod naher Angehöriger, Krieg.

Es ist kein einfaches Feld, in dem sich die Psychologin bewegt. Auch aus diagnostischer Sicht. „Kleine Kinder können sich natürlich sprachlich auch noch nicht so äußern. Das muss man dann spielerisch machen“, erklärt Janke. Die psychologische Beurteilung junger Patienten findet aber größtenteils auch durch Befragung Angehöriger und des nahen Umfelds statt.

In der Regel zeigen Kinder nach traumatischen Erlebnissen Verhaltensauffälligkeiten. „Sie spielen das, was ihnen passiert ist, immer wieder nach“, erklärt Janke. So fesselte ein junger Patient aus einem Kriegsgebiet immer wieder seine Puppen. „Außerdem fallen Kinder oft in frühere Entwicklungsstufen zurück, nässen beispielsweise wieder ein“, erläutert die Wahl-Düsseldorferin.

In der Notfallsprechstunde bei Silvia Janke finden junge Menschen unbürokratisch und schnell Hilfe. Im Erstgespräch wird die Lage grob eingeordnet. In der Regel kommen die jungen Patienten dann sofort in eine Stabilisierungsgruppe. „In den ambulanten Sitzungen lernen die Patienten, mit ihren extremen Gefühlen umzugehen“, so die 38-Jährige.

Auch hier müssen Janke und ihre Kollegen mit kleinen Tricks arbeiten. „Oftmals haben die Kinder und Jugendlichen nämlich keine Lust und verstehen nicht, warum Entspannungstechniken helfen können. Dann müssen wir das spielerisch lösen.“

Im Laufe der diagnostischen Beurteilung wird dann über das weitere Vorgehen entschieden. „Bei uns können die Patienten beispielsweise sofort eine Therapie beginnen. Bei niedergelassenen Therapeuten mit Wartezeiten von mindestens einem Jahr wäre das kaum möglich“, erläutert die Teamleiterin.

Dass sie mit Kindern arbeiten möchte, wusste die Psychologin schon früh. „Mein Bruder ist viel jünger als ich. Es hat mich damals schon fasziniert, die Entwicklungsverläufe zu sehen.“ Nach zehn Jahren in Berlin, wo sie auch studierte, verschlug es Janke ins Rheinland. In Krefeld machte sie ihre Ausbildung zur Kinder- und Jugendpsychotherapeutin. „Und nun bin ich in der Traumaambulanz gelandet“, sagt Janke.

Wie schafft sie es, ihre eigene Seele vor dem Leid zu schützen, mit dem sie bei der Arbeit konfrontiert wird? „Ich wende mein ganzes Arsenal an Entspannungstechniken bei mir selber an.“ Janke lacht. „Und ich bin vielleicht auch nicht ganz so sensibel wie Kollegen, die selbst Kinder haben“, merkt sie an. Den Kopf bekommt Janke am besten frei, wenn sie lange Radtouren durch den Wald macht.

Doch trotz all der traurigen Geschichten, mit denen die Psychologin immer wieder konfrontiert wird, überwiegt für sie das Positive an ihrer Arbeit. Die Erfolge. „Es ist schön zu sehen, wie die jungen Menschen mit der Zeit wieder so etwas wie Lebensfreude empfinden können“, sagt sie — und zufällig bleibt ihr Blick wieder an der Pinnwand hängen. An den bunten Kinderbildern ohne düstere Motive.

Die Gemälde geben die Gewissheit, dass auch Kinder mit schwersten seelischen Verletzungen irgendwann wieder unbeschwert sein können. Und Silvia Janke ist eine gute Begleiterin auf dem Weg dorthin.

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