Prozess: Das tödliche Ende einer verhängnisvollen Beziehung

Prozess: Das tödliche Ende einer verhängnisvollen Beziehung

Seit Dienstag ist Sebastian S. vor dem Schwurgericht angeklagt – weil er seine Freundin mit einem Kabel erdrosselte.

Krefeld. Ein neues Leben wollen Sebastian S. (24) und Derya E. (18) im Oktober 2009 in einer kleinen Wohnung in Krefeld an der Oppumer Straße beginnen - Eltern, Freunde und ein Obdachlosenheim im Raum Koblenz und Andernach vergessen. Fünf Monate später nimmt die Beziehung ein tödliches Ende.

Seit gestern muss sich das in Salvador de Bahia (Brasilien) geborene Adoptivkind eines Arztes und einer Krankenschwester vor dem Schwurgericht unter Vorsitz von Herbert Luczak verantworten. Staatsanwalt Otto Notemann wirft dem Angeklagten vor, "einen Menschen getötet zu haben, ohne Mörder zu sein": Totschlag.

Mit einem 1,50 Meter langen Antennenkabel stranguliert Sebastian S. vier Tage vor Vollendung des 25. Lebensjahres seine attraktive Freundin - am Mittag des 5. März dieses Jahres, einem Freitag. Vorausgegangen sind Streitigkeiten um 80 Euro, die am Vorabend begonnen hatten. Die temperamentvolle Derya wirft Gläser, Modellautos und andere Dinge durch die Wohnung. Fünfmal, so der Obduzent, legt der damals eher schmächtige junge Mann das Kabel um den Hals des nur 1,58 Meter großen und 46 Kilo schweren Mädchens.

"Sie wollte mit dem Kabel nach mir schlagen. Da habe ich es ihr abgenommen, sie auf das Bett geworfen und das Kabel um ihren Hals gelegt und mit aller Kraft zugezogen", beantwortet Sebastian S. ruhig die Fragen des Kammervorsitzenden zum Tathergang. Daran, dass er am Ende das Kabel noch miteinander verknotet hat, kann er sich nicht erinnern. Aber geplant habe er die Tat nicht.

Der Streit sei eskaliert, nachdem Derya die Wohnungstür abgeschlossen habe und den Schlüssel in die Hosentasche steckte. "Ich wollte meine Tasche packen und zu einem Freund", sagt Sebastian, der in vier Monaten Untersuchungshaft 20 Kilo zugenommen hat.

Obwohl Derya Beziehungen zu ihrem Ex-Freund und neuen Bekanntschaften pflegte, weist S. Eifersucht als Motiv weit zurück. Man wollte sich ohnehin trennen - Derya hatte schon eine neue Wohnung in Aussicht.

Den Prozessbeteiligten ist klar, dass hier kein Killer auf der Anklagebank sitzt. "Es war ein Unglück, dass sich die beiden getroffen haben", befindet Verteidigerin Ute Steinbrenner. Die Adoptiveltern sagen aus, dass ihr im Alter von acht Wochen aus einem Waisenhaus in Salvador geholter Junge in der Schule nie gewalttätig geworden ist.

Eine Ex-Freundin, ebenfalls brasilianisches Adoptivkind, hat vor der Polizei etwas anderes ausgesagt. Auch in dieser Beziehung muss es häufig gekracht haben. Mit 14 Jahren nahm Sebastian zum ersten Mal Drogen: Marihuana, Ecstasy, Amphetamine. Den Eltern will der Verdacht des Drogenkonsums erst später gekommen sein.

Aufgrund der Konzentrationsschwächen in der Schule (er schafft die Mittlere Reife in einem Internat, wo Drogen kursieren) wird S. positiv auf das ADS-Syndrom getestet. Doch er bricht die Medikamenten-Behandlung des Aufmerksamkeitsdefizits ab, ebenso zwei Ausbildungen. Mal verlässt er das Elternhaus, mal kehrt er zur Mutter zurück. Schließlich landet er in einem Andernacher Obdachlosenheim, in dem auch die gerade 18 gewordene Derya untergeschlüpft ist. Sie hatte den Haushalt des im Westerwald getrennt von der Mutter lebenden Vaters verlassen. Der ist jetzt Nebenkläger.

In Andernach stellt sich Sebastian S. nach der Tat noch in der Nacht der Polizei. Ehe er in Krefeld in den Zug steigt, versetzt er ein Handy, um sich Amphetamine zu besorgen - wie zuletzt zwei Tage vor dem tödlichen Streit.

Der Prozess wird Freitag fortgesetzt.

Mehr von Westdeutsche Zeitung